- Idir und das Warten - Oktober 2, 2026
Vor etwa zweieinhalb Jahren sprachen wir mit Idir aus Algerien. Das entsprechende Interview finden Sie hier. Sein erster Antrag auf eine Aufenthaltsgenehmigung war abgelehnt worden, woraufhin Idir Widerspruch einlegte. Wie geht es ihm seitdem?
Ich bin jetzt bereits seit über drei Jahren in Deutschland. Heute freue ich mich, meine Geschichte weiter zu erzählen. Im April 2024 wurde mein Antrag auf Asyl zurückgewiesen, ich erhielt keine Duldung. Der gelbe Brief traf ein. Ab diesem Zeitpunkt hat man sieben Tage Zeit, um Einspruch einzulegen. Sobald der Brief angekommen war, versuchte ich alles, um einen Anwalt zu organisieren, welcher mich juristisch unterstützt und für mich Klage beim Verwaltungsgericht gegen den Ablehnungsbescheid einreicht. In der Zwischenzeit hatte ich weitere Beweise erhalten, die meine Geschichte und den Grund meiner Flucht unterstützten. Diese reichte mein Anwalt beim Gericht ein. Die befristete Aufenthaltsgestattung, die ich seit meinem Antrag auf Asyl erhalten habe sorgt in vielen Situationen dafür, dass ich abgestempelt und stigmatisiert werden. Ich wünsche mir sehr einen festen Aufenthaltstitel zu bekommen, damit ich für immer Deutschland bleiben kann, keine Angst mehr haben muss zurück geschickt zu werden und endlich frei bin.
Danach habe ich einen Deutschkurs in Wedding gemacht. Mein größtes Ziel war es, endlich eine Arbeitserlaubnis zu bekommen, um fest Arbeiten und mir ein Leben aufbauen zu können. Leider haben meine Freundin und ich uns nach einiger Zeit getrennt. Deswegen musste ich täglich über vier Stunden aus meiner Unterkunft in Bliesdorf hin und zurück pendeln, um am Deutsch- und Integrationskurs teilzunehmen. Ich bestand den Deutschtest und habe jetzt B1. Das macht mich sehr glücklich. Außerdem habe ich einen Integrationstest gemacht, bei dem ich die ganze deutsche Geschichte, das Grundgesetz, Regeln in der Gesellschaft und noch vieles mehr gelernt habe.
Die Beantragung meiner Arbeitserlaubnis dauerte ungefähr acht bis zwölf Monate. Das Problem ist, dass die Behörde, nachdem man den Antrag abgeschickt hat immer mehr Dokumente anfordert. Weil das oft nicht direkt bearbeitet wird, dauert es ewig, bis man eine Arbeitserlaubnis bekommt. Bei mir war das vergleichsweise noch schnell. Nachdem ich meine Arbeitserlaubnis hatte, habe ich über Telegramm eine Arbeit in Rheinsberg gefunden. Dort arbeite ich jetzt seit August 2025 als Haustechniker, ich bin der Mann für alles: Wo Probleme auftreten fahren wir hin und lösen sie. Mein Vertrag hier ist befristet aber, wenn er ausläuft werde ich weiter übernommen
Der Anfang in Rheinsberg bei meinem neuen Job war nicht leicht. Viele denken, dass man als Ausländer nichts kann und keine gute Arbeit macht. Meine Kollegen haben mich am Anfang sehr misstrauisch beobachtet. Wenn sie dachten, dass ich sie nicht verstehen kann, haben sie sich über mich lustig gemacht. Seit sie gemerkt haben, dass ich gut bin in dem was ich tue, sind sie netter geworden. Mit meinen Kunden, die oft Senioren sind, habe ich ganz andere Erfahrungen gemacht. Sie sind immer sehr nett zu mir. Wenn ich komme, um mir etwas anzusehen oder zu reparieren, bieten sie mir etwas zu trinken an. Dann unterhalten wir uns gerne und ich streichle ihre Haustiere.
Trotzdem ist es in meiner Stadt manchmal schwierig. Viele sehen mich, und denken direkt negativ über mich, weil ich nicht Deutsch aussehe. Deswegen bin ich schon in Konflikte geraten. In einer Bar wurde ich rassistisch und abwertend beleidigt. Als ich versucht habe den Konflikt in einem Gespräch zu klären, wurde dir Polizei gerufen. In einer Bar wollten sie mir kein Bier ausschenken. Solche Dinge passieren mir andauernd im Alltag, weshalb ich mich in Rheinsberg nicht wirklich wohl fühle. Aktuell wohne ich mit zwei Frauen aus meiner Firma in einer WG, aber ich möchte gerne mein eigenes Zuhause haben, damit ich endlich ankommen und mich sicher fühlen kann. In Berlin gibt mir niemand Böse Augen, dort akzeptieren mich die Menschen und sehen mich ganz. Hier möchte ich hinziehen und mir ein Zuhause aufbauen.
Die Arbeit in Rheinsberg macht mir zwar Spaß, aber ich wünsche mir sehr nach Berlin zu ziehen, bei einer großen Firma zu arbeiten und die Straßenbahn zu fahren. Deswegen versuche ich, im Herbst mein B2 zu schaffen, damit ich mich wieder bei der deutschen Bahn bewerben kann. Ich gebe alles, um das endlich zu erreichen.
Ich warte nun schon seit drei Jahren darauf, fest in Deutschland bleiben zu können. Dass der Prozess so lange dauert frustriert mich sehr, weil mir andauernd gesagt wird, dass ich abwarten soll. Ich würde sehr gerne mit dem Richter persönlich sprechen, um ihm meine Geschichte erzählen zu können. Oft entscheiden sie im Gericht darüber, ob du bleiben kannst oder nicht, ohne je mit ihnen gesprochen zu haben. Das macht mich sehr traurig. Außerdem habe ich sehr große Angst, zurück nach Algerien geschickt zu werden. Das Land ist schon lange nicht mehr mein Zuhause. ,,Lieber sterbe ich, als zurück nach Algerien zu gehen“. Ich träume nachts sehr oft, dass ich zurückgehen muss. Dann wache ich auf und weine. Ich verstehe nicht, dass Menschen denken, dass man sein Land aus Spaß verlässt. Ich kann nicht mehr zurück. Und ich hoffe, dass sie entscheiden, dass ich für immer hierbleiben kann.
Es gibt sehr viele bürokratische Blockaden. Die größte ist, dass man nie eine Antwort bekommt und oft etwas fehlt. Häufig haben die Stellen keine Zeit, um einem zu helfen, weil so viele Hilfe benötigen. In meiner Unterkunft war außerdem oft kein Sozialarbeiter. Wenn er kam wollte er nur Deutsch sprechen und die Schlange war endlos. Ich glaube, wenn man es nicht alleine schafft, bekommt man nie eine Arbeitserlaubnis oder irgendwelche Bescheinigungen. Das BAMF hat meinen Asylantrag abgelehnt. Nachdem ich darüber mit meinem Anwalt dagegen gewehrt habe, hat das Verwaltungsgericht meine Klage zur Prüfung angenommen. Das BAMF muss wieder alles überprüfen und antworten, und bis das Gericht entscheidet kann es dauern. Die Ausländerbehörde sagt, es bleibt mir nichts Anderes übrig, als zu warten. Es frustriert mich außerdem sehr, dass mir diese drei Jahre, trotz Integrationskurs nicht angerechnet werden. Ich habe das Gefühl, dass ich mich in einer Art ,,administrativem Gefängnis“ befinde, weil ich immer nur warten kann.
Das alles macht viel mit mir. Ich habe Angst- Angst, zurückgewiesen zu werden, in ein Land, in dem es mir nicht gut ergehen wird. Außerdem habe ich Angst meine neue Heimat verlassen zu müssen. Dieses Gefühl begleitet mich immer. Weil ich immer in einer Unsicherheit lebe.
Durch meine Sprachen habe ich viele Schlüssel, die mir Türen öffnen. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich verstehe meistens, was die Menschen über mich sagen, was sie von mir wollen, und kann mich ausdrücken. Ich glaube aber, dass es ein großes Problem ist, dass die Heime, in denen wir leben, oft nicht in der Nähe von Dörfern oder Städten liegen. Dadurch haben wir keinen Kontakt zur Außenwelt oder zu Deutschen. Wie soll man sich integrieren, wenn man nicht weiß, wie? Außerdem kann man an diesen Orten nichts tun, während man zum Beispiel auf einen Deutschkurs oder eine Arbeitserlaubnis wartet. Man schläft, man wartet, isst und schläft wieder. Deswegen denke ich, dass, sobald man in Deutschland angekommen ist, Schulen bereitgestellt werden sollten, in denen man lernen kann. Vielen wird das verwehrt, beziehungsweise ist der bürokratische Aufwand oft so hoch, dass man ewig wartet, oft mehrere Monate oder Jahre. Auf diesem Weg werden viele Menschen verloren.
Mein größter Traum ist es, eine Frau zu finden und Kinder zu bekommen. Ich möchte sehr gerne eine Familie haben, zu der ich abends nach Hause kommen, mit der ich kochen und essen kann. Außerdem wünsche ich mir, eine eigene Wohnung mieten zu können. Meine Adresse ist immer noch in Bliesdorf, obwohl ich dort nicht mehr lebe. Der Grund ist, dass meine Aufenthaltserlaubnis befristet ist. Ich habe mir schon oft Wohnungen angesehen. Ich arbeite viel und habe genug Geld, um eine Wohnung zu mieten und eine Kaution zu bezahlen. Aber sobald ich den Vermietern meine befristete Aufenthaltserlaubnis zeige, sagen sie mir, dass sie mir die Wohnung nicht vermieten können. Ich hoffe, dass ich mir irgendwann ein richtiges Leben aufbauen, und für immer hierbleiben kann.