Sahba Salehi

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Ich bin 25 Jahre alt und komme aus Afghanistan. Ich lebe jetzt seit etwa neun Monaten hier, seit Juli 2021.

Ich gehe hier nicht zur Schule. Wer etwas für die Zukunft planen will, braucht natürlich ein hohes Sprachniveau; man muss Deutsch können. Manche Leute hier wollen zum Beispiel Krankenschwester werden. Ich hatte große Träume für mein Leben und habe sie nicht erreichen können. Jetzt, wo ich hier bin, möchte ich einen Job haben, damit ich den Stress, den ich zu Hause habe, bekämpfen kann. Ich möchte auf eigenen Beinen stehen. Die Sprache ist das Wichtigste. Ich sollte einen Kurs besuchen, damit ich meinen eigenen Weg gehen kann, egal welchen Plan ich habe.

Seit ich hier lebe, bin ich depressiv und habe viel Stress. Ich bin hier auf mich allein gestellt. In diesem Lager, in dem ich lebe, gibt es keine Frauen oder Mädchen, mit denen ich etwas unternehmen kann. Frauen und Mädchen sind die sympathischeren Menschen.

Es ist schon lange her, dass ich Afghanistan verlassen habe. Als wir das Land verlassen haben, gab es noch keinen Krieg. Das war vor 2017, ich weiß es nicht mehr genau. Ich habe die Türkei in 2017 erreicht. Da ich dort in der Türkei gearbeitet habe, kann ich mich an das Jahr erinnern, in dem ich die Stelle bekommen habe. Wir haben dort mehr als zwei Jahre gelebt. Ich habe Türkisch gelernt und kann es gut sprechen. Ich kann auch Hindi und Urdu sprechen.

Wir haben bis 2020 in der Türkei gelebt. Im Februar oder März 2020 sind wir nach Griechenland gekommen. Dort waren wir ungefähr eineinhalb Jahre lang. Und als wir dann die Anerkennung von Griechenland erhalten haben, sind wir hierher gekommen. Wir haben hier einige Familienangehörige und Verwandte. Die Brüder meiner Mutter wohnen in Deutschland, aber sie sind weit weg, vier Stunden von hier. Ich habe sie noch nicht gesehen, seit ich hier angekommen bin. Zwei meiner Brüder leben in Berlin. Sie sind vor sechs oder sieben Jahren hierher gekommen. Meine eigene Familie ist erst letztes Jahr vor Weihnachten hierher gekommen. Ich bin also vor ihnen angekommen.

Jetzt warte ich darauf, die Aufenthaltsgenehmigung aus Deutschland zu bekommen, die Sprache zu lernen und dann meine Pläne zu verfolgen.

In der Türkei gab es staatliche Kurse zum Lernen, aber die waren weit weg von uns. Die türkische Sprache ist sehr einfach, man kann sie leicht lernen. Sie ist wie die pakistanische Sprache: einfach … die einzige schwierige Sprache ist Deutsch [lacht]. Aber ich möchte auch diese Sprache lernen. Wenn es einen Kurs gibt, werde ich mich bemühen, sie zu lernen.

In der Türkei war der Ort, an dem wir gearbeitet haben, sehr schwierig. Die Regierung hat das Arbeiten auch nicht erlaubt. Manchmal waren sie sehr streng mit den Regeln und wir mussten zu Hause bleiben. Die Regierung hat uns kein Geld [Rente] gezahlt, also haben wir illegal gearbeitet. Wenn sie zu streng mit uns gewesen wären, wären wir hungrig geworden. Sie haben verstanden, dass die Einwanderer für ihr Essen arbeiten, um zu überleben [und deshalb haben sie die Regeln manchmal gelockert].

Ich habe Afghanistan mit meiner Schwester und meinem Onkel verlassen. Wir sind gegangen, weil wir Angst hatten, dass die Taliban wieder an die Macht kommen könnten. Auch die Stipendien sind abgeschafft. In der Vergangenheit gab es Stipendien, mit denen Mädchen in Frankreich, der Türkei oder Indien studieren konnten, um zu lernen und die Zukunft in Afghanistan zu verbessern. Als das abgeschafft wurde, war uns klar, dass es in Afghanistan nicht mehr dasselbe sein würde. Wegen persönlicher Dinge in unserem Leben und wegen der Angst, die wir hatten, haben wir uns entschieden, einen sicheren Ort zu suchen. Zum Beispiel in die Türkei, nach Pakistan oder in den Iran. Ich war nicht sehr lange in Pakistan und im Iran. Die meiste Zeit haben wir in der Türkei gelebt.

In Afghanistan bin ich bis zur 12. Klasse zur Schule gegangen. Ich habe auch ein bisschen Englisch gelernt. Ich hatte auch viele Freunde aus anderen Ländern, z. B. aus den Niederlanden, mit denen ich zusammen gearbeitet habe, um mit Lebensmitteln und Kindern zu helfen. Sie kamen von verschiedenen Organisationen [im Lager], und ich habe mit ihnen zusammengearbeitet.

Meistens hole ich mir hier Essen zum Mitnehmen, zum Beispiel Döner. Manchmal mache ich auch einfaches Essen. Ich bin nur eine Person. Wenn ich allein bin, bin ich faul. Als ich noch bei meiner Familie gelebt habe, habe ich morgens und mittags das ganze Essen selbst gemacht. Ich habe die ganze Hausarbeit gemacht. Jetzt, wo ich allein bin, bin ich faul und sitze nur herum. Es gibt niemanden. Das Alleinsein macht einen allmählich faul.

Wenn ich hier mit jemandem spreche, antwortet er mir auf Deutsch. Ich verstehe sehr wenig. Es gibt einige Ähnlichkeiten zum Englischen. Ich kann es lesen, aber ich lese es wie Englisch. Das ist nicht korrekt. Die Aussprache und das Alphabet sind anders.

Ich habe einen Kurs in Berlin gefunden. Sie haben mir gesagt, dass ich eine Genehmigung brauche und die habe ich noch nicht. Es ist jetzt schon 2-3 Monate her, dass ich die Unterlagen dafür abgeschickt habe, aber ich habe sie noch nicht erhalten. Jedes Mal, wenn ich mich danach erkundige, sagen sie mir, ich solle selbst studieren. Mein Gott, ich kann nicht alleine lernen. Ich lerne zwar manchmal Deutsch, aber dann verstehe ich nichts mehr. Wenn man mit Leuten spricht und viel übt, kann man es lernen. Zum Beispiel Englisch. Als ich in Afghanistan zur Schule gegangen bin, war mein Englisch sehr schlecht. Als ich dann mit meinen europäischen Freunden Englisch sprechen konnte, hat es sich verbessert.

Ich habe keinen Kontakt zu jemandem in Deutschland. Ich habe einen Freund weit weg von mir, zum Beispiel in den Niederlanden, den ich schon von früher kenne. Dann … gibt es hier auch afghanische Leute, alleinstehende Männer. Aber die würden schnell nach einer Heirat fragen. Deshalb halte ich mich von allen fern. Ich will nicht, dass sich jemand an mich bindet oder sich Hoffnungen macht.

Die täglichen Dinge und Einkäufe erledige ich selbst. Die Menschen hier sprechen afrikanische Sprachen oder die tschetschenische Sprache. Wenn ich ein Problem habe, versuche ich, mit ihnen auf Englisch zu reden, aber sie reden mit mir auf Deutsch. Ich sage ihnen: “Du kannst doch Englisch, warum sprichst du das nicht? Ich weiß, dass du Englisch kannst.” Sie sagen: “Ja, ich weiß, aber ich will nicht auf Englisch sprechen, weil ich es nicht mag. Man sollte dich zwingen, Deutsch zu lernen.” Wenn ich hier im Büro zu einem Termin (mit der Regierung) gehen muss, sprechen sie mit mir auf Deutsch. (lacht)

Ich persönlich lerne gerne Sprachen aus der ganzen Welt. Gott weiß, wie gerne ich sie alle lernen würde. Sogar mit diesen vier Sprachen, die ich kenne, habe ich das Gefühl, nichts zu wissen. Warum sollte man nur eine Sprache kennen? Wir sollten alle Sprachen können.

Ich bin sehr gut in Hindi. Ich habe es gelernt, als ich klein war. In Afghanistan waren unsere Nachbarn aus Pakistan. Ihre Kinder sprachen Urdu. Damals war ich etwa sechs Jahre alt. Als ich auch indische Filme gesehen habe, hat mir das geholfen, die Sprache zu lernen. Ich spreche Hindi und Urdu wie Farsi. Wenn es eine Stelle gibt, an der auf Türkisch oder Hindi gearbeitet wird, wie in einem indischen Hotel, oder einen Job auf Türkisch, kann ich das machen. Aber dann lerne ich hier auch Deutsch, denn das ist die Sprache und die Regel hier.

Die deutschen Menschen hier sind sehr nett, wie die Menschen in Griechenland. Die Polizei hier respektiert einen, wie in anderen europäischen Ländern. Ich mag es sehr, wie sie sich verhalten und miteinander umgehen. Sie sprechen höflich und respektvoll mit dir. Ich bin sehr zufrieden mit der Polizei und den Menschen hier. Aber ich sehe Menschen in der Klasse oder an anderen Orten, und … sie wirken alle sehr isoliert und einsam. Wenn ich im Zug sitze und die Frauen ansehe … frage ich mich, ob sie alle allein leben? (lacht)

Ich schaue mir die Leute an, und sie sind sehr nette Leute. Im Zug sehe ich vor allem die Frauen. Sie sind alle alt und haben nichts [einen Ring] an ihren Händen. Ich frage mich, ob sie ihr ganzes Leben lang allein waren. (lacht)

In den ersten paar Tagen, als ich hier angekommen bin, waren die Leute sehr hilfsbereit. Seitdem nicht mehr so sehr. Ich habe nichts Neues mehr gehört. Ich habe ein bisschen Deutsch gelernt und konnte etwas sprechen, aber auch das habe ich vergessen. Es gab einen Kurs in Frankfurt Oder, den ich ein paar Monate lang besucht habe. Ich war fast fertig mit A1. Wir haben dort gesprochen und Sätze wiederholt. Das war gut. Aber jetzt gibt es hier keinen Kurs mehr. Früher gab es einen Kurs, einmal pro Woche, aber der wurde geschlossen.

Einmal, als wir in der Türkei waren, habe ich meiner Mutter erzählt, dass ich in der Nacht zuvor geträumt habe, dass wir in Deutschland leben würden. Meine Mutter sagte, ich sei verrückt geworden. Ich hatte keinen Plan [hierher zu kommen] … Ich wusste es nicht, glaubte nicht, dass ich eines Tages hierher kommen würde. Meine beiden Brüder, die in Deutschland leben, habe ich angerufen und sie gefragt, ob sie mir die Erlaubnis geben würden, nach Deutschland zu kommen? Sie haben gesagt: “Nein, nein, nein, das kannst du nicht machen. Du siehst das Meer. Du darfst das nicht tun”. Es war wegen des Meeres, das sehr gefährlich war. Es ist ein riesiges Meer. Meine Brüder waren also nicht einverstanden, aber ich habe es trotzdem gemacht, aus eigenem Interesse. Mein Bruder hat gesagt, er hat diese Reise gesehen und wusste von der Gefahr. “Die Türkei ist besser für dich”. Aber er wusste nichts über uns, über die vielen Schwierigkeiten, die wir dort hatten.

In der Nacht, in der wir mit dem Schiff über das Meer fuhren, war es sehr stürmisch. Die ganze Nacht war das Schiff vom Sturm bedroht. Die Kinder weinten alle. Alle unsere Sachen sind gesunken. Wir haben eine Organisation angerufen, um uns zu helfen. Wir haben ihnen unseren Standort mitgeteilt. Sie haben das ganze Meer abgesucht und konnten uns nicht finden. Als sie uns gefunden haben, war es schon fast Morgen. Das Schiff war kaputt, stand unter Wasser und war voller Wasser. Zu viel Wasser. Sie haben zuerst die kleinen Kinder geholt, dann die Frauen und dann die Männer. Weil das Schiff kaputt war, sind alle unsere Sachen ins Wasser gefallen. Gott sei Dank, dass sie uns gerettet haben. Ich habe meinen Bruder angerufen und gesagt, dass wir jetzt in Griechenland sind. Er war glücklich, aber auch traurig, dass dieser [Vorfall] passiert war. Er hat gesagt: “Ich wusste, dass so etwas passieren kann. Deshalb habe ich euch gesagt, dass ihr nicht kommen sollt”. Zwei Monate nach unserer Ankunft in Griechenland waren wir in Lesbos, als das Feuer geschah. Überall, wo wir waren, sind gefährliche Dinge passiert. Wieder haben wir unser Hab und Gut bei dem Feuer verloren. Mein Reisepass ist im Wasser verloren gegangen. Ich hatte meine Tazkira (afghanischer Personalausweis) in meiner Tasche dabei, aber auch die ist im Feuer verbrannt.

Bevor ich nach Deutschland gekommen bin, hat sich der Name des Landes für mich so schön angehört. Alle haben gesagt: Nein, kommt nicht hierher, es gibt hier zu viele Einwanderer. Keiner hat uns gesagt, wir sollen kommen. Ich habe gedacht, die sind alle weggegangen und sagen uns jetzt, wir sollen nicht kommen. Mein Bruder hat mir gesagt, dass sich das alles nur aus der Ferne schön anhört.

Aber hier gibt es auch gute Dinge. Sie unterstützen die Einwanderer so sehr, die deutsche Regierung hilft sehr viel. Manchmal denke ich mir: Hat die deutsche Regierung eine Geldmaschine? (lacht) Ich denke, Gott muss ihnen helfen. Ich bin mit allem zufrieden, ich kann gar nicht genug sagen. Das Einzige, was mir fehlt, ist der Unterricht, der hoffentlich bald stattfinden wird.

Manchmal fahre ich mit dem Fahrrad zu diesem See hier in der Nähe, wenn ich zu viel Zeit im Zimmer verbringe und etwas Luft schnappen möchte. Ich wünsche mir, dass es hier wenigstens ein paar andere Mädchen gibt, mit denen ich Freundschaften schließen kann. Deutschland ist ein schönes Land. Der ganze Stress, den ich habe, kommt von der Einsamkeit. Ich habe keine Freunde oder Verwandte um mich herum.

Ich war hier noch nicht beim Arzt. Das war auch nicht nötig. Früher hatte ich sehr starke Allergien, aber seit ich hier bin, bin ich nicht mehr krank geworden. Als sie mich gefragt haben, ob ich irgendwelche Krankheiten habe, damit sie sie [in die Bewerbungsunterlagen] eintragen können, habe ich nur gesagt, dass ich Angstzustände habe. Ich wollte das nicht sagen, aber ich habe es trotzdem getan.

Ich habe mit niemandem Kontakt. Manchmal, wenn ich irgendwo im Zug sitze, z. B. zu einem Vorstellungsgespräch, schicke ich die Adresse an meine deutsche Freundin in den Niederlanden, und sie zeigt mir den Weg und die Züge, um mir zu helfen.

Ich bin ein sehr geselliger Mensch, vor allem mit anderen Frauen. Ich möchte auch viele Aspekte der Kultur kennenlernen und nicht nur [die Sprache] lernen. Wir sollten ihre Kultur akzeptieren, uns verändern und uns so verhalten, wie sie es tun. Es stimmt, dass die afghanische Kultur sehr unterschiedlich ist. Wenn wir einige Dinge nicht akzeptieren können, müssen wir zumindest versuchen, uns trotzdem höflich zu verhalten. Es gibt viele Dinge, die sich ändern müssen. Es gibt keinen Zwang, und manche Menschen ändern sich nicht wirklich, aber manche schon. Mit den Unterschieden meine ich den freundlichen Umgang mit Menschen und auch kulturelle Dinge. Ich habe zum Beispiel früher einen Hijab getragen. In Afghanistan konnte ich nicht ohne Hijab gehen. Im Iran war es etwas besser, aber trotzdem kann man nicht ohne ihn gehen.

Man sollte einen Plan für das Leben haben, in Bezug auf das Leben und die Arbeit. Wenn man einen guten Job hat, wenn man die Sprache lernt, wenn man sich ein Leben aufbaut, dann wird man auch von der Regierung akzeptiert. Wenn sie dich nicht akzeptiert, zwingt sie dich sowieso nicht, du kannst deinen eigenen Weg gehen. Es ist wichtig, dass man nicht auf die Regierung angewiesen ist oder auf die Hilfe von Freunden und Verwandten, sondern dass man sich sein Leben selbst aufbaut. Es ist gut für einen Menschen, auf eigenen Beinen zu stehen.

Wenn man hier die Sprache lernt, dann kann man eine Ausbildung machen. Für manche Stellen braucht man einen Abschluss der zwölften Klasse. Den habe ich aber nicht, weil er im Feuer verbrannt ist. Aber einige Leute mit guten Sprachkenntnissen können ein Studienfach wählen oder eine Ausbildung in der Küche oder in einem Hotel machen. Wenn man die Sprache kann, dann kann man etwas Nützliches tun, etwas Nützliches für sich selbst und für alle.

Ich muss sehen, wie sehr sich meine Sprache verbessern kann, wie viel ich lernen kann. Ich schaue mir Videos auf Youtube [über Deutsch] an und sehe, wie sie sich von anderen Sprachen unterscheidet. Ich dachte immer, es sei einfach, aber es ist schwierig im Vergleich zu anderen Sprachen. Ich muss lernen, an mich selbst zu glauben. Wenn man an sich selbst glaubt, kann man im Leben etwas erreichen. Ich hätte gerne einen guten Beruf, z. B. Krankenschwester oder Köchin, damit ich etwas zu tun habe.

Ich spreche nicht oft mit anderen über mein Privatleben und mische mich auch nicht in das Leben anderer Leute ein. Wenn mir jemand von seinem Leben erzählen will, erzähle ich es ihm natürlich auch. Aber ich spreche nicht viel über mein Privatleben.

 

 

 

 

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