Das Anfechten extremer Wahrheitsansprüche: Wie man mit monistischen Denkern über die offene, pluralistische Gesellschaft deliberiert


Stellen wir uns vor, wir haben es mit einer Person mit einer eher monistischen Denkweise zu tun. Diese Person glaubt, vermutet oder hofft, dass alle Fragen nur eine richtige Antwort haben können, dass alle diese Antworten in einem einheitlichen System harmonisch geordnet werden können, und dass einige Menschen oder Institutionen (die Kirche, die Partei, die Bewegung, der Staat) diese richtigen Antworten am meisten kennen. Folglich scheint es ratsam sich an diese Leute oder die, die im Namen dieser Institutionen sprechen, zu halten. Die monistisch denkende Person könnte auch glauben oder annehmen, dass die richtigen Antworten alle Bereiche des Lebens und der Gesellschaft durchdringen und aufklären sollten. Daher ist eine Trennung zwischen Kirche und Staat oder zwischen Partei und Staat nicht erwünscht. So sollte es auch keinen sozialen und politischen Pluralismus oder eine Gewaltenteilung geben. All dies würde nur suggerieren, dass es Ungewissheiten und Mehrdeutigkeiten gibt. Zudem könnten einige Personen mit dieser Denkweise auch so überzeugt von der Wahrheit ihrer Antworten sein, dass sie keinen Sinn darin sehen, die falschen Antworten anderer zu tolerieren: diese sich täuschenden und boshaften Menschen sollten mit allen möglichen Mitteln zu den richtigen Einsichten gebracht werden, wenn nötig mit Gewalt.

Menschen mit monistischen Denkweisen sind in allen Zeiten und Orten zu finden. Sie können unter Christen, Juden, Muslimen, Marxisten, Maoisten, Faschisten und vielen anderen Leidenschaften und Obsessionen vorkommen. Im Fall der Muslime kann man denken an Islamisten wie Salafisten und Dschihadisten (siehe den Artikel von Florentin Münstermann für einen Überblick über monistische Denkweisen unter Islamisten). Sie alle sind gegen Pluralisten. Pluralisten glauben, dass Fragen, besonders ethische und politische, verschiedene plausible Antworten haben können, dass diese Antworten oft zusammenstoßen und, dass man daher immer wieder nach Kompromissen suchen muss. Dieser pluralistische Glaube wird in Handelsempfehlungen übersetzt, die darlegen wie das soziale und politische Leben organisiert werden sollte: Religions-, Meinungs- und Organisationsfreiheit drücken zum Beispiel aus, dass wir nicht sicher wissen, welche Religionen, Reden und Organisationen eine Wahrheit repräsentieren. Daher ist eine Vielzahl von religiösen, sozialen und politischen Organisationen das unvermeidliche Ergebnis dieser Freiheiten, ein Ergebnis, das als Ausdruck der Wahrheit des Pluralismus‘ begrüßt und gefördert werden sollte (vgl. Blokland 1997, 1999, 2006, 2011, 2017, 2018).

Menschen werden durch eine Vielzahl von psychologischen, sozialen und intellektuellen Faktoren in Richtung des Monismus getrieben. Hier konzentrieren wir uns auf Ideen. Auch wenn die Motive hinter dem monistischen Extremismus nicht intellektuell sind, wird die Position selbst am Ende immer mit Ideen verteidigt. Diese Ideen erzeugen Intoleranz, Unterdrückung, Tyrannei und Gewalt und müssen deshalb konfrontiert werden. Ist das möglich ohne  gleich die Polizei oder die Armee zu rufen? Wie können wir in eine sinnvolle Diskussion mit Menschen kommen, die monistisch denken, fühlen oder dazu tendieren?

Annahmen bewerten, indem sie offengelegt werden

Zunächst muss erkannt werden, dass Menschen selten eine gut durchdachte, kohärente Weltanschauung haben (Lane 1962, 1972). Insofern als, dass sie Ideen über Menschen, die Gesellschaft und die Welt haben, sind sie sich ihrer Annahmen auch nicht immer bewusst. Vieles von dem, was wir glauben, bleibt implizit und unreflektiert (Kahneman 2011). Viele unserer Überzeugungen und Annahmen können auch unbegründet, ungerechtfertigt, inkohärent und widersprüchlich bleiben, weil wir kaum aufgefordert werden, sie explizit zu machen und kritisch zu bewerten. Wir selbst sind nicht immer sehr motiviert, uns hiermit aktiv zu beschäftigen: Es könnte zu kognitiver Überlastung, Zweifel, Unsicherheit, und Unentschlossenheit führen. Oft fühlt es sich einfach besser an, tiefgehendes Denken zu vermeiden und im Dunkeln zu bleiben. Dennoch kann diese Dunkelheit persönliche, soziale und politische Probleme verursachen. Wenn dies der Fall ist, müssen die Probleme und ihre Ursachen konfrontiert werden, und Deliberation, eine gemeinsame Suche nach den Grundlagen unseres Denkens, könnte helfen.

So könnte die Deliberation fundamentaler Ideen unser Bewusstsein von bestimmten Annahmen, ihrer Folgen und dem Ausmaß, in dem sie zusammenhängen, stärken. Das Bewusstsein von Annahmen könnte die Menschen bereits dazu bringen, diese zu hinterfragen und zu überdenken: “Glaube ich wirklich, dass es nur eine Wahrheit gibt?”; “Wie passt das zu meinen täglichen Erfahrungen?”. Das Bewusstsein von logischen Konsequenzen bestimmter Annahmen könnte das Gleiche bewirken: “Will ich wirklich Gegensätze unterdrücken, nur weil ich annehme, dass es eine einzige Wahrheit gibt, die von einigen Gelehrten gekannt ist, weil sie ein bestimmtes heiliges oder gelehrtes Buch studieren?”. Da bestimmte Annahmen möglicherweise nicht zusammenpassen und die Menschen meist das Bedürfnis haben, konsequent zu sein, könnten die Menschen einige davon überdenken und widerlegen:

“Bis jetzt habe ich angenommen, dass es im Kosmos Ordnung gibt, dass einige Menschen oder Institutionen diese Ordnung gut kennen und die Wahrheiten des Kosmos in unserer Gesellschaft und Politik angemessen umsetzen. Trotzdem erlebe ich persönlich, dass Werte immer wieder zusammenstoßen und abgewogen werden müssen. Auch die gegenwärtigen gesellschaftlichen Umsetzungen vermeintlicher höherer Einsichten scheinen zu Zusammenstößen und Inkongruenzen zwischen Werten zu führen, besonders zu meinen persönlichen Werten. Vielleicht gibt es keinen solche Ordnung, oder vielleicht sind die Leute, die jetzt behaupten, die Wahrheiten zu kennen, die durch diese Ordnung erzeugt werden, falsch oder irreführend. Vielleicht sind wir einfach nicht in der Lage, diese Ordnung überhaupt zu kennen, selbst wenn sie existieren würde.”

Vielleicht wäre eine mehr zutreffende Beschreibung unserer conditio humana, dass es eine große Vielfalt an Werten und Zielen gibt, für die es sich zu sterben lohnt, aber dass diese Werte und Ziele unglücklicherweise oft miteinander kollidieren und folglich ausgeglichen werden müssen (vgl. Berlin 1958, 1962).

Dementsprechend könnte es bereits sinnvoll sein, über monistische Annahmen zu deliberieren, weil sie somit explizit und offen für Bewertung, Verfeinerung, Überprüfung und sogar Widerlegung gemacht werden.

Werte auswerten durch Konfrontation mit unseren Erfahrungen

Um den vorherigen Gedanken fortzusetzen: Wir können Werte explizit bewerten oder kritisieren, indem wir sie unseren täglichen Erfahrungen, Intuitionen oder beiden gegenüberstellen. Die Annahme, dass, wenn zwei Menschen durch bestimmte Umstände unterschiedlichen normative Prioritäten haben, nur einer (oder keiner) die Wahrheit sagt, kann einfach nicht mit unseren Lebenserfahrungen und bereits bestehenden Intuitionen, woher auch immer sie kommen, übereinstimmen.

Menschen haben metaphysische (z.B. der Kosmos ist logisch strukturiert), erkenntnistheoretische (z.B. sind wir in der Lage, Wissen dieser Ordnung auf spezifische Weise zu erwerben) und ethische (Standards für richtig und falsch) Annahmen oder Überzeugungen. Diese Annahmen werden in unterschiedlichem Ausmaß erläutert, in Betracht gezogen und miteinander verknüpft. Unsere ethischen Annahmen oder Werte haben für andere Menschen in unserem täglichen Leben die meisten Folgen: die Ethik reguliert und ordnet die Beziehungen und Interaktionen zwischen Menschen. Diskussionen über unsere ethischen Annahmen sind daher dringend erforderlich. Diese Diskussionen könnten auch Folgen für die metaphysischen und erkenntnistheoretischen Annahmen der Menschen haben: Wenn man herausfindet, dass Werte in verschiedenen Kontexten zusammenstoßen und unterschiedlich gewichtet sind, könnten Zweifel an der Annahme entstehen, dass wir die ultimative, unveränderliche Wahrheit in Bezug auf Werte kennen können, oder ob solch eine Wahrheit überhaupt existiert.

Was macht eine rationale Diskussion über Werte aus? Bestimmte Werte zu haben, ist vor allem kein Zufall. Sie sind Ausdruck dessen, was wir für die menschliche Kondition als inhärent und für das menschliche Leben als wesentlich erachten. Das erklärt, warum es einen “Horizont” signifikanter Werte (Taylor 1991) gibt, der für verschiedene Menschen in verschiedenen Zeiten und Kulturen gleichermaßen erkennbar ist. Das erklärt auch, warum wir diese Menschen und ihre kulturellen Produkte grundsätzlich verstehen können, auch wenn ihre Kulturen vor Tausenden von Jahren verschwunden sind. Sie könnten widersprüchliche Werte auf unterschiedliche Weise ausgleichen, aber den Konflikt zwischen den Werte können wir erkennen, einfühlen und verstehen, sowie die Werte, die ausgeglichen werden müssen. Die Vielfalt der Werte, die wir uns vorstellen können, ist begrenzt. Es gibt ein Mindestmaß an Werten, die wir als Menschen teilen (Blokland 1999).

In seinem berühmten Aufsatz Does political theory still exist?  schreibt Isaiah Berlin, dass wir den Begriff “Mensch” nur in Kategorien wie gut und böse, richtig und falsch, Freiheit und Zwang, Glück und Unglück verstehen können, und dass es daher eher exzentrisch und unnachahmlich wäre, jemanden als einen Menschen zu bezeichnen, für den Begriffe wie Gerechtigkeit, Wahrheit, Freiheit, Hoffnung und Furcht keine Bedeutung haben. Dementsprechend sind einige Werte untrennbar mit dem Konzept des “Menschen” verbunden. Berlin schreibt:

“… wenn ich einen Mann finde, dem es buchstäblich egal ist, ob er einen Kieselstein tritt oder seine Familie tötet, da beides ein Gegenmittel gegen Langeweile oder Untätigkeit sein würde, werde ich nicht, wie konsequente Relativisten, dazu gesinnt sein, ihm einen anderen Moralkodex zuzuschreiben, der sich von meinem eigenen oder von dem der meisten Menschen unterscheidet. Ich werde aber beginnen, von Wahnsinn und Unmenschlichkeit zu sprechen; Ich werde geneigt sein, ihn für verrückt zu halten, so wie ein Mann, der denkt, dass er Napoleon ist, verrückt ist; Damit will ich sagen, dass ich ein solches Wesen überhaupt nicht für einen Menschen halte. Es sind Fälle dieser Art, die deutlich zu machen scheinen, dass die Fähigkeit, universelle – oder fast universale – Werte zu erkennen, in die Analyse solcher Grundbegriffe wie “Mensch”, “Rationalität”, “geistig gesund”, “natürlich”, usw. (…), die den modernen Übersetzungen des Wahrheitskerns in der alten a priori Naturrechtstradition zugrunde liegen “(Berlin 1962: 166).[1]

Woher kommen diese Werte? Wir wissen es nicht, aber es ist auch nicht wirklich notwendig, diese Frage zu beantworten. Vielleicht hat ein Gott sie erschaffen, vielleicht liegt der Ursprung in der Biologie und in der natürlichen Selektion. Fakt ist, diese Werte existieren. Ihre Existenz erleben wir alle. Wir alle kämpfen mit den Konflikten und dem notwendigen Ausgleichen dieser Werte. Darauf können wir aufbauen. Wenn wir Werte diskutieren, beziehen wir uns auf Werte und Konflikte, mit denen wir alle vertraut sind.

Wir können normative Positionen kritisieren, indem wir sie mit den Werten und den Konflikten zwischen den Werten, die wir alle erleben und anerkennen, konfrontieren. Es gibt eine Grenze für die Vielfalt der normativen Positionen, die wir uns als Teil des menschlichen Daseins vorstellen können und wollen. Jemand, der gerne Leute in einem Einkaufszentrum oder in einer Schule erschießt, ist keine Person mit einem einzigartigen Hobby, sondern nur ein verrückter Mann.

 

Kontext schaffen um über Werte zu reflektieren

Aber das ist nicht alles. Werte hängen zusammen, sind verbunden, in verschiedenen Konfigurationen unter verschiedenen Umständen. Eine Begründung eines bestimmten Wertes besteht auch aus Verweisen auf die anderen für den Einzelfall oder für die Situation relevanten Werte. Man sucht nicht hinter dem zu begründenden Wert einen ultimativen Wert, sondern man zeigt, wie widersprüchliche Werte ausgeglichen wurden, wie andere relevante Werte zusammenhängen und respektiert wurden, und warum die Kosten für die Realisierung des Wertes angemessen sind im Vergleich zu den Kosten, die für die Realisierung anderer signifikanter Werte nötig waren. Diese Argumentationen sind rational, nicht im Sinne von “logisch” (wenn A dann gilt zwangsläufig B), sondern durch Gründe zu geben. Gründe, die erklärbar, verständlich, diskutabel, kohärent, und konsistent sind.

Mit anderen Worten, wir deliberieren nicht über einzelne Annahmen, Ideen oder Werte, sondern stellen sie in einen größeren Zusammenhang. Wir diskutieren Ideen oder Werte nicht als separate, verschiedene Einheiten; Stattdessen entwickeln wir gemeinsam ein Verständnis für ein Geflecht miteinander verbundener, voneinander abhängiger und sich gegenseitig unterstützender Ideen und Werte. Dieses Netz von Ideen und Werten ist in seiner Gesamtheit plausibel und attraktiv im Vergleich zu konkurrierenden Netzen. Das Plausibilitätsniveau hängt davon ab, inwieweit es mit unseren bereits existierenden normativen Intuitionen in Resonanz steht, inwieweit dieses Netz von Ideen und Werten ein kohärentes und konsistentes Ganzes bildet und inwieweit es dem (immer) vorläufigen empirischen Wissen über Mensch und Gesellschaft zugrunde steht.

Schon indem wir Annahmen, Ideen oder Werte kontextualisieren, untergraben wir die Plausibilität des Monismus. Der Kontext zeigt, dass Ideen und Werte regelmäßig kollidieren, dass wir nicht immer alles haben können, dass wir oft Kompromisse finden müssen und, dass wir dies nicht ein für alle Mal abschließen können. Stattdessen müssen wir unter ständig wechselnden Umständen, wo Werte unterschiedliche Gewichte und Dringlichkeiten haben, daran arbeiten.

Mit anderen Worten, wie wir unterschiedliche Werte abwägen, hängt von den Umständen und den für diese Umstände relevanten Werten ab. Die Abwägung dieser Werte erfolgt auch nicht im abstrakten Sinne, sondern immer in Bezug auf die Kosten der Realisierung dieser und der verbundenen Werte und mit Rücksichtnahme auf die Folgen für andere Werte (vgl. Brecht 1959, Lindblom 1959, 1963). Daher wird der Wert „negative Freiheit“ – die Fähigkeit, das zu tun oder zu sein, wozu man fähig ist, ohne die Einmischung oder Intervention anderer – in einem totalitären Staat wahrscheinlich höher eingestuft als in einer stabilen offenen Demokratie. Und wenn wir diese Dimension der Freiheit mit Gleichheit, persönlicher Autonomie, positiver politischer Freiheit (der kollektiven Fähigkeit sozialen Entwicklungen zu steuern), Kameradschaft, Verteilungsgerechtigkeit, Gewaltfreiheit oder Frieden usw. in Einklang bringen müssen, werden wir dies in Nordkorea, Syrien oder Irak anders machen als in Deutschland, Frankreich oder den USA.

Und obwohl viele von uns gerne ein Leben führen würden, welches unglaublich abenteuerlich oder episch und gleichzeitig unglaublich sicher oder geschützt ist, wissen wir, dass wir ein Gleichgewicht finden müssen. Wir wissen auch, dass die relativen Kosten für mehr Sicherheit und Schutz überproportional zunehmen, je sicherer und geschützter wir sind.

Wesensmäßige umstrittene Begriffe: Freiheit

Lassen Sie uns dies anhand einer Diskussion von Essentially Contested Concepts (wesensmäßig umstrittene Begriffe) und von “Freiheit” als ein Beispiel für diese Art von Konzepten erläutern.

Wie bereits an anderer Stelle (Blokland 2018) beschrieben, haben wir in den Deliberationen von Social Science Works, die wir mit Gruppen unterschiedlichster kultureller Herkunft hatten, Themen wie Demokratie, Bürgerschaft, Pluralismus, Freiheit, Autonomie, Respekt, Toleranz und Geschlechtergleichheit als „wesensmäßig umstrittene Begriffe“ vorgestellt. Typischerweise sind diese Konzepte stark miteinander verknüpft und erhalten ihre Bedeutung in einem einigermaßen konsistenten und kohärenten Netzwerk verwandter Konzepte. Bei der Definition eines Konzeptes verwenden wir immer andere wesensmäßig umstrittene Konzepte. Und jede Diskussion eines bestimmten Konzepts führt irgendwann dazu, dass auch andere Konzepte diskutiert werden müssen (Gallie 1956; Gray 1977; Blokland 1997: 6-7). Darüber hinaus erhalten diese Konzepte immer ihre Bedeutung im Rahmen einer sozialen und politischen Theorie oder eines Ideennetzes, eine Theorie, die letztlich auf Visionen von Mensch, Gesellschaft und Welt beruht. Da diese Visionen unweigerlich philosophisch inspiriert sind, sind diese Bedeutungen immer offen für Diskussionen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass jede gegebene Bedeutung gleichermaßen plausibel ist.

In Zusammenarbeit mit den Teilnehmern unserer deliberativen Workshops erkunden, untersuchen und durchdenken wir, wie Ideen zu Konzepten wie Demokratie, Freiheit, Toleranz und Emanzipation zusammenhängen, sich gegenseitig nähren und unterstützen und letztlich auf unserem Verständnis beruhen, was es bedeutet ein Mensch zu sein und was es bedeutet, in einer guten Gesellschaft zu leben. Gemeinsam versuchen wir ein Verständnis für ein komplexes Geflecht sich gegenseitig verstärkender Werte, Ideen und Perspektiven zu entwickeln.

Zum Beispiel beruht jede Definition von Freiheit auch auf einer bestimmten Sicht über Menschen. Wir haben einige explizite oder (häufiger) implizite Ideen und Erwartungen darüber, was einen Menschen ausmacht, was ein normales Leben ist, was verständliche, vernünftige oder plausible Präferenzen und Aktivitäten sind. Diese Ideen und Erwartungen sind geprägt von dem, was wir im Laufe der Jahre über Menschen in Kunst, Literatur, Psychologie, Psychiatrie, Soziologie, Anthropologie, Politik oder Geschichte gelernt haben. Dieses Wissen kann immer in Frage gestellt werden und ist immer vorläufig. Aber es ist nicht völlig subjektiv, unbegründet und bodenlos.

Konzepte der Freiheit, Autonomie, Demokratie, Gleichheit, Gerechtigkeit sind dabei nicht nur empirisch, sondern auch normativ informiert. Wir haben starke Intuitionen über die Bedeutung und Wichtigkeit von Freiheit. Freiheit ist auch ein Ideal für das „gute Leben“ in einer „guten Gesellschaft“, nach dem wir streben, auch wenn wir wissen, dass wir es niemals schaffen werden, dieses Ideal vollständig zu erfüllen.

Intuitionen hängen auch zusammen und nähren und stärken sich gegenseitig. Die meisten Menschen haben die starke Intuition, dass sie ein Recht auf eine Privatsphäre haben und brauchen, sodass sie in dieser ihre eigenen Entscheidungen und Präferenzen treffen und ausleben können. Sie mögen es nicht, wenn andere sich herablassend äußeren und ihnen ihr Leben vorschreiben. Paternalismus ist eine Verleugnung ihrer Fähigkeit zur Autonomie. Warum haben so viele Menschen diese Intuition? Könnte es mit einer anderen Intuition zusammenhängen, nämlich dass andere nicht in der Lage sind zu entscheiden, wie sie ihr Leben leiten sollen, nur weil niemand wirklich die endgültigen, absoluten Antworten bezüglich des „guten Lebens“ und der „guten Gesellschaft“ kennt?

Wie oben angedeutet, brauchen Ideale wie Freiheit auch Realitäts-Checks und müssen empirisch sinnvoll sein. Was die Präferenzen angeht, so betrachten wir ein Leben, das aus täglichem Fernsehschauen, Pizzaessen und Biertrinken besteht, nicht als ultimativen Ausdruck der Freiheit, selbst wenn die betreffende Person zufällig dieses Leben “gewählt” zu haben scheint. Da wir implizite und explizite Vorstellungen über die Präferenzen einer “normalen” Person haben, sind wir stark versucht, diese Entscheidung in Frage zu stellen: Wurde diese Person in angemessener Weise erzogen, ermutigt oder ermächtigt? Sind ihr alternative Präferenzen und Möglichkeiten hinreichend bekannt? Könnte sie unter Depressionen leiden?

Auf die gleiche Weise können wir Freiheit als vollständige Unabhängigkeit definieren, als die Abstinenz von Störung in unserem Leben, als die Möglichkeit zu tun oder zu sein, was immer wir wollen. Diese Art von Freiheit hat definitiv einen Reiz und wir können ein persönliches Leben oder eine Gesellschaft anstreben, in der dieses Ideal erfüllt wird. Aber macht dies Sinn, wenn man weiß, wie Menschen in der Regel frei werden, und wie Menschen normalerweise ein Stadium erreichen, auf dem sie sich nach einer Situation sehnen, in der sie ihr „eigenes Ding” machen können?

Wie entwickeln Menschen normalerweise ihr „eigenes Ding“, wie entwickeln sie ihre eigenen Präferenzen? Meist über einen langen, ständigen Austausch mit anderen Menschen und ihren kulturellen Produkten. Kulturalisierung, Sozialisation, Bildung und alle anderen Einflüsse, die letztlich unsere Identitäten bilden, sind alle Eingriffe in unsere negative Freiheit – die Fähigkeit, zu sein oder zu tun, wozu man fähig ist, ohne die Einmischung anderer. Dennoch sind sie die notwendigen Voraussetzungen für die Entwicklung einer autonomen Person, die Freiheit genießen kann. Das Streben nach einer Gesellschaft mit absoluter negativer Freiheit, in der Menschen völlig auf sich selbst gestellt sind und wo sie nie von anderen beeinflusst oder belästigt werden, zerstört die Freiheit (Blokland 1997, 1999).

Man kann es mit künstlerischem Geschmack vergleichen: Geschmack, ein informiertes, geerdetes Qualitätsgefühl, entwickelt sich durch eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit verschiedenen künstlerischen Produkten, die alle Anspruch auf Schönheit und Bedeutung erheben. Diejenigen, die davon ausgehen, dass es keine sinnvolle Diskussion über den Geschmack gibt und diese Konfrontation mit alternativen kulturellen Ausdrucksformen fortwährend vermeidet, haben wenig Chance, einen persönlichen Geschmack zu entwickeln.

Freiheit, wie oben schon erläutert, hängt mit anderen Werten zusammen, die auch wesensmäßig umstrittene Begriffe sind. Zum Beispiel: Wenn wir Alternativen in allen möglichen Bereichen des Lebens brauchen, um informierte, wirklich freie Entscheidungen zu treffen, dann hat eine offene, pluralistische Gesellschaft mit kulturellem Pluralismus mehr zu bieten als ein geschlossenes autokratisches System.

Ebenso ist Freiheit mit Gleichheit verbunden. Normativ nehmen wir an, dass alle Menschen in ihrer Fähigkeit, frei zu sein oder zu werden, gleich sind. Empirisch haben wir auch nicht viele Gründe gefunden, etwas anderes zu glauben. Daher haben sie das Recht, gleich behandelt zu werden.

Das heißt, dass Werte zusammenhängen, aber auch zusammenstoßen können. Sie müssen dann ausgeglichen werden. Die vollständige Erfüllung eines bestimmten Wertes, wie die Freiheit, kann schwerwiegende Folgen für die Verwirklichung anderer Werte wie Gleichheit oder Gerechtigkeit haben. Daher sollte das Ausmaß, in dem wir versuchen, einen Wert zu erfüllen, immer durch andere relevante Werte gemäßigt werden. Reife Menschen werden von, wie Weber (1919) es nannte, Verantwortungsethik geführt, und nicht von einer Gesinnungsethik.

Darüber hinaus sollte die Erfüllung von Werten durch empirische Überlegungen im Hinblick auf Menschen und Gesellschaft gemäßigt werden. Die Erkenntnis, dass Menschen soziale Wesen sind, die ihr volles Potenzial nur über menschliche Wechselbeziehungen und kulturellen Austausch entfalten können, sollte uns daran hindern, im Namen der Freiheit nach einer atomistischen, hyperindividualisierten Gesellschaft zu streben (cf. Taylor 1979).

Praktische Grenzen der Deliberation

Gibt es in der Praxis Grenzen für die Fähigkeiten der Menschen, ihre Werte zu diskutieren? Ohne jeden Zweifel. Menschen, so zeigen Studien, erweisen sich nur als bereit, ihre inneren Überzeugungen offen zu diskutieren, die Existenz unterschiedlicher Sichtweisen, deren Komplexität oder das bessere Argument zu akzeptieren, wenn sie sich sicher und respektiert fühlen. Darüber hinaus wird die Fähigkeit, sich sicher und respektiert zu fühlen, in hohem Maße früh im Leben gebildet und hängt von der Existenz einer sicheren, stabilen, warmen Umgebung ab, die aus vielen vertrauenswürdigen Personen, Familienmitgliedern und Freunden besteht. Ein Mangel daran in der Kindheit, ist schwierig durch Bildung, Beratung, oder große soziale, ökonomische und politische Strukturen und Prozesse zu beheben. Das bedeutet nicht, dass wir es aufgeben sollten, große Strukturen zu schaffen, die mehr Möglichkeiten für ein gutes Leben und vor allem eine gute Kindheit bieten. Es bedeutet auch nicht, dass wir die Deliberation aufgeben sollten. Im Gegenteil.

Pluralismus gegen Relativismus

Wie oben ausgeführt, ist der ethische Pluralismus, die hier vertretene Position, etwas anderes als der Wertrelativismus oder der Kulturrelativismus. Kulturrelativismus ist der Glaube, dass alle Kulturen einzigartig sind und nur von innen verstanden und bewertet werden können. Innerhalb einer bestimmten Kultur kann man “rationale” Argumente über Werte haben, die von den Befürwortern dieser Argumente als wichtig, “natürlich” oder sogar “objektiv” angesehen werden. Dies ist nicht der Fall für die Vertreter verschiedener Kulturen: Sie vermissen einen gemeinsamen Nenner, auf dessen Grundlage gemeinsame Schlussfolgerungen gezogen werden können.

Kulturrelativismus ist nicht nur bei aufgeklärten westlichen Liberalen weit verbreitet. Despoten mögen auch diesen Standpunkt: “Stört uns nicht mit diesem arroganten, westlichen, ethnozentrischen Gerede über Menschenrechte und all dem, innerhalb unserer einzigartigen Kultur sehen wir Dinge anders”.

Werte oder ethischer Relativismus ist die Überzeugung, dass Werte unvergleichbar und oft unvereinbar sind. Werte sind einfach gegeben und bedürfen keiner Begründung. Sie rechtfertigen alles andere und sind in gewisser Weise “rohe Fakten”. Da es keinen objektiven, universellen Standard gibt, um über die relative Wichtigkeit oder die “Wahrheit” eines bestimmten Wertes zu entscheiden, gibt es auch keine Hierarchie von Werten. Wenn wir zwischen zwei unvergleichbaren und unvereinbaren Grundwerten wählen müssen, tun wir das auf eine “radikale”, nicht-rationale Weise. Wir machen es einfach. Wenn also jemand für den Wert “Heldentum” sterben möchte, können wir nichts sagen. Rationale Diskussionen über (die relative Wichtigkeit von) Werten sind letztlich unmöglich und nutzlos. Was bleibt, sind Interessenkonflikte, und diese Konflikte werden von den Machthabern entschieden. Demokratie ist eine funktional rationale Methode, um zu verhindern, dass diese Konflikte zu gewalttätig werden (vgl. Schumpeter 1942). Es gibt keine normative Rechtfertigung, warum die Verhinderung eines Krieges Aller gegen Alle wichtig ist. Wir wollen einfach kein “einsames, armes, böses, brutales und kurzes” Leben haben.

Wertrelativismus ist der Tod von Demokratie, Deliberation und Toleranz. Es ist ethischer Pluralismus, der die Grundlage für Demokratie, Deliberation und Toleranz bildet. Wert-Relativisten sind nicht in der Lage, die Demokratie selbst zu begründen. Ein Bürgerkrieg kann auch durch einen aufgeklärten König verhindert werden. Alle deliberativen Institutionen, die mit der Demokratie einhergehen – Meinungsfreiheit, Vereinigungsfreiheit, Parlamente, freie Presse, Wahlen usw. -, sind der Annahme, dass eine rationale Diskussion über Werte möglich ist, unterstellt. Nur Pluralisten können mit Vertretern monistischer Weltanschauungen deliberieren. Relativisten haben hier nichts zu bieten.

 

Toleranz gegen Gleichgültigkeit

Toleranz wird oft mit Gleichgültigkeit verwechselt. Toleranz bedeutet, dass eine Person ihre eigenen ausgewogenen Werte hat und, dass sie versteht, dass jemand anderes zu einer anderen Auswertung gekommen ist. Die Person muss dieser Auswertung nicht zustimmen, aber sie versteht, woher die unterschiedliche Auswertung kommt und respektiert diese. Es geht um Empathie.

Gleichgültigkeit ist etwas anderes, wird aber oft als Toleranz missverstanden. Jemand, der gleichgültig ist, wird wahrscheinlich kaum irgendwelche Werte durchdacht haben, nicht seine/ihre eigenen und schon gar nicht die Anderer. Es interessiert ihn/sie einfach nicht. Für ihn/sie ist jeder Standpunkt “relativ” und ohne fundierte Rechtfertigung. Warum sollte er/sie sich also Gedanken über die Werte (von jemand Anderen) machen?

Leider werden diese Menschen nicht immer gleichgültig oder “tolerant” bleiben: Wegen des Fehlens eines moralischen Kompasses oder wegen des Mangels an Gedanken durch innere Überzeugungen, können sie plötzlich und unerwartet gegenüber Migranten, Islamiten, Juden oder wem auch immer extrem intolerant werden. Deshalb ist es gefährlich, wenn Gesellschaften oder politische Kulturen aus Angst vor Unstimmigkeiten zu lange davon Abstand nehmen, ihre Grundwerte zu diskutieren. Deshalb ist die postmoderne Kultur der achtziger und neunziger Jahre, die in einem Land wie den Niederlanden vorherrscht, mitverantwortlich dafür, die Grundlagen für Rechtspopulisten wie Geert Wilders gelegt zu haben (Blokland 2017).

Intoleranz gegenüber Intoleranz wird oft als Intoleranz interpretiert. Aber viele Menschen, die nicht wollen, dass Nazis, Islamisten oder Stalinisten ihre Kinder erziehen, öffentliche Ämter halten oder Massenversammlungen organisieren, sind nicht intolerant, sie tolerieren einfach viel mehr Toleranz als diejenigen, denen es egal ist. Wie gesagt, die Wahrheit der Demokratie besteht darin, dass es eine große Vielfalt an wichtigen Werten und Zielen gibt, die jedoch unglücklicherweise oft miteinander kollidieren und folglich ausgewogen werden müssen. Toleranz für Gruppen, die diese Wahrheit leugnen und ein permanentes, unumkehrbares Regime installieren wollen, das nur eine universelle monistische Wahrheit toleriert, ist keine Toleranz, sondern Intoleranz gegenüber Toleranz. Deshalb sollten in einer Demokratie faschistische Gruppen, die den Sturz der Demokratie anstreben, geächtet werden. Man kann alle möglichen (gültigen) funktionalen rationalen Gründe haben, dies nicht zu tun – “wenn sie untertauchen, wissen wir nicht mehr, was vor sich geht” usw., aber dies löst nicht die fundamentale Inkonsistenz.

Demokratie, ethischer Pluralismus und Deliberation sind eng mit “Toleranz” verbunden. Wertrelativismus ist es nicht. Demokratie hat auch nichts mit Gleichgültigkeit zu tun. Sie erlaubt es jedem, sich nur um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern. Demokratische Toleranz kann nur überleben, wenn Menschen aktiv über das Handeln anderer Menschen nachdenken. Und wie oben geschildert, ist dies auch möglich.

Schlussfolgerung

Können wir vernünftige Deliberation mit Menschen anfangen, die ein monistisches Weltbild haben oder dazu tendieren? Ja, das können wir, und zwar in vielerlei Hinsichten und auf vielen verschiedenen Ebenen. Wir können zuerst versuchen, implizite Annahmen explizit zu machen und dadurch ihre kritische Bewertung zu ermöglichen.

Zweitens können wir die Werte innerhalb einer monistischen Weltsicht unseren Intuitionen und Erfahrungen in Bezug auf Werte gegenüberstellen. Viele dieser Intuitionen und Erfahrungen werden wahrscheinlich von den Inhabern der monistischen Weltanschauung geteilt. Nicht alles geht: Die Vielfalt der ethischen Positionen, die wir uns vorstellen können und die wir bereit sind als Teil des menschlichen Zustands zu akzeptieren, hat ihre Grenzen.

Und drittens können wir über bestimmte Werte deliberieren, indem wir sie in einen größeren Kontext setzen, der diese Werte mehr oder weniger plausibel und attraktiv macht. Wir können analysieren, wie sie mit anderen Werten zusammenhängen, wie sie zusammen ein Geflecht bilden von miteinander verbundenen, voneinander abhängigen und sich gegenseitig unterstützenden Ideen. Bestimmte Ideen passen nicht in dieses Geflecht und verlieren damit Plausibilität. Zudem vergleichen wir nicht einzelne Werte, sondern konkurrierende Netze oder Wertnetze. Ihre Plausibilität und Attraktivität beruht darauf, inwieweit sie mit unseren bereits existierenden normativen Intuitionen resonieren, inwieweit sie ein kohärentes und konsistentes Ganzes bilden und inwieweit sie auf dem transitorischen empirischen Wissen beruhen, das wir über Menschen und die Gesellschaft haben.

Deliberation hat psychologische und soziale Einschränkungen. Werden diese nicht angemessen berücksichtigt, kann dies die Deliberation auf intellektueller Ebene ernsthaft untergraben. Der intellektuellen Deliberation sind jedoch keine Grenzen gesetzt. Bevor wir anfangen aufeinander zu schießen, kann viel erreicht werden. Relativismus, Gleichgültigkeit oder Toleranz gegenüber monistischen Weltanschauungen ist bei diesen Deliberationen nicht hilfreich. Offene, pluralistische Demokratien werden jede monistische Bedrohung überleben, wenn sie weiterhin das tun, wozu sie gut sind: endlos die Komplexität unserer Existenz erforschen.

 

Der Autor dankt Nils Wadt, Jeanne Lenders und Florentin Münstermann für ihre Kommentare. Für den Inhalt des Artikels ist ausschließlich der Autor verantwortlich.

 

Literaturverzeichnis

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Anmerkung

 

[1]… if I find a man to whom it literally makes no difference whether he kicks a pebble or kills his family, since either would be an antidote to ennui or inactivi­ty, I shall not be disposed, like consistent relativists to attribute to him merely a different code of morality from my own or that of most men but shall begin to speak of insanity and in­humanity; I shall be inclined to consider him mad, as a man who thinks he is Napoleon is mad; which is a way of saying that I do not regard such a being as being fully a man at all. It is cases of this kind, which seem to make clear that ability to recognize universal – or almost universal – values enters into our analysis of such fundamental concepts as ‘man’, ‘ratio­nal’, ‘sane’, ‘natural’, etc. (…) that lie at the basis of modern translations into empirical terms of the kernel of truth in the old a priori natural law tradition” (Berlin 1962: 166).

 


Im Bann der Religion – Islamismus und die demokratische Gesellschaft


Islamismus und vor allem islamistischer Terror ist ein sehr präsentes Thema in vielen westlichen Gesellschaften, sowie in den Konflikten im mittleren Osten und Teilen Afrikas. Fast täglich liest man über die schrecklichen Taten die Terroristen an verschiedenen Orten der Welt verrichten, von Debatten zu neuen Sicherheitsgesetzen oder Verschärfung der Grenzkontrollen sowie Flüchtlingsdebatten und Abschiebungen. Nicht alle dieser Themen werden rechtmäßig mit dem Islam und Islamisten in Verbindung gebracht, weshalb in vielen Gesellschaften Unsicherheit, und Angst vor radikalisierten Muslimen, die ihren heiligen Kampf vor unsere Haustür getragen haben, herrscht. Um diese Ängste zu bekämpfen, Radikalisierungen entgegenzuwirken und eine sichere Gemeinschaft zu formen gilt es den Islamismus zu verstehen, Konfliktpunkte herauszufiltern und Lösungsansätze zu entwickeln.  Bei genauerer Betrachtung wird schnell klar, dass die meisten Probleme die mit Ideologien zu tun haben (Das heißt wenn es um Ideen geht), nur Symptome unterliegender Differenzen und Weltansichten sind, die sich in vielen anderen Debatten wie über z.B. Migration, Verschleierung, Nutzung des öffentlichen Raumes, Familie, Frauenrechte oder Demokratie wiederfinden. In den folgenden Paragraphen werde ich probieren zu erläutern wie die eigentlich friedlichen islamistischen Bewegungen entstanden sind und sich entwickelt haben, wie die Radikalisierung funktioniert, was die grundlegenden Unterschiede zu unserer westlichen Weltansicht sind und wie man diesen Differenzen entgegentreten kann und gesellschaftliche Spannungen vermeiden kann. Wie man in eine Diskussion mit islamistischen oder anderen radikalen (monistischen) Weltbildern und Ideen kommen kann, wird in dem Artikel „Debating the open, pluralist society with monist thinkers” besprochen.

 

Was ist Islamismus?

Islamismus ist ein sehr breiter Begriff, der viele verschiedene Gruppierungen und Strömungen, mit verschiedenen Zielen an verschiedenen Orten der Welt beschreiben zu versucht. Der Islam lässt sich im groben in zwei Gruppen Muslime unterteilen. Die Sunniten und die Schiiten, wobei erstere etwa 90% der gläubiger darstellen. Die Aufteilung der Religion in diese zwei Gruppen datiert auf die Zeit nach Mohammeds tot um 632, zurück. Die Schiiten akzeptierten nur einen direkten Nachfolger als ihren Religionsführer, während die Sunniten diesen aus dem Stamm Mohammeds selbst wählen wollten. Dies führte zu kriegerischen Machtkämpfen und Differenzen zwischen den beiden Gruppierungen, die bis heute andauern (Schulte von Drach, 2014).

 

Der Islamismus beschreibt den Teil Gläubiger des Islam (Schiiten und Sunniten gleicherweise) der, wie es ihn in den meisten Religionen gibt, ihren Glauben radikaler und fundamentaler auslegt und lebt. Das verbindende Ziel der unterschiedlichen islamistischen Vereinigungen ist es einen Staat zu formen, der den Islam in das gesellschaftliche Leben und die Politik integriert. Dies beinhaltet die Aufhebung der Trennung zwischen Staat und Religion (Säkularisierung), sodass der Islam Einfluss auf z.B. Politik, Rechtwesen und Wissenschaft hat (Metzger, 2002).

 

Das Problem ist, dass dieses Islam-Verständnis, von einer Religion die die Grundlage für die staatliche Ordnung und das gesellschaftliche Leben gibt, im Widerspruch zur freiheitlichen, pluralistischen und demokratischen Grundordnung der modernen Demokratien steht, wie wir sie z.B. in Europa anstreben. Verletzt werden dabei vor allem oft die demokratischen Grundsätze der Trennung von Staat und Religion, der Volkssouveränität und auf einer anderen Ebene die Gleichstellung der Geschlechter sowie der religiösen und der sexuellen Selbstbestimmung.

 

Heutzutage gibt ein breites Spektrum an islamistischen Strömungen über den Globus verteilt, und jede Organisation hat eine andere Auffassung davon wie das ideale politische System aussehen soll, und vor allem, wie dieses herbeigeführt werden kann. Deswegen unterscheiden sich die unterschiedlichen islamistischen Gruppierungen in ihrer Einstellung zur Gewalt. Einige lehnen die Gewalt komplett ab, wie z.B. Anhänger der „Islamische Gemeinschaft Millî Görüş e. V.“, die versucht mit politischen Mitteln, ihren Mitgliedern ein, nach ihrer Interpretation, islamkonformes Leben in Deutschland zu ermöglichen. Es gibt aber auch andere Zweige, die Gewalt gezielt einsetzen und in ihr den einzigen Weg zum „Sieg“ und zur Veränderung der Systeme und Gesellschaft sehen. Das Spektrum ist breit gestreut, aber die Auffassungen und Vorurteile über den Islam und Islamisten in unseren Gesellschaften, die vor allem durch die Medien gefestigt werden, sind oft sehr einseitig und negativ.

 

Zurzeit leben etwa 5 Millionen Menschen mit muslimischem Hintergrund in Deutschland, welche ihre Religion verschieden ausleben. Nur ein sehr kleiner Teil (etwa 10.000) sind Islamisten, von denen etwa 700 als Gefährder eingestuft werden (BfV, 2018). Auf 10.000 Muslime, kommt also statistisch gesehen nur etwa ein potenzieller Gefährder, was in etwa der Wahrscheinlichkeit entspricht, einen Oskar in seinem Leben zu gewinnen.[1]

 

Geschichte und Entstehung des Islamismus

Das Leitmotif des Islamismus ist die Modernisierung des Islams, durch Rückbesinnung auf die Grundideale der ersten Muslim Generationen zu Zeiten des Kalifats im 7.-9. Jahrhundert. Diese Strömungen des Islamismus entstanden im 18. und 19. Jahrhundert, in Reaktion auf die Rückstände und den Zerfall der islamischen Welt. Westliche Staaten hatten die muslimische Welt technologisch, wissenschaftlich und militärisch in dieser Zeit eingeholt und schließlich abgehängt. Mit Ende des ersten Weltkriegs begann dann eine Art geopolitischer Niedergang des islamischen Reiches. Als das Osmanische Reich aufgelöst wurde, fielen zum Beispiel viele seiner Gebiete auch in westliche Hand (z.B. Palästina, Irak, Marokko, Ägypten, Jemen oder Libyen). Frankreich, England und Italien eroberten zwischen 1830 (Frankreich nimmt Algerien ein) und 1912 (Unterzeichnung des französischen Protektorats in Marokko) viele Teile Süd-Europas und Nord-Afrikas. Die muslimische Welt konnte nur hilflos zusehen.

 

Der schmerzhafteste westliche Eingriff in die islamische Welt im mittleren Osten aus damaliger muslimischer Perspektive war jedoch die Gründung Israels 1948 unter großer Mithilfe Großbritanniens und der UN. Zur Folge dessen, wurden ca. 750.000 Palästinenser aus dem Gebiet vertrieben und in umliegende Staaten zwangsumgesiedelt. Jedes Jahr wird in den palästinensischen Gebieten deswegen der 14. Mai noch als nationaler Trauertag (Nakba – arabisch für Katastrophe) ausgerufen. Der Konflikt entlädt sich auch heute noch an mehreren Fronten, wie z.B. die Zugehörigkeit Jerusalems, die Grenz- und Bebauungspolitik Israels, sowie in Trinkwassernot in der gesamten Region. Mitverantwortlich für die schwere Lösungsfindung ist auch die kulturelle und religiöse Identität der beteiligten Staaten (Weiter, 2012 S. 67 ff).

 

In Reaktion auf die Summe dieser Faktoren, probierten muslimische Gelehrte wie Muhammad Abduh (1849 – 1905), Rashid Rida (1865 – 1935) und Jamal ad-Din Al-Afghani (1838 – 1897) Ende des 19. Jahrhunderts einen Grund für diesen Niedergang der früheren Weltmacht zu finden. Als Grundlage dieses Verfalls und dieser geopolitischen Rückstände der muslimischen Welt sahen die religiösen Führer, eine historische Schwäche, die unislamische Lebensweise der Bürger. Um zu erneuter Stärke zu finden, müssten die Menschen wieder gottgefälliger leben (Bpbtv, 2016; Schanzer, 2018).

 

Mit Hilfe von Rückbesinnung auf die ersten muslimischen Generationen des 7. bis 9. Jahrhunderts (die As-Salf As-Salih – daher der Name Salafisten) sollen die Kernideologien und Grundgedanken der Religion frei gelegt werden, und als Basis für die Schaffung einer erneuerten, modernen Gesellschaft dienen. Dies sind die Schwerpunkte des Salafismus, einer der bedeutendsten fundamentalistisch-islamistischen Strömungen heutzutage (Benz & Wetzel, 2007).

 

1928 wurde die „Muslim Bruderschaft“ von Hassan al-Banna in Ägypten gegründet. Dies ist die erste und auch heute noch größte islamistische Bewegung. Ansatzpunkt der Bewegung ist es, dass die Religion nicht nur im privaten und spirituellen Bereich gilt, sondern auf alle Lebensbereiche Einfluss haben soll. Der Islam soll auch staatliche Dienste wie Politik, Wirtschaft und das Rechtssystem dirigieren (Bpbtv, 2016; Schanzer, 2018).

 

Diese Rückbesinnungsgedanken und islamgetreue Ordnung des Lebens fand viel Zuspruch bei den Menschen, da sie bessere Zeiten und eine Stärkung der Gemeinschaft prophezeiten. Durch die schnelle Ausbreitung dieser Ideologien gelangten die unterschiedlichen islamistischen Strömungen an viele Ecken der muslimischen Welt die mit ähnlichen Problemen der Modernisierung und Verwestlichung zu kämpfen hatten. Dort wurden sie durch vielfältige ökonomische, soziale und politische Faktoren weiterentwickelt (Metzger, 2002).

 

Die hauptsächlich diktatorisch regierten Staaten der islamischen Welt (Palavi im Iran, Hussein im Irak, al-Assad in Syrien, Nasser in Ägypten) boten derweil fruchtbaren Boden für die Ausbreitung islamistischer Gedanken, wo die Ideen meistenteils die einzige substanzielle Opposition zum Regime und den Autokraten gaben. Diese Position als politisch-Oppositionelle trug stark zur wachsenden Legitimität der Bewegungen in der Bevölkerung bei (Fenffe, 2017).

 

Zum großen Wachstum in Zahl und Größe solcher islamistischeren Organisationen hat des Weiteren die wirtschaftliche Instabilität und hohe Arbeitslosigkeit vieler Länder, vor allem im arabischen Raum, beigetragen. Da die Familie und die Gemeinschaft ein essentieller Teil der muslimischen Ideologie sind, ist finanzielle Unsicherheit und Perspektivlosigkeit ein großes Problem für Muslime. Familie, und die Möglichkeit eine Familie zu gründen und zu führen, ist ein wichtiger Bestandteil der muslimischen Kultur und Lebensweise. Hinzu kommt, dass islamistische Gruppierungen die Ineffizienz des Staates ausnutzten und Versorgungslücken stopften. Die Ägyptische Muslim Brüderschaft z.B. betreibt Krankenhäuser, Suppenküchen und Kindergärten und ist somit sehr präsent im Leben der Bürger (Gholamasad, 2001).

 

Da diese an Stärke gewinnenden Oppositionsbewegungen von vielen Autokraten mit Gewalt und Folter bekämpft wurden, dauerte es nicht lange bis einige der ursprünglich friedlichen Islamisten auch selbst zu Mitteln der Gewalt griffen, und zu dem Schluss kamen, dass eine friedliche Opposition die Situationen in ihren Ländern nicht verändern könne. Der Muslim Bruder Sayyid Qubt (1906 – 1966) entwickelte in seiner Gefangenschaft in Ägypten im 20. Jahrhundert die ideologische Grundlage für den bewaffneten Kampf, den Jihadismus. Dies war der Nährboden für den Ursprung einer großen Zahl von gewalttätigen sunnitischen islamistischen Organisationen wie der Boko-Haram in West-Afrika, der Al-Shabaab in Somalia oder dem Islamischen Staat in Syrien und dem Irak, sowie schiitischen Organisationen wie der Hisbollah oder der Mahadi Armee  (Fürtig, 2004; Schulte von Drach, 2004).

 

Beflügelt wurden die islamistischen Bewegungen dann vor allem durch die Gründung der ersten Islamischen Republik im Iran 1979. Plötzlich war der Islamismus nicht mehr nur eine ideologische Bewegung, sondern inspirierte die Gründung eines neuen Staates. Noch heute wird das Land mit knapp 81 Millionen Einwohnern vom Religionsführer geleitet, welcher über dem demokratisch gewählten Präsidenten des Landes steht, und unter anderem die Macht über die Streitkräfte und die Ernennung der obersten Richter hat (Schanzer, 2018).

 

Der neue Aufschwung der islamistischen Bewegungen resultierte jedoch auch in neuen Auflagen der Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten. Die Muslime im Iran sind zu über 90% Schiiten, während in den umliegenden arabischen Ländern (Saudi-Arabien, Jemen, Syrien, Oman) vorwiegend Sunniten lebten und herrschten. Somit blühte der Kampf zwischen den beiden muslimischen Strömungen um die Vorherrschaft im Nahen Osten erneut auf.

 

Mit der Formierung der islamistischen Gruppierung Al-Qaida während des Afghanistan Krieges wurde der Islamismus dann auf ein neues Level gehoben. Die jihadistische Organisation wurde das erste islamistische Netzwerk mit globalem Anspruch. Eigentlich war die Mission dieser Gruppierungen im eigenen Land Veränderung zu bewirken, nun wurden jedoch auch Ziele außerhalb der eigenen Grenzen attackiert und eine globale Gewaltspirale in Gang gesetzt. Diese erlebte Ihren zwischenzeitlichen Höhepunkt am 11. September 2001 in New York und entfachte den von George W. Bush ausgerufenen “Krieg gegen den Terror“. Diese Eskalation bewirkte stetig steigende westliche Einflussnahme in die Konflikte im Mittleren-Osten und die erhöhte Aufmerksamkeit auf den Islam und seine Gläubiger, was wiederum zu Vergeltung führte (Entorf, 2005; Pfahl-Traughber, 2011).

 

Die vielen religiös begründeten Konflikte im Nahen Osten, die vor allem zwischen Juden und Muslimen ausgetragen werden (Wie z.B. die Grenzausweitung Israels) werden gerne als Propagandainstrument genutzt. Mit dem Aufstieg der islamistischen HAMAS als größter Gewaltakteur auf palästinensischer Seite wird die Auseinandersetzung immer mehr als religiöser Konflikt gedeutet, in dem sich der Islam gegen Israel und einseitig unterstützenden westlichen Staaten stellt. Dies befeuert weiter das westliche Feindbild dieser islamistischen Gruppierungen. „Das Gefühl, zu den Verlierern der Geschichte wie auch der Globalisierung zu gehören, stärkt bei vielen Arabern und Muslimen die Neigung, sich als ein vom Schicksal verfolgtes Opfer zu bedauern und daraus die Rechtfertigung für einen grenzenlosen, absoluten, auch terroristischen Widerstand abzuleiten” (Fenffe, 2017).

 

Gewaltakte sind jedoch auch gegen Muslime gerichtet, die nicht genau den gleichen Glauben teilen (z.B. die Ermordung von schiitischen Hazara durch sunnitischen Taliban in Afghanistan) Es ist also nicht nur der Islam gegen Israel und den Westen. Die verschiedenen Glaubensauslegungen im Islam bekämpfen sich auch gegenseitig.

 

Islamistische Strömungen

Heutzutage lässt sich der islamistische Fundamentalismus in mehr oder weniger 4 Abstufungen kategorisieren.

  1. „Mainstream“ Islamismus

Diese allgemeine Strömung ist am ehesten an die Moral und Ideale der Muslimbruderschaft angelehnt. Dementsprechend werden friedliche Methoden zur gesellschaftlichen Wandlung angewandt und eine gesellschaftliche Veränderung durch parlamentarische Wahlen und Arbeit in den existierenden Strukturen erstrebt. Einmal an der Macht probieren sie dann das System von innen heraus zu verändern und den Islam stärker in der Politik zu etablieren. Der Islamismus beginnt dort, „wo religiöse islamische Gebote und Normen als verbindliche politische Handlungsanweisungen gedeutet werden“ (BfV, 2012; Hamid & Dar, 2016).

  1. Politischer Salafismus

Der Salafismus strebt eine Rückbesinnung auf den „wahren“ Islam, wie er von den ersten muslimischen Generationen im 7.-9. Jahrhundert gelebt wurde, an. Diese ultrakonservative Einstellung baut auf Verbreitung und Wiederstand durch religiöse Lehre, Predigen und Propaganda die Mittels Seminaren, Publikationen und vorwiegend im Internet verbreitet werden. Sie heben meist die friedlichen Seiten des Islam hervor, da diese Islamisten wenig auf Konfrontation mit dem Staat aus sind, sondern eher bestrebt sind die Leute zu belehren und zu bekehren, in der Hoffnung, dass diese ihren Lebensstil anpassen und Islamkonformer Leben. Jedoch lehnen die Salafisten die deutsche Grundordnung, wie z.B. die Volkssouveränität und säkulares Recht ab, was viel Raum für Konfrontation bietet und nicht nur religiös-, sondern immer mehr auch politisch motivierte Menschen anzieht, die einer „elitären Gemeinschaft“ angehören wollen und die Möglichkeit der Abkehr und des Protests gegen die Mehrheitsgesellschaft sehen. Der Übergang zum jihadistischen Salafismus und der Anwendung von Gewalt ist fließend (BfV, 2012; Hamid et al, 2016).

  1. Wahhabismus

Eine Form des Salafismus ist der Wahhabismus, die Staatsreligion Saudi-Arabiens und Kuwaits. Diese Lehre hat ihren Ursprung in den Lehren von Muhammad ibn ʿAbd al-Wahhāb (1703–1792). Seine Nachkommen haben es im 19. Jahrhundert geschafft eine Dynastie wahhabitischer Theologen zu begründen und sind bis heute in enger Zusammenarbeit mit dem saudi-arabischen Königshaus. Die Wahhabiten stützen die absolutistische Monarchie die in Saudi-Arabien herrscht und erhalten dafür politische Ämter für die Überwachung des religiösen und weltlichen Rechtssystems. Des Weiteren haben sie so Einfluss auf öffentlichen Sitten und Moral (Hamid et al, 2016; Bpbtv, 2016).

  1. Jihadismus (Jihadistischer Salafismus)

Der Jihadismus ist eine ausgeprägte Form des Salafismus. Diese Islamisten sehen sich von ihrer Religion genehmigt Krieg zu führen, der eine Obligation für alle Muslime ist und nicht nur für offizielle Repräsentanten. Kernmerkmal der Jihadisten ist es, dass sie ihre salafistische Ideologie mit Gewalt durchsetzen wollen. Begründet wird dies mit dem arabischen takfir, dass die Bekämpfung von Ungläubigen benennt. Da der Islam einen sehr ausgeprägten Exklusivismus predigt (Gott ist nur seinen Gläubigern gut zugewandt, alle anderen werden bestraft), impliziert dies zum einen, einen gewalttätigen Gott, und zum anderen rechtfertigt es die Verfolgung von Ungläubigen (Hamid & Dar, 2016; Bpbtv, 2017).

 

Radikalisierung

Der Islam besteht aus vielen „Islam Deutungen“. Das hat vor allem damit zu tun, dass Mohammeds Worte von Anfang an immer von anderen übermittelt wurden, so dass diese zwangsläufig subjektiven Interpretationen ausgeliefert waren. Verstärkt wurde dies durch eine Tradition von Korandeutungen (Tafsīr), welche die verschiedenen Koranverse erklären und für die Allgemeinheit verständlich zu machen versuchten. Verschiedene Strömungen interpretieren den Koran unterschiedlich und verfolgen deswegen divergente Lebensweisen, Ideen und Weltansichten. Der Islamismus, und insbesondere der Salafismus ist eine sehr strenge, von vielen Theologen als „aus dem Kontext“ gezogenen, beschriebene Auslegung der heiligen Schrift. Dies hat den Grund, den heiligen Krieg, den Kampf gegen Ungläubige zu rechtfertigen und das demokratische, liberale westliche Feindbild aufrecht zu erhalten. Des Weiteren sollen Anlaufpunkte geschaffen werden und so wenig Raum für Zweifel und eigen-Interpretation wie möglich gelassen werden.

 

Der Islam, und vor allem die radikaleren Interpretationen der Religion bieten viele Zufluchtsorte für desorientierte, schlecht sozialisierte und minder-integrierte Menschen (Dies ist nicht nur in der islamistischen Radikalisierung der Fall, sondern gilt auch für extremistische Strömungen wie Faschismus, Maoismus, Stalinismus, Nationalsozialismus oder fundamentale christliche und jüdische Interpretationen). Generell sind Leute die sich zurückgelassen, überfordert oder entfremdet von der modernen, kapitalistischen, digitalisierten Welt fühlen, anfällig für die Besinnung auf radikale Ideologien.

 

Biographische Gründe, wie z.B. Migration, Verlust (von Verwandten oder Besitztümern) oder fehlende gesellschaftliche Integration, machen Menschen stets beeinflussbar durch radikale Gedanken. Eine Entwurzelung von Menschen, macht Bürger angreifbar durch islamistische Gruppen zwecks Radikalisierung. Öffentliche Diskussionen über die Zugehörigkeit von Religionen zu bestimmten Ländern, wie sie hier in Deutschland auf der politischen Bühne geführt werden, spielen den Rekrutierenden weiter in die Karten.  Islamistische Gruppierungen geben sich oft sehr einfühlsam und hilfsbereit gegenüber Leuten die sich abgelehnt und chancenlos fühlen. Menschen die ihre Identität in einem fremden Umfeld suchen, greifen oft auf die gefestigten Teile ihrer Persönlichkeit, wie z.B. die Religion, zurück. Anstelle von nationaler oder kultureller Identifikation, tritt dann eine Bindung an Gleichgesinnte in einer imaginierten muslimischen Solidargemeinschaft (Logvinov, 2017).

 

Politiker und Forscher sind sich einig, dass die soziale Komponente wichtig im Radikalisierungsprozess ist. Immer mehr Menschen fühlen sich von der Gesellschaft ausgeschlossen oder von der Politik im Stich gelassen – ob es nun “Wutbürger” oder Migranten sind. Sie suchen Rückhalt im eigenen Umfeld (Busch, 2018). Bürger werden meistens von Leuten aus ihrem eigenen Freundschaftskreis angeworben, da Vertrauen essenziell ist um die Bürger von diesen radikalen Ideen zu überzeugen. In den islamistischen Gemeinschaften spielt die Vergangenheit der Personen dann meist keine Rolle, sodass Leuten eine Chance zum Neuanfang und zur religiösen Findung offenbart wird. Das heißt, dass die Leute von Situationen wie Arbeitslosigkeit, Bildungsdefizite, Migrationshintergrund oder Vorstrafen, die einem das normale Leben erschweren können, befreit werden.

 

Eine weitere wichtige Komponente in der Radikalisierung ist der Halt, den der Islam vielen orientierungslosen Menschen im Alltag ermöglicht. Der Islam hat auf viele Fragen, die sich vor allem jüngere Muslime (sowie nicht-religiöse Menschen) stellen, eine Antwort. Was darf ich arbeiten? Wer darf mein Freund sein? Wie sollte ich mein Leben gestalten? Wie habe ich mich zu kleiden? Wie verhalte ich mich in gewissen Situationen? Diese Richtlinien bleiben immer dieselben. Egal ob ich Zuhause, oder in einem fremden Land und einer fremden Kultur bin. Diese Sicherheit gibt Menschen einen Rückhalt und eine Konstante in ihrem Leben an der sie sich immer orientieren können.

 

Michael A. Hogg (2007, 2010) begründet dies vor allem mit der „Uncertainty-Identity Theory“ (Unsicherheit-Identität Theorie). Hogg untersuchte den Effekt von der persönlichen Unsicherheit und Gruppenidentifikation auf das Verhalten von Menschen.  Der Mensch strebt danach, seine Unsicherheit in einer Unvorhersehbaren und nicht kontrollierbaren Welt zu minimieren, oder sich zumindest das Gefühl von Kontrolle und Sicherheit zu geben.  Religion gibt Halt, Struktur und vermeintliche Antworten. Dieser Halt ermöglicht es orientierungslosen Menschen Struktur in ihren Alltag zu bekommen und sich so ein neues Leben aufzubauen. Je strenger man die Religion auslegt, und in umso mehr Lebensbereiche diese vordringt, desto einflussreicher und dirigierender wird diese Religion in dem Leben der Menschen. Da der Islamismus eine sehr strenge und allgegenwertige Auslegung des Islam ist, sind viele Menschen, die sich nach Stabilität und Kontinuität sehnen anfällig auf diese Versprechungen (Bpbtv, 2017; Hogg, 2007; Hogg, Adelmann & Blagg, 2010).

 

Auch dies ist, wie schon angemerkt, kein islamistisch spezifisches Symptom. Da vor allem Jugendliche oft auf der Suche nach Festigkeit, Autorität und Führung sind, macht Sie das besonders zu einer Zielgruppe von radikalen Gruppierungen. Sie fühlen sich von der Gesellschaft, der Politik, ihren Familien oder Mitmenschen oft missverstanden oder respektlos behandelt. Gesellschaftliche Aussichtlosigkeit oder weltanschauliche Leere in Gesellschaften im Wandel, machen nicht nur junge Menschen anfällig für radikal interpretierte Ideen, wie z.B. Islamismus aber auch Faschismus, Populismus sowie links- und rechtradikale Auffassungen, sondern jeden Bürger der auf seine Fragen und Unsicherheiten keine Antworten bekommt und findet.

 

Menschen dürfen nicht vergessen werden. Menschen die sich zurückgelassen und hilflos fühlen suchen an anderen, weniger kontrollierbar und übersehbaren Orten Zuflucht. Diese Abwendung von der Gesellschaft und diese eigenständige unkontrollierte Integration gilt es durch Aufmerksamkeit und gezielte Projekte zur individuellen Förderung, Eröffnung von Möglichkeiten und Bildung zu vermeiden.

 

Der Islam und die demokratische Gesellschaft

Ein Grund weshalb die Islamisten und die westliche Gesellschaft in einem stetigen Konflikt stehen, der sich nicht zu beruhigen scheint, sind die verschiedenen philosophischen Weltansichten. Der Islam predigt eine monistische Denkweise, und will seine Gesellschaft auch nach einem solchen System ordnen. Monistische Denker glauben, dass alle Fragen – auch ethische Fragen über gut und schlecht, oder ästhetischen Fragen zu hässlich und schön – nur eine richtige Antwort haben. Zusätzlich denken sie, dass alle diese Antworten in einem logischen, konsistenten und kohärenten System organisiert werden können (Berlin 1958; Blokland 1997, 2011). Daraus folgern sie, dass beispielsweise manche Philosophen oder Theologen mehr Erkenntnisse über die richtigen Antworten haben als andere Menschen. Diese „weisen“ Menschen sollten ihrer Ansicht nach die anderen führen. „Die Islamisten sichern ihren Machterhalt, indem sie sich auf die Unantastbarkeit des Koran berufen, damit aber die Unantastbarkeit der eigenen Korandeutung meinen“ (Fenffe, 2017).

 

Diese Ansichten kollidieren mit der demokratischen Weltansicht, in der der Austausch von Ideen und die Verteilung von Macht ermutigt und gefördert wird, und als Grundstein der gesellschaftlichen Ordnung steht. Im Gegensatz zu den Monisten, unterrichten Pluralisten, dass vor allem ethische Fragen oft mehrere plausible Antworten haben. Sie denken, dass es viele verschiedene beachtliche Werte gibt, aber diese Werte leider oft kollidieren. Wenn das passiert, müssen Kompromisse gefunden werden; Werte müssen gegeneinander ausgewogen werden. Wir können nicht alle Werte gleichzeitig realisieren. Das ist eine tragische Wahrheit, typisch für die conditio humana.

 

Darüber hinaus haben Werte unterschiedliche Gewichtungen in unterschiedlichen Kontexten und werden daher in verschiedenen Kontexten unterschiedlich ausbalanciert. Das Abwegen von Werten ist ein ständiger, niemals abgeschlossener Prozess, und die Prozedur die das ermöglicht muss deshalb immer offen sein und bleiben. Dennoch gleichen wir Werte nicht zufällig, sondern auf durchdachte, mit Argumenten begründete Weise aus. Zusätzlich gibt es Ideen zu Demokratie, Pluralismus, Freiheit, Toleranz und Gender, – Ideen, die auch im deutschen, europäischen und internationalen Recht verankert sind – welche über eine gut durchdachte, stetig überprüfte, plausible Grundlage verfügen. Wir können diese Ideen erklären, begründen und verteidigen, sowie zeigen, wie sie miteinander verbunden sind und sich gegenseitig unterstützen (Blokland 1997, 2011, 2016).

 

Pluralismus ist also etwas anderes als Relativismus. Ethischer Pluralismus ist eine Reaktion auf Relativismus (es ist unmöglich über Werte oder Kulturen zu diskutieren, da es keinen gemeinsamen Ausgangspunkt gibt) und Absolutismus (es ist nicht notwendig über Werte oder Kulturen zu argumentieren, weil unsere Kultur die Wahrheit schon kennt). Wir sind fähig über Werte, Ansichten und Visionen vernünftig zu diskutieren und zu wohlbedachten, fundierten Schlüssen zu kommen, mit denen wir gemeinsam unsere Gesellschaft voranbringen können. Darüber hinaus  gibt es Werte wie Freiheit, Autonomie und Gleichberechtigung, die universell wahrgenommen, erfasst und anerkannt sind. In verschiedenen Kontexten stehen diese Werte jedoch auf unterschiedliche Weise im Widerspruch und verlangen nach einem Kompromiss (Berlin 1997, Taylor 1992, cf. Blokland 1997, 1999, 2011, 2016).

 

In einer pluralistischen Gesellschaft wird der Austausch von Ideen, Werten und Weltansichten angeregt. Die Vielzahl an verschiedenen Auffassungen und Vorstellungen sollen eine Gesellschaft auch vorwärtsbringen.  Eine gesunde Gesellschaft erfindet sich stets neu. Diese diskussions-Kultur, mit konträren Ideen umzugehen und sich konstruktiv mit anderen Ideen auseinanderzusetzen zu können, ist oft fremd und störend für Bürger mit monistischen Auffassungen. Auch islamische Fundamentalisten empfinden die weltanschauliche Freizügigkeit des Westens als Bedrohung, die ihre Glaubensfundamente infrage stellt.

 

Diese monistischen Weltbilder sind neben den Unruhen, den militärischen Auseinandersetzungen und extremer Armut auch Gründe, weshalb viele Leute ihr Land verlassen und als Flüchtling Richtung Westen aufbrechen. In streng muslimischen Ländern mit monistischen Weltbildern (wie z.B. Saudi-Arabien), basiert die Verfassung und die Grundordnung meist auf der Religion, oder diese hat einen hohen Einfluss auf das Leben der Bürger in den Staaten. Dieser Einfluss geht so weit, dass z.B. die Organisation der islamischen Konferenz (OIC), 1990 als Plattform gedient hat um es 45 Außenministern islamischer Staaten zu ermöglichen die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam auszuhandeln und zu unterzeichnen. Diese religiöse Umdeutung der Menschenrechte schränkt die Religion- und Weltanschauungsfreiheit ein, indem sie diese islamkonform gestaltet und sich mehr Spielraum vorbehält. Die Verflechtung religiöser und politischer Institutionen hat im Lauf der Zeit derart drastische Züge angenommen, dass nicht nur in den Golfstaaten aller religiöser und gesellschaftlicher Pluralismus verschwunden ist (Riedel, 2017).

 

Der Konflikt zwischen Monisten und Pluralisten ist kein neues Ereignis. Beide Denkweisen lassen sich in allen Zeiten und überall auf der Welt finden. Außerdem ist Monismus nicht typisch für den Islam, nicht mehr als radikal konservative Interpretationen vom Christentum oder Judaismus. Verschiedene Umstände treiben Menschen in Richtungen von radikalen, intoleranten, monistischen Interpretationen von Ideen. Bei den radikalen islamistischen Interpretationen ist auffallend, dass vorwiegend junge Bürger auf der Suche nach Antworten zu Fragen nach Identität, Zugehörigkeit und dem Sinn im Leben unter den Einfluss salafistischer Prediger oder entsprechender Inhalte im Internet geraten (BfV, 2012). Hier scheint die Vorgabe von ‚eindeutigen‘, ‚richtigen‘ Antworten erwünscht zu sein, im Gegensatz zu verschiedenen Antwortmöglichkeiten und Lösungsansätzen die abgewogen werden müssen.

 

Das Gespräch mit Menschen mit monistischen Weltanschauungen

Wir müssen mit Menschen die sich durch Islamismus und andere monistischen Weltanschauungen angesprochen fühlen, inhaltlich und rational ins Gespräch kommen.[2] Es muss Raum für Dialoge geschaffen werden, welche dann möglichst sachlich und auf Augenhöhe stattfinden. Diese Deliberation kann informell und privat gestaltet werden, aber auch in speziellen Seminaren und Workshops stattfinden, in denen diese Art von Diskussion und Reflektion geleitet und hinterfragt wird.

 

Es wird auch immer wichtiger pluralistische Gedanken und Diskussionen wieder in die Öffentlichkeit zu bewegen. Diese Reflektion sollte integrierte und heimische ‚westliche‘ Bürger und Migranten gleichermaßen adressieren, inspirieren und zum Dialog einladen. Wenn sich die heimische Bevölkerung mit ihren eigenen Werten befasst, ist es auch einfacher für Außenstehende, Fremde, und Neuankömmlinge dies ebenfalls zu tun.

 

Es geht darum implizite Ideen explizit zu benennen und zu besprechen. Das Gedankengeflecht des Pluralismus sollte verstanden und stets hinterfragt werden, um die Verbindungen und Kompromisse zwischen Ideen zu verinnerlichen. In Bezug auf Radikalisierung und Islamismus, kann man nur so Unterschiede erkennen, benennen und besprechen um sie dann aufklären zu können und gemeinsam Orientierung und Lösungen zu finden. Nur wer sich mit Unterschieden und Gemeinsamkeiten in Weltansichten auseinandersetzt und sich deren Existenz bewusst ist, kann Kompromisse finden. Wir müssen diese Art von Reflektion und Diskussion mehr fördern und ankurbeln. Es gilt zu zeigen: Man kann gläubiger Muslim und überzeugter Demokrat sein.

 

Ich danke meinen Kollegen Hans Blokland, Paul Boersting und Jeanne Lenders für ihre Kommentare, Zeit und Motivation.

 

Bibliographie

Benz, W., & Wetzel, J. (2007). Antisemitismus und radikaler Islamismus (Vol. 4). Klartext.

BfV (2012). Bundesamt für Verfassungsschutz – Salafistische Bestrebungen.: https://www.verfassungsschutz.de/embed/broschuere-2012-04-salafistische-bestrebungen.pdf.

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Zirker, H. (2009). Die Kairoer Erklärung der Menschenrechte im Islam.

[1] https://www.forbes.com/sites/archenemy/2016/01/13/the-odds-are-against-you-things-more-likely-than-winning-the-powerball/#6d1df5cc4468

[2] Für eine genauere Diskussion über die Konflikte zwischen Monisten und Pluralisten, sowie die deliberative Wege über Weltbilder in Gespräch zu kommen, lesen sie bitte den Artikel „Debating the open, pluralist society with monist thinkers”.

 


Wie deliberiert man fundamentale Werte? Bericht aus Brandenburg über unsere Ansätze, Herangehensweisen und Erfahrungen


Menschen ändern ihre Meinung selten. Je mehr sie sich gezwungen fühlen sich zu rechtfertigen, desto mehr fühlen sie sich in Frage gestellt, kritisiert oder respektlos behandelt. Dadurch verringert sich die Chance, dass sich diese Personen für andere Positionen und Meinungen öffnen. Dies ist sicherlich auch der Fall, wenn es um Werte geht: Werte – Ideen über das „gute Leben“ und „die gute Gesellschaft“ – haben entscheidende Auswirkungen auf die Definition der Identität eines Menschen und damit für seine Selbstachtung. Das offene und direkte Abfragen von Werten wird fast immer persönlich genommen und benötigt viel Feingefühl, Rücksicht und Erfahrung.

Seit 2016 organisieren wir in Brandenburg deliberativen Workshops mit vornehmlich Geflüchteten im Alter zwischen 17 und 28 Jahren[i]. In den Workshops diskutieren wir unter anderem über ethischen und politischen Pluralismus, Demokratie, die Zivilgesellschaft, Meinungs-, Versammlungs- und Religionsfreiheit, sowie persönliche Autonomie und Emanzipation, Respekt, Menschenrechte, Identität, Sozialisation, Männlichkeit und Weiblichkeit, Geschlechtergleichstellung, und über Homosexualität. Es werden also Werte und Perspektiven erörtert, die für die westliche Tradition und Kultur von grundlegender Bedeutung sind, und die manche Neuankömmlinge und Zugezogene gar nicht oder nicht vollständig teilen. Das ist zumindest der Eindruck vieler Deutscher, Europäer*Innen und Amerikaner*Innen.

 

Deliberation ist eine Form der politischen Kommunikation, bei der durch einen offenen und respektvollen Austausch von Ideen, Sichtweisen und Werten eigene Einstellungen und Präferenzen entdeckt, verstanden, in Zusammenhang gebracht und entwickelt werden. Bei der Deliberation geht es nicht darum, individuelle, unangefochtene und eindeutige Präferenzen in kollektive Entscheidungen und Gesetze zu übersetzen. Stattdessen zielt Deliberation auf die gemeinsame Reflektion und Entwicklung von “Willensabsichten” in Bezug auf Themen des öffentlichen Interesses ab.

 

Unsere Ziele sind es Integration und Bürgerbeteiligung zu fördern sowie Populismus und Radikalisierung etwas entgegenzusetzen. Wir versuchen, neue Wege einer konstruktiven und nachhaltigen Bürgerbeteiligung zu entwickeln und neue Strategien zur Stärkung zivilgesellschaftlicher und politischer Kompetenzen zu fördern.

Die bisherigen Projekte wurden von den Integrationsbeauftragten des Landes Brandenburg (Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie), der Brandenburgischen Landeszentrale für Politische Bildung und dem Brandenburgischen Ministerium für Bildung, Jugend und Sport gefördert.

Die Teilnehmenden der 14 bisher durchgeführten Workshopreihen kamen aus den unterschiedlichsten Ländern wie z.B. Afghanistan, Iran, Irak, Syrien, Pakistan, Eritrea, Somalia, Ghana, Nigeria, Kenia, Kamerun, Tschetschenien und Deutschland. Wir haben versucht, gemischte Gruppen zusammenzustellen, an welchen auch Deutsche ohne Migrationshintergrund teilnehmen. In offenen pluralistischen Gesellschaften, in denen Menschen mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen und Hintergründen zusammenleben müssen und es oft auch wollen, sind Workshops ideal, deren Teilnehmerstruktur diese Vielfalt wiederspiegelt. Alle Anwesenden nahmen freiwillig an den Workshops teil. [ii] Die Mehrheit der geflüchteten Teilnehmenden ist erst vor ein bis zwei Jahren in Deutschland angekommen. Meistens sprachen wir Deutsch, gelegentlich Englisch und manchmal griffen wir auf die Hilfe eines Übersetzers zurück. Wir haben uns mehrmals tagsüber, abends, in den Ferien oder am Wochenende getroffen. Im Schnitt haben wir pro Workshopreihe rund 15 Stunden deliberiert. Die Teilnehmerzahl lag zwischen fünf und achtzehn Personen pro Workshop.

Neben den Workshopreihen mit Geflüchteten haben wir darüber hinaus zehn Workshop-Serien mit deutschen Bürger*Innen aus verschiedenen Teilen des Landes organisiert, die sich als Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe engagieren und die Geflüchteten bei der Integration in die deutsche Gesellschaft unterstützen. [iii] Diese Workshops wurden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge unterstützt. Die Workshopgruppen hatten jeweils zwischen zehn bis achtzehn Teilnehmer*Innen, die überwiegend gut ausgebildete Frauen waren (in Deutschland engagieren sich größtenteils Frauen im zivilen Bereich). Wir trafen uns wie auch bei den Workshops mit Geflüchteten für insgesamt etwa 15 Stunden pro Workshopreihe und diskutierten die ähnliche Themen, sowie die Frage, wie wir diese Themen mit anderen Menschen diskutieren können. Die Motivation diese Workshops durchzuführen ist, dass viele deutsche Freiwillige und Hauptamtliche in der Flüchtlingsarbeit in ihrer Kommunikation mit Geflüchteten festgestellt haben, dass sie nicht über ausreichend Argumente und Methoden verfügten, um die oben aufgeführten Themen konstruktiv und sinnvoll zu diskutieren und übermitteln.

Wie die Welle der politischen Entfremdung und des Populismus in fast allen westlichen Demokratien zeigt, sind mehr als nur Gespräche mit den Neuzugezogenen erforderlich. Es ist an der Zeit, dass westliche Bürger*Innen selbst miteinander über die Werte, Ideale, Ideen und Perspektiven sprechen, die ihre Gesellschaften zusammenhalten sollen. In diesem Zusammenhang organisierten wir auch zwei Deliberations-Workshops mit deutschen zunehmend radikalisierten Bürger*Innen, die im Internet Sympathien für rechtspopulistische Standpunkte ausgedrückt hatten. Das Hauptziel dieses Projekts bestand darin, neue Wege zu finden mit Bürger*Innen in Kontakt zu treten, die sich politisch entfremdet oder nicht repräsentiert fühlen, und sie in den demokratischen Diskurs einzubeziehen. Wir haben insbesondere die Mechanismen in Bezug auf die sozialen Medien untersucht und versucht, den viel diskutierten “Filterbläschen” oder “Echo-Kammern” etwas entgegenzusetzen, in denen Menschen überwiegend Botschaften erhalten, die ihre bereits bestehenden Meinungen bekräftigen und stärken. Gemeinsam mit den Teilnehmenden wollten wir ihre Sicht auf die zeitgenössische Gesellschaft erforschen bzw. hinterfragen – welche Probleme, Herausforderungen, Chancen und Perspektiven sie sehen und wie diese ihrer Meinung nach zusammenhängen.[iv]

Bis jetzt haben die stattgefundenen Deliberationen unsere Überzeugung gestärkt, dass man mit Menschen aus allen Kulturen und Bereichen des Lebens über kritische Themen ernsthaft und durchdacht sprechen kann – vorausgesetzt, die Teilnehmenden fühlen sich ernst genommen und der soziale Kontext der Deliberation ist einladend und höflich. Obwohl wir uns in unseren Diskursen anspruchsvollen Themen gewidmet haben, waren unsere Workshopteilnehmenden sehr fähig, diese mit Eloquenz, Respekt, Sachlichkeit und oft tiefem Verständnis zu diskutieren. Manchmal waren wir anderer Auffassung bei bestimmten Themen, aber unsere Meinungsverschiedenheiten haben niemals den zukünftigen Dialog und das gegenseitige Interesse blockiert.

Wie haben wir die Workshops geplant und umgesetzt? Was haben wir gelernt? Im Folgenden Abschnitt konzentrieren wir uns auf unsere Workshops mit Geflüchteten. Wir beginnen mit einer Erklärung unserer akademischen Ausgangspunkte und Motivationen. Danach beschreiben wir unseren deliberativen Ansatz und veranschaulichen ihn, indem wir eine in den Workshops typische Debatte über Demokratie und Pluralismus schildern. Wir beenden diese Notizen mit einigen Bemerkungen darüber, was wir vernünftigerweise von 15 Stunden Deliberation zu Grundlagen wie Demokratie, Freiheit und Menschenrechten erwarten können.

 

1 Akademische Ausgangspunkte

Zu Beginn jeder Workshopreihe erklären wir den Teilnehmenden unsere Absichten, Ziele und generellen Annahmen. Natürlich sind gerade die Geflüchteten in unseren Workshops oft misstrauisch gegenüber und sogar verängstigt von denen, die sie mit Behörden in Deutschland assoziieren. Sie reden nicht gern mit Fremden über Politik und Werte. In der Regel kamen sie aus Ländern, in denen der Ausdruck und das Teilen politischer Ansichten Schwierigkeiten bedeuteten und zu Problemen führen kann. Demnach mussten wir zuallererst Vertrauen aufbauen, indem wir den Teilnehmer*Innen erklären wer wir sind, warum wir die Workshops durchführen, was unsere Annahmen und Ansätze sind und was wir durch unsere Arbeit erreichen wollen. Um in einen regen Austausch zu kommen müssen sich die Teilnehmenden sicher und wohlfühlen.

Warum organisieren wir also deliberative Workshops? Dies wollten unsere Teilnehmer*Innen meistens als Erstes wissen. Als Sozial- und Politikwissenschaftler interessieren wir uns für Demokratie, politische Partizipation, Zivilgesellschaft und vor allem dafür, neue Wege zu politischem und sozialem Engagement zu finden. Viele Debatten der westlichen Sozial- und Politikwissenschaft sowie Philosophie der letzten Jahrzehnte konzentrierten sich auf Konzepte wie Bürgerschaft, sozialer Zusammenhalt, Sozialkapital oder Deliberation. Anscheinend gibt es eine weitverbreitete Besorgnis über “nachlassende Demokratie” (Skocpol 2003): also eine Besorgnis über Bürger*Innen, die sich immer weniger an sozialen und politischen Vereinigungen beteiligen, die immer weniger von sozialen, wirtschaftlichen und politischen Prozessen und Strukturen verstehen, und die für einfache Antworten auf komplizierte Probleme zunehmend empfänglicher werden, ohne diese zu Hinterfragen. Wir müssen dringend neue Wege finden, uns sinnvoll an gesellschaftlichen und politischen Aktivitäten zu beteiligen, und dadurch politische Kompetenz zu fördern (Dahl 1950, 1989, 2000; Lindblom 1990; Wolin 1960; Bay 1965; Fishkin 1995, 2009; Putnam 1993, 2000; Gutmann and Thompson 2004; Dryzek 2005; Blokland 2006, 2011). Deshalb organisieren wir deliberative Workshops nicht nur für Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund, sondern auch für Deutsche und andere Europäer*Innen. Wir denken nicht, dass Geflüchtete ein spezielles “Problem” darstellen – zumindest nicht mehr als Einheimische. Stattdessen sind sie ein wichtiger Bestandteil einer Pluralistischen Gesellschaft, und sollten deswegen schon früh in einem deliberativen Austausch mit „unseren“ Werten und Ansichten konfrontiert werden.

Darüber hinaus haben wir besonderes Interesse an normativen oder philosophischen Fragen wie: „Was ist Freiheit? Wie weit darf Meinungsfreiheit gehen? Sollten Menschen die Freiheit haben, Organisationen aufzubauen, die auf den Abbau der Demokratie abzielen? Was ist Demokratie? Inwieweit sollte der Staat gegenüber verschiedenen Lebensmodellen neutral bleiben? Gibt es Werte oder Ideen, die von Allen auf der Welt geteilt werden (sollten)? Sind Menschen wirklich so unterschiedlich?“. Unserer Auffindung nach müssen Bürger*Innen in unseren Gesellschaften viel mehr über diese grundlegenden Themen reden. Zu lange haben wir Diskussionen über Grundlagen vermieden, weil wir befürchteten, dass diese niemals zu einem funktionierenden Konsens führen und nur Konflikte auslösen würden, die eskalieren könnten und die Gesellschaft spaltet. Die Vermeidung von Grundsatzdiskussionen war lange Zeit auch der Rat vieler Politikwissenschaftler (vgl. Blokland 2011: 40ff).

 

Dabei schafft gerade der Verzicht über grundlegende Fragen zu sprechen, Gesellschaften ohne Wissen und Verständnis für ihre eigenen Grundlagen und folglich Gesellschaften, die sich letztendlich nicht rechtfertigen und verteidigen können. Des Weiteren entwickeln sich durch diese Vermeidung politische Gesellschaften, ohne der Fähigkeit zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu differenzieren, und ohne entscheiden zu können, welche Richtung sie einschlagen wollen. Wenn man nicht über fundamentale Fragen spricht, entstehen Gesellschaften, die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen und Prozessen, welche nur von Wenigen verstanden werden, blind ausgeliefert sind; Gesellschaften, die verborgene und willkürliche Ressentiments hervorbringen; Gesellschaften, die auseinanderfallen, weil sie ihre Veränderung nicht verstehen und sich auseinanderleben. Offensichtlich muss in sich schnell verändernden politischen Gemeinschaften – etwa wegen der Migration einer großen Anzahl von Menschen oder aufgrund der durch die Globalisierung und technologischen Innovationen verursachten raschen wirtschaftlichen Veränderungen – diskutiert und präzise geschildert und erforscht werden, was Menschen zusammenhält. Veränderung kreiert oft Angst und Hilflosigkeit, wenn diese nicht verstanden wird. Diese Gefühle können durch Deliberation und den Diskurs vermieden, beschränkt und transformiert werden.  Außerdem glauben wir, dass die meisten Menschen in der Lage sind, über solche Themen ernsthaft und vernünftig nachzudenken, Übereinstimmungen zu erkennen und praktikable Kompromisse zu erzielen. Auch haben wir in unseren Workshops festgestellt, dass viele Menschen und insbesondere Jugendliche, mit denen wir gesprochen haben, ein Interesse daran haben, über diese Themen nachzudenken und darüber zu beratschlagen. Oft spielen sie gerne – bei geeignetem sozialem Umfeld – mit diesen „großen Ideen und Konzepten“. In diesem Kontext sind die konfrontativen, feindseligen Wahlkampagnen und Debatten, die in vielen westlichen Demokratien üblich geworden sind, aus der Perspektive demokratischer Deliberation kontraproduktiv: Sie verschließen die Köpfe der Bürger*Innen. Zudem sind sie gefährlich, weil sie die Säulen der Demokratie untergraben, wie z.B. die Bereitschaft und Fähigkeit zuzuhören, zu diskutieren, bewerten, Kompromisse einzugehen und andere Meinungen zu tolerieren.

Eine weitere Reihe von Annahmen, die wir den Teilnehmer*Innen explizit mitgeteilt haben, ist erstens unsere Überzeugung, dass wir etwas Wertvolles von fast jeder anderen Kultur lernen können. Wir denken, dass die zeitgenössische westliche Kultur entscheidende Defizite hat und, dass wir als Europäer*Innen oder Westler*Innen viel von anderen Kulturen lernen können. Zum Beispiel in Bezug auf Gemeinschaft, Gastfreundschaft, Solidarität oder “Genossenschaft”. Entscheidende Teile unserer westlichen Zivilisation scheitern und zerstören nicht nur die Umwelt, sondern auch die wichtigsten Bedingungen für das menschliche Wohlbefinden (Lane 2000). Es ist an der Zeit, den Verlauf der blinden Rationalisierung zu korrigieren (Blokland 2006). Andere Kulturen könnten uns hier inspirieren. Deshalb geben wir unser Bestes, unsere Beratungen nicht mit einer überlegenen, paternalistischen, eurozentrischen Perspektive zu beginnen. Eine arrogante, belehrenden Haltung – „lassen Sie uns Ihnen sagen, was Sie denken und wie Sie Ihr Leben organisieren sollten“ – ist bei unseren Workshops fehl am Platz.

Zweitens haben wir auch deutlich gemacht, dass wir weder kulturelle oder ethische Relativisten noch Postmodernisten sind. Nicht alles geht und kann geduldet werden. Zwischen dem absoluten Kulturrelativismus und dem absoluten Ethnozentrismus gibt es eine pluralistische Mitte, die wir als gemeinsame Grundlage respektieren müssen (Berlin 1997, Taylor 1992, vgl. Blokland 1997, 1999, 2011).[v] Wir glauben, dass es Werte gibt, die allgemein verstanden werden und generell anerkannt sind, und wir glauben, dass wir Werte und Kulturen rational diskutieren und kritisieren können. Werte kollidieren zwangsweigerlich miteinander und müssen verhandelt werden. Sie haben unterschiedliche Gewichtungen in unterschiedlichen Kontexten und werden daher in verschiedenen Kontexten unterschiedlich ausbalanciert. Dennoch sind Werte, ihre Reibungen oder Zusammenstöße und die Notwendigkeit, sie zu verhandeln, allgemein anerkannt. Wir gleichen Werte nicht zufällig, sondern auf durchdachte, mit Argumenten begründete Weise aus. Zusätzlich gibt es Ideen zu Demokratie, Pluralismus, Freiheit, Toleranz und Gender, – Ideen, die auch im deutschen, europäischen und internationalen Recht verankert sind – welche über eine gut durchdachte, plausible akademische Grundlage verfügen. Wir können diese Ideen erklären, begründen und verteidigen und zeigen, wie sie miteinander verbunden sind und sich gegenseitig unterstützen.

Kongruent zu Denker wie John Stuart Mill (1859) und Karl Mannheim (1940), Isaiah Berlin (1988), Jürgen Habermas (1981), Robert Dahl (1989) oder James Fishkin (1995) glauben wir, dass Ideen und Werte nur dann überleben, wenn sie im freien öffentlichen Raum diskutiert werden. Diese Ideen, Werte und die offene Diskussion über diese Werte sind von innen heraus zerfressen worden, von denen die glauben, dass Werte und die Art, wie wir sie ausbalancieren, nicht rational verteidigt werden können. Daher könnte ein unerwartetes, aber willkommenes Ergebnis eines offenen Austauschs mit Geflüchteten, die nach Europa kommen, ein besseres Verständnis unserer eigenen europäischen kulturellen Tradition und Identität sein. Die offene Diskussion mit Vertretern anderer Kulturen über grundlegende Werte wird unser Denken erweitern, unsere eigenen Kulturen relativieren und auch neu beleben. Es könnte uns helfen, die europäische Identität, die das Fundament einer Europäischen Union bilden sollte, zurückzuverfolgen und neu zu definieren.

 

2 Deliberativer Ansatz

2.1 Gemeinsam Argumente erarbeiten und Verständnis aufbauen

Typisch für unsere deliberativen Workshops und die darin ausgeübte Form der Kommunikation ist, dass wir nicht durch “Frontalunterricht” “lehren” oder “vortragen”, was richtig oder falsch ist. In vielen Bildungskontexten, sogar an Universitäten, ist es immer noch die Norm, dass eine Autorität vor einer Gruppe von Leuten einen langen Monolog hält und den Lernenden vorschreibt, was sie zu denken haben. Zahlreiche europäische “Integrationskurse” finden genau nach diesem Schema statt und ihre Zahl scheint unter dem Einfluss von populistischen, fremdenfeindlichen Bewegungen zu steigen. Jedoch funktionieren diese frontal-ausgerichteten, belehrenden Methoden nicht wirklich, weil sie letztendlich häufig einseitig und respektlos sind und leicht als solches erkannt werden.[vi]

Wassim and Oktay in conversation. Image courtesy of Lotta magazine.

Statt traditionellen Frontalunterricht versuchen wir gemeinsam mit unseren Teilnehmenden ein gegenseitiges Verständnis von grundlegenden Werten und Konzepten zu erarbeiten. In Zusammenarbeit mit ihnen versuchen wir, ihre oft versteckten Annahmen, Erklärungen und Begründungen zu erforschen und zu durchdenken. Gemeinsam untersuchen wir, wie Ideen zu Konzepten wie Demokratie, Freiheit, Toleranz und Emanzipation zusammenhängen, sich gegenseitig stärken und letztlich auf unserem grundsätzlichen Verständnis beruhen, was es bedeutet ein Mensch zu sein und in einer fairen Gesellschaft zu leben. Gemeinsam versuchen wir Verständnis für ein komplexes Geflecht sich gegenseitig verstärkender Werte, Ideen und Perspektiven zu entwickeln.

Normalerweise beginnen wir die Workshops mit der Frage, was den Teilnehmenden generell zum Wort „Demokratie“ in den Sinn kommt. Wir könnten auch mit dem Konzept “Freiheit” oder mit jedem anderen “im Wesentlichen umstrittenen Konzept” unserer politischen und kulturellen Tradition beginnen. Charakteristischerweise sind diese Konzepte stark miteinander verknüpft und erhalten ihre Bedeutung in einem einigermaßen konsistenten und kohärenten Netzwerk verwandter Konzepte. Jede Diskussion eines bestimmten Konzepts führt irgendwann zur Notwendigkeit, auch die anderen Konzepte zu diskutieren (Blokland 1997: 6-7). Wie oben angedeutet, erhalten die Konzepte ihre Bedeutung oder Definition immer im Kontext einer sozialen und politischen Theorie, die letztlich auf Visionen von Mensch, Gesellschaft und Welt beruht. Da diese Visionen unweigerlich philosophisch inspiriert sind, sind deren Bedeutungen immer offen für Diskussionen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass jede Bedeutung, die diesen Konzepten gegeben wird, gleichermaßen plausibel ist.

2.2 Mit abstrakten Werten und Perspektiven und Werten beginnen

Im Prozess der Deliberation hilft es, mit abstrakten Werten wie Demokratie und Freiheit zu beginnen und anschließend die daraus gemeinsam entwickelten Erkenntnisse langsam in konkrete Probleme zu übersetzen und auf konkrete Themenfelder und Probleme anzuwenden. Es ist oft kontraproduktiv unmittelbar mit spezifischen Konfliktthemen wie arrangierte Ehen, Verschleierung, – oder gar Homosexualität oder das Recht, sehr unpopuläre Meinungen zu vertreten und das Recht zu beleidigen –  zu beginnen: Menschen geraten dann in Streitereien über Symptome und nicht über deren Ursachen. Sie sind unmittelbar anderer Meinung, stehen im Widerspruch, können die Quellen ihrer Meinungsverschiedenheiten nicht nachvollziehen und hören auf zu kommunizieren, da sie sich missverstanden, verkannt, und respektlos behandelt fühlen.

2.3 Normative Ideen statt empirische Situationen diskutieren

Aus demselben Grund laden wir die Teilnehmer*Innen ein, über normative Ideen und nicht über empirische Situationen oder Sachverhalte zu diskutieren. Unmittelbar in die vermeintliche Realität Syriens, Iraks, Somalias, Brandenburgs oder Pennsylvanias zu gehen, lässt die Maßstäbe zur Bewertung der jeweiligen Situationen implizit und schafft nicht greifbare, unlösbare Unstimmigkeiten.

Oft übersetzen Menschen normative Fragen sofort in ihre eigenen persönlichen Erfahrungen. „Demokratie? Das haben wir in Nigeria, Afghanistan oder Syrien nicht; und in Brandenburg oder Pennsylvania eigentlich auch nicht. Es ist alles eine große Farce. Es ist eine Lüge“. Diskussion beendet.

Verständlicherweise sind die Teilnehmenden auch regelmäßig versucht, die Diskussion auf die Frage zu bringen wer „schuld“ hat. Auch diese Fragestellung ist selten produktiv: Menschen fühlen sich angegriffen und werden emotional, vieles bleibt implizit. Was Menschen gemeinsam haben und worüber sie sich einig sind, bleibt außer Sicht.

In unseren Workshops müssen wir oft erklären, dass es einen Unterschied zwischen empirischen und normativen Fragen gibt. Dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was ist und was sein soll. Und dass wir über Ideale reden wollen, wie zum Beispiel über das, was wir für ein gutes Leben halten und was eine gute Gesellschaft ausmacht, in der dieses Leben möglich ist. Wenn wir uns auf ein Zusammenleben einigen wollen, müssen wir zuallererst unsere normativen Ideale zum Leben und Zusammenleben explizit machen und versuchen, einen minimalen, durchführbaren Konsens darüber zu erreichen.

Es überrascht nicht, dass unsere Teilnehmer*Innen untereinander – sowohl Menschen mit und ohne Fluchterfahrung – und mit uns viele Ideen über das „gute Leben“ und die „ideale Gesellschaft“ teilen. Dies gemeinsam herauszufinden nimmt beiden Seiten schon viel Angst voreinander und vor der Deliberation.

2.4 Grundpfeiler festlegen

Darüber hinaus stellen wir bei der gemeinsamen Suche nach plausiblen Konzepten wie Demokratie, Freiheit, Identität, Emanzipation vor allem Fragen und lassen den Teilnehmenden genügend Raum, dies auch zu tun. Ihnen die Möglichkeit zu geben, den Gesprächsablauf zu beeinflussen ist erneut eine Frage des Respekts. Als Sozial- und Politikwissenschaftler*Innen sowie als ethische und politische Pluralisten haben wir einige Grundpfeiler oder „Leitplanken“, die wir in der Diskussion setzen wollen. Unsere Fragen sind nicht zufällig formuliert. Wenn nötig lenken wir die Diskussion in die Richtung dieser pluralistischen Grundpfeiler. Jedoch steht zur Diskussionen offen, wie das Haus zwischen den Grundpfeilern aussieht. Jeder Workshop ist anders, da die Teilnehmenden unterschiedlich sind und andere Situationen hervortreten.

2.5 Sprach- und kulturelle Barrieren überwinden

Die meisten unserer Teilnehmer*Innen kommen aus eigenem Interesse. Folglich sind sie wahrscheinlich überdurchschnittlich motiviert, über die durch uns vorgeschlagenen Themen zu sprechen. Aus diesem Grund können sie als potentielle “Multiplikator*Innen” betrachtet werden; also als relativ einflussreiche Leute, die in ihren eigenen Gemeinden Deliberationen anstoßen und die Ideen verbreiten, die wir gemeinsam in den Workshops entwickelt haben. Trotz ihrer hohen Motivation sind sie jedoch keine ausgebildeten sozialen und politischen Theoretiker*Innen. In unseren Deliberationen müssen wir uns an ihre Fähigkeiten und Kenntnisse anpassen. Wir können normalerweise nicht in derselben Sprache wie in diesem Artikel reflektieren, sondern müssen uns stets anpassen an die vorhandenen Sprachkenntnisse, Wissen und an die verfügbaren Fähigkeiten um abstrakt argumentieren zu können. Das alles variiert von Person zu Person und in den verschiedenen Workshops. Abgesehen von der Hilfe eines Übersetzers, müssen wir ständig bereit sein, alternative Formulierungen, unterschiedliche aussagekräftige Beispiele und andere indirekte Wege zu verwenden, um Botschaften zu vermitteln und die Diskussion zu lenken. Zu diesem Zweck zeigen wir auch kurze Dokumentarfilme, Clips, Bilder, Zeichnungen und Cartoons. Darüber hinaus haben wir immer ein paar provozierende Zitate und Thesen vorbereitet, um die Konversation anzuregen oder in Gang zu halten.

2.6 Eine sichere und einladende Umgebung schaffen

Menschen mögen es nicht, wenn ihre Werte und somit ihre Identität in Frage gestellt werden. Jedes Umfeld, welches den Menschen das Gefühl gibt, angegriffen oder nicht respektiert zu werden, ist aus einer deliberativen Perspektive nicht nutzbringend. Auch deshalb investieren wir in ein freundliches Umfeld bei unseren Workshops, in dem sich die Teilnehmenden wohl fühlen können und zum Nachdenken eingeladen werden. Der Stil indem ein Workshop geführt wird ist entscheidend. Aber auch das Angebot von Essen und Trinken ist, wie die Griechen wussten, wichtig. Ebenso wichtig ist es, an einem Ort zu sein, der neutral ist, wie ein Gemeindezentrum oder eine Bibliothek. Wir bevorzugen ebenfalls mit Geflüchteten die Workshops außerhalb ihrer Erstaufnahmeeinrichtung oder Gemeinschaftsunterkunft durchzuführen, denn wir sprechen sie als Bürger*Innen an und nicht als „Geflüchtete mit einem Problem“.

Des Weiteren hatten die Geflüchteten oft schlechte Erfahrungen mit Politik und der Formulierung von Standpunkten zu Politik, Werten und Weltanschauungen. Die Teilnehmenden mit Fluchthintergrund schienen regelmäßig Angst zu haben, dass die Äußerung von Ansichten persönliche Konsequenzen auf ihre Position und ihren Status in ihrem neuen Heimatland haben könnte. Wir mussten also deutlich machen, dass wir keine Regierungsbehörde, sondern eine unabhängige zivile Organisation sind und keine Verbindung zu den Ausländerbehörden haben. Zwar sind wir bei unseren Projekten in der Regel auf staatliche Subventionen angewiesen, aber auf unsere Deliberationsrunden hat der Staat keinen Einfluss. Alles, was wir diskutieren, bleibt zwischen uns: Niemand wird durch uns über die Meinung einer oder eines Einzelnen informiert und wir garantieren jedem oder jeder Teilnehmer*In Anonymität.

In Bezug darauf zeigen wir Respekt, indem wir deutlich machen, dass wir keine Sozialarbeiter sind, die an persönlichen Problemen der Teilnehmenden arbeiten wollen, sondern soziale und politische Wissenschaftler*Innen und Philosoph*Innen. Wir thematisieren, was wir durch allgemeine Maßstäbe der vernünftigen Argumentation und der empirischen Rechtfertigung glaubhaft verteidigen können. Wir können verstehen, dass viele Geflüchtete schreckliche Erfahrungen gemacht haben, eventuell traumatisiert sind, und fühlen mit ihnen. Jedoch werden wir in unseren Workshops nicht darüber reden, wenn es nicht zum Thema passt. Wir definieren sie nicht als Menschen mit einem sozialen oder psychologischen Problem, sondern als Bürger*Innen, die in der Lage sind, vernünftig und auf Augenhöhe über grundlegende Themen zu deliberieren. Tatsächlich sind die meisten Geflüchteten erleichtert, so behandelt zu werden.[vii]

2.7 Direkte Vergleiche und Konfrontationen vermeiden

Unproduktive Spannungen und Reibungen versuchen wir zu vermeiden, indem wir keine Vergleiche wie den Folgenden anstellen: „Bei uns, in unserer überlegenen westlichen Welt, haben Frauen die gleichen Rechte wie Männer. Erzähl uns, wie ist die Situation in deinem Heimatland oder in deiner Kultur?“. Selbst wenn Menschen mit Teilen ihrer Heimatkultur nicht zufrieden sind, werden sie versucht sein, diese im Ausland zu verteidigen. Sie fühlen sich oft persönlich angegriffen. Anstatt über Frauenrechte in Afghanistan, Irak oder Eritrea zu sprechen, sprechen wir daher über die Entwicklung der Rechte von Frauen in einem Land wie Deutschland. Wann erhielten Frauen das Recht, eine Universität zu besuchen, das Wahlrecht, das Recht, ein Bankkonto zu eröffnen, ein Auto zu kaufen, oder das Recht, in einer Ehe Vergewaltigung anzuzeigen? Wir zeigen unseren Teilnehmer*Innen empirisch, wie Frauen in den Arbeitsmarkt eingetreten sind, wie Karrieren und spezifische Arbeitsplätze (im Prinzip) auch für Frauen verfügbar wurden und wie sich die Rollen von Männern und Frauen im Laufe der Jahre entwickelt haben. Anhand dieser Beispiele kommen dann oft von selbst Diskussionen zustande.

Bevor wir die spezifische Entwicklung der Rechte und Freiheiten von Frauen thematisierten, haben wir mit unseren Teilnehmenden Sozialisation und Identität diskutiert und versucht zu zeigen, wie Identitäten zu einem wesentlichen Teil das Produkt der Sozialisation sind, wie jeder ein Produkt seiner Familie, Nachbarschaft, Kultur, Tradition, Religion und Zeit ist. Wir haben zusammen erkundet, wie Identitäten sozial konstruiert sind, wie Menschen mehrere Identitäten gleichzeitig haben können (eine Mutter, eine Musikerin, eine Liebhaberin, eine Muslima, eine Sportlerin, eine Amerikanerin, etc.), wie Menschen mit ihrer Identität spielen und wie Identitäten sich stetig im Fluss entwickeln. Da wir uns zuerst mit den abstrakten Themen wie Identität auseinandergesetzt haben, konnten wir dieses Thema auch auf Frauenrechte beziehen.

Die allgemeine Beobachtung ist: Gesellschaften und Menschen verändern sich, Menschen überdenken Werte, Normen, Gewohnheiten und Erwartungen; auch wenn diese auf konkreten, scheinbar unerschütterlichen Interpretationen heiliger Bücher wie der Bibel beruhen und von Kirchen und anderen Traditionsträgern interpretiert und durchgesetzt werden.

Nichtsdestoweniger bedeutet die Tatsache, dass sich die Ideen und Gesetze in der westlichen Welt zu den Positionen von Männern und Frauen grundlegend geändert haben nicht, dass alle Veränderungen zu begrüßen sind. Zum Beispiel haben westliche Gesellschaften immer noch kein Gleichgewicht zwischen Karriere und Familie gefunden. Die Erwartung, dass Frauen Karriere und Familie haben geht nicht mit der entsprechenden Akzeptanz einher, dass Männer für die Familie ihre Karriere zurückstellen dürfen. Beide Seiten sehen sich daher mit unerreichbaren Standards und wenig politischer Unterstützung konfrontiert. Dies hat eine überlastete Gesellschaft geschaffen, in der das Familienleben erodiert ist und wo zum Teil immer weniger Menschen Kinder haben wollen. In diesem Bereich müssen westliche Gesellschaften lernen, sich anpassen und verändern.

 

3 Exkurs: Deliberation über Demokratie

Der vorherige Teil ist etwas theoretisch. Lassen Sie uns also ein Beispiel geben, wie sich eine Deliberation in der Praxis entfalten kann. Wir haben den folgenden Ablauf der Deliberation, der überwiegend wie eine Art „Roadmap“ oder Leitplan gelesen werden muss, nicht immer vollständig umgesetzt oder erreicht, kommen ihm jedoch oft sehr nahe.

Üblicherweise beginnen wir eine Deliberation indem wir, wie bereits erwähnt, die Teilnehmer*Innen nach der Bedeutung eines Konzepts wie “Freiheit” oder “Demokratie” fragen. Einige der Teilnehmenden antworten gewöhnlich, dass es bei Demokratie um Stimmabgabe und Wahlen geht. Nur um die Diskussion zu beginnen, verfolgen wir diese Antwort. „Wenn es um das Wählen geht, sollte die Mehrheit dann immer entscheiden?“, fragen wir. Die Antwort ist gewöhnlich: „Ja, das ist Demokratie. Die Leute sollten entscheiden!“. „Was aber, wenn die Mehrheit entscheidet, dass die Minderheit ihre Religion aufgeben soll? Oder, dass die Minderheit nicht mehr ihre eigene Sprache sprechen darf? Oder kein Wahlrecht mehr haben soll?“. Einige Teilnehmende sahen diese Schwierigkeiten kommen, da sie oft aus Ländern flohen, in denen Mehrheiten oder Diktatoren Minderheitenrechte nicht respektierten. „Nein, das ist keine Demokratie“, würden die meisten Teilnehmer*Innen erkennen. „Aber warum genau ist das der Fall?“, fragen wir, „Und gibt es noch andere Themen, über die Sie nicht mit Mehrheitsentscheidungen entscheiden wollen? Und warum genau  diese?“. Immer häufiger werden Themen von den Teilnehmenden, die sich zunehmend zu Deliberatoren entwickeln, ins Gespräch gebracht. Sie beginnen dann oft, über Verfassungen zu sprechen, über unveräußerliche Rechte, die ihnen nicht entzogen werden können. Häufig beginnen sie auch, über Freiheit, Respekt und Gleichheit zu sprechen. Einige Werte – wie beispielsweise Sprache, Kultur und Religion – sind für Menschen so wertvoll, dass sie niemals Mehrheitsentscheidungen darüber akzeptieren werden. “Demokratische” Entscheidungen zu diesen Themen zu treffen, würde die Achtung vor dem “demokratischen” Verfahren für kollektive Entscheidungen untergraben. Sie würden das Gefühl haben, in ihrem Menschsein nicht respektiert zu werden und in ihrer Freiheit und Identität eingeschränkt zu sein. Sie würden sich anders behandelt fühlen als andere Menschen, die zu den Mehrheiten gehören, deren Sprachen, Kulturen, Religionen oder Identitäten ihnen offensichtlich überlegen sind.

Workshop in Potsdam. Oktober 2016.

Zeit, die Diskussion zurück zu Wahlen zu bringen. „Geht es bei der Demokratie nur um Wahlen oder gehört mehr dazu? Wahlen von was?“, fragen wir. „Wir brauchen Alternativen, um abzustimmen“, erklärt jemand, „echte Alternativen. In unserem Heimatland entscheidet immer der Führer, aus welchen Alternativen wir wählen dürfen. Sie nennen es Demokratie, aber es ist nur Schein“. „Aber was genau sind echte Alternativen?“, haken wir nach, „Woher weiß man, welche Alternativen vorzuziehen sind? Und wie kommen Sie an bedeutsame Alternativen?“. „Wir brauchen eine offene Diskussion. Wir müssen darüber reden,“ antworten manche. Andere ergänzen: „Wir müssen auch in der Schule und voneinander lernen“. Ignoranz und Demokratie passen nicht gut zusammen. Und für diese offene Diskussion brauchen wir Freiheit, Rede- , Meinungs- und Pressefreiheit. „Dann bekommen wir auch Alternativen“, versichern einige Teilnehmende, „, weil die Leute unterschiedliche Ideen haben. Und wenn wir Menschen mit vergleichbaren Ideen erlauben sich zu vereinen, bilden sich daraus Organisationen wie politische Parteien, die Alternativen bei Wahlen anbieten können“.

Wir schlussfolgern also zusammen, dass es bei Demokratie nicht nur um Wahlen, sondern auch um Diskussionen geht, beziehungsweise um den offenen Austausch von Ideen und Visionen, für die wir Meinungs- und Vereinigungsfreiheit brauchen. Und wenn wir schließlich abstimmen, entscheiden wir nicht zu jedem möglichen Thema mit Mehrheiten. Menschen haben Rechte, die man ihnen nicht nehmen sollte und bei manchen Themen ist es besser, überhaupt nicht zu wählen, sondern die Menschen oder bestimmte Minderheiten für sich selbst entscheiden zu lassen.

Offensichtlich, argumentieren wir zusammen, brauchen wir Freiheit, damit Demokratie funktionieren kann. Gleichzeitig ist Demokratie keine Garantie für Freiheit: Demokratische Mehrheiten sind eine dauerhafte Bedrohung für die Freiheit von Minderheiten. Macht scheint das Problem zu sein, egal woher sie kommt. Manchmal zitieren wir auf einer PowerPoint-Folie den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, der vor einem Jahrhundert sagte: “Die Freiheit kam nie von der Regierung. Freiheit ist immer von den Bürgern hergekommen. Die Geschichte der Freiheit ist eine Geschichte des Widerstands. Die Geschichte der Freiheit ist eine Geschichte der Beschränkung der Regierungsmacht, nicht ihrer Zunahme.” (1912).

Also, eine Demokratie muss Macht kontrollieren und wir müssen sie zerstreuen. „Wie können wir das machen?“, fragen wir unsere Workshop-Mitglieder*Innen. Manche wiederholen: „Wir brauchen eine Verfassung, in der Rechte definiert werden, die keine demokratische Regierung außer Kraft setzen kann.“, und, „Wir brauchen auch eine andere unabhängige Autorität, die dafür sorgt, dass die Verfassung respektiert wird: ein unabhängiges Rechtssystem. Und wir brauchen ein Parlament, welches die Regierung unter Kontrolle hält! Und wir brauchen regelmäßige Wahlen, damit wir Regierungen, die ihre Macht missbrauchen oder die wir aus anderen Gründen nicht mögen, abwählen können. Und wir brauchen die Freiheit, die Regierung zu kritisieren. Wir brauchen eine freie Presse, und wir brauchen die Freiheit, uns gleichgesinnten politischen Parteien und anderen zivilen Organisationen anzuschließen, die die Regierung, andere staatliche Institutionen und sich gegeneinander im Auge behalten.

Die Teilnehmenden werden jetzt oft übermotiviert, wenn sie daran denken, die Regierung zu entmachten. Es entsteht das Bild einer demokratischen Gesellschaft, in der jeder seine Meinung äußert, die Meinung Anderer diskutiert, wo jede Macht von anderen Mächten eingeschränkt wird und am Ende niemand etwas fertigbringen kann. Wir werfen noch eine andere These ein: „Eine Vielzahl politischer Parteien, zivilgesellschaftlicher Organisationen und der Presse schafft überwiegend Verwirrung und Unordnung, schwächt die Nation und macht es unmöglich, richtige und klare Entscheidungen zu treffen“.

Viele Teilnehmer*innen – Einheimische und Migrant*Innen – haben dieses Argument schon einmal gehört. Aber was kann man dem effektiv entgegensetzen? Wir müssen die Diskussion auf eine noch anspruchsvollere Ebene bringen. Zunächst müssen wir uns fragen, warum wir es erlauben, diese Kakophonie oder Pluralität konkurrierender Ideen, Werte, Perspektiven, Interessen, Akteure und Kräfte entwickeln zu lassen. Chaos scheint das Resultat zu sein. Es ist an der Zeit, über Pluralismus und Monismus zu sprechen, ein philosophisches Thema, über das viele unserer Teilnehmer*Innen sehr gerne sprechen, obwohl es sie auch häufig verwirrt. Es ist ein Thema, das in vielen anderen Diskussionen wiederkehrt: Freiheit, Toleranz, Zivilgesellschaft.

Wir beginnen wieder mit einer provozierenden These: „Jede Frage hat nur eine richtige Antwort und alle richtigen Antworten können in einem kohärenten, konsistenten System geordnet werden. Manche Leute, zum Beispiel Philosophen, haben mehr Wissen über alle richtigen Antworten. Diese Leute sollten regieren.“

Die meisten Teilnehmer*innen müssen daran kauen und erst einmal nachdenken. Viele, Westler*Innen und Nicht-Westler*Innen gleichermaßen, haben eine starke Versuchung, der ersten These zuzustimmen. Wir fragen sie dann: „Was ist die Notwendigkeit einer Diskussion oder einer Abstimmung oder überhaupt einer Demokratie, wenn alle Fragen nur eine richtige Antwort haben?”. Gutes Argument. Für welche Fragen haben wir Antworten, die allgemeingültig oder plausibel sind; Antworten, über die wir nicht abstimmen müssen?

Wenn wir den Eindruck haben, dass die Workshopgruppe damit umgehen kann, diskutieren wir den Unterschied zwischen wissenschaftlichen und philosophischen Fragen. Selbst für Doktoranden ist dies oft ein schwieriges Thema. Wir erklären, dass es in der Wissenschaft um empirische Beobachtung und logisches Denken geht. Bei philosophischen Fragen wissen wir nicht oder sind uns (noch) nicht einig, wie wir sie beantworten sollen. „Wo ist mein Mantel?”, ist eine wissenschaftliche Frage. Wir können zu einer allgemein akzeptierten Antwort durch Beobachtung („Schau, er hängt dort an der Wand!”), oder über Logik kommen („Ich kann ihn hier nicht finden, aber ich habe das Haus in einem Mantel verlassen. Also muss ich den Mantel in der S-Bahn gelassen haben”). Aber wie beantwortet man Fragen wie: „Was bedeutet Freiheit oder Demokratie? Ist Freiheit wichtiger als Gleichheit? Wie sollen wir unser Nationaleinkommen verteilen? Was ist ein gutes Leben? Was ist eine gute Gesellschaft? Gibt es eine Realität neben oder über der Realität, die wir wahrnehmen? Gibt es ein Leben nach dem Tod?“. Einige Leute glauben, dass sie hier endgültige Antworten kennen, aber die einfache Tatsache, dass sie nicht alle Anderen von ihrer Wahrheit überzeugen können, wirft die Fragen auf.

Wir kehren zu der als Letztes genannten These zurück und führen den Unterschied zwischen Monisten und Pluralisten ein. Die Monisten denken, dass alle Fragen – auch ethische Fragen über richtig und falsch oder Fragen zur Schönheit – nur eine richtige Antwort haben und, dass alle diese Antworten in einem konsistenten, kohärenten und reibungslosen System organisiert werden können. Oft glauben sie auch, dass manche Menschen mehr über die “richtigen” Antworten wissen. Diesen Menschen könnten wir dann die Regierung überlassen.

Wir betonen, dass Monisten überall auf der Welt zu jeder Zeit gefunden werden können. Die Geschichte des Denkens im Westen ist eine Geschichte des Kampfes zwischen Monisten und Pluralisten – und erst vor kurzem haben die Pluralisten die Oberhand gewonnen. Monisten finden sich jedoch immer noch überall und oft an unerwarteten Orten.

Pluralisten denken, dass es für ethische Fragen oft mehrere plausible Antworten gibt. Sie denken, dass es viele verschiedene Werte gibt, von denen jeder beachtet werden sollte , aber dass diese Werte oft miteinander kollidieren. Wenn das passiert, müssen Kompromisse gemacht werden, Werte müssen verhandelt werden. Wir können nicht alles haben. Und das ist eine tragische Wahrheit, typisch für den menschlichen Zustand.

Wir fragen die Teilnehmer*Innen, ob sie sich Beispiele für Werte vorstellen können, die kollidieren und verhandelt werden müssen. Wir schlagen als Beispiele Freiheit und Gleichheit vor: Die Freiheit der Wölfe ist der Tod der Schafe. Unbegrenzte Freiheit führt zur Ungleichheit und damit zur Verringerung der Freiheit derer, die unten auf der Leiter der Gesellschaft stehen. Der Versuch, eine gerechtere Gesellschaft zu erreichen, verringert die Freiheit der Gewinner. Ein anderes Beispiel: Der Wunsch nach einem abenteuerlichen Leben mit immer neuen Erfahrungen steht im Widerspruch zu dem Wunsch nach Sicherheit, Kontinuität und Gelassenheit.

Wir kommen zurück zur Demokratie: Viele Fragen in einer Demokratie sind philosophischer Natur. „Gibt es Experten“, fragen wir, „zu der Frage, wie viel Geld für Bildung, Verteidigung, den Bau von Straßen und Brücken, Kunst und Kultur ausgegeben werden sollte? Gibt es Experten mit ultimativen, universellen Antworten auf die Frage, ob wir uns als Gesellschaft, als demokratische Gemeinschaft, auf wirtschaftliches Wachstum konzentrieren sollten oder auf Glück setzen sollten?  Was ist Glück und wie können Regierungen dazu beitragen?“. Alle denken darüber nach. Jede Frage, die eine Gesellschaft beantworten muss – auch jene, die rein technisch oder wissenschaftlich scheinen – haben eine philosophische oder politische Komponente. Welche Entscheidungen in Bezug auf die Kernenergie dürfen nicht Experten überlassen werden? Ist die Frage, wie viele Krankenhäuser in einem Land gebaut werden sollten, rein technischer oder wissenschaftlicher Natur?

Demokratie existiert anscheinend, weil wir keine rein wissenschaftlichen, objektiven Antworten auf viele Fragen haben, die wir in jeder Gesellschaft beantworten müssen. Wir akzeptieren nicht, dass bestimmte Menschen ein größeres Mitspracherecht haben, Antworten auf diese Fragen zu geben. Wir akzeptieren keine selbsternannten Autoritäten. Wir fordern, dass jede Person ein gleiches Mitspracherecht, eine gleichwertige Stimme hat. Aus dem gleichen Grund schätzen wir die Freiheit, ein weiteres Thema, auf das wir ausführlich eingehen: Es gibt keine endgültigen, universellen und ewigen Antworten auf die Frage, wie man sein Leben leben soll. Jeder Mensch muss und kann Entschlüsse für sich treffen. Deshalb ist es eine Frage des Respekts Menschen Raum zu lassen, ihre eigenen Entscheidungen treffen zu können.

Die Leute werden müde. Zeit für‘s Mittagessen! Dabei haben die Teilnehmenden Zeit, das besprochene etwas zu überdenken und sacken zu lassen. Danach machen wir weiter, besprechen aufgekommene Fragen, oder eröffnen ein neues Thema.

 

4 Welche Effekte sind zu erwarten?

Die vorherigen Abschnitte beschrieben die Art und Weise, wie wir gemeinsam mit unseren Teilnehmer*Innen erkunden wie Werte und Konzepte zusammenhängen und ein miteinander verwobenes, sich gegenseitig verstärkendes, bis zu einem gewissen Grad konsistentes und kohärentes Muster von Werten, Normen, Ideen und Konzepten bilden. Allein durch die Fragen, ob es in einer Demokratie um Wahlen oder Diskussionen geht und ob Mehrheiten über alle Themen entscheiden sollten, haben wir Diskussionen über Minderheiten-, Verfassungs- und Menschenrechte, Diskussionen über Freiheit, Autonomie, Gleichheit, Pluralismus und Monismus, Relativismus und Absolutismus, sowie über Toleranz, Zerstreuung der Macht, politische Parteien, die Zivilgesellschaft usw. ausgelöst. Darüber hinaus versuchten wir zu demonstrieren, wie dies alles zusammenhängt. So führt ein Thema zum anderen, und viele Ideen stehen in gegenseitiger Beziehung.

Dennoch hat die Forschung immer wieder gezeigt, dass Menschen eine bemerkenswerte Fähigkeit haben, widersprüchlich zu sein und zu bleiben (Lane 1972). Menschen haben auch eine große Fähigkeit, Fakten zu ignorieren, die ihren Standpunkten widersprechen. Obwohl Akademiker*Innen, Politiker*Innen, Journalist*Innen und andere Meinungsmacher*Innen dieser Gewohnheit gleichermaßen folgen, sind sie regelmäßig erstaunt über das widersprüchliche und unzusammenhängende Denken von Menschen, die nicht täglich mit Ideen arbeiten. Den Leuten zu erklären, dass sie inkonsequent sind veranlasst sie selten dazu ihre fehlerhafte Argumentation zuzugeben und zu überdenken. Oft wird diese Erklärung und Aufklärung als Beleidigung ihrer Intelligenz empfunden. Folglich müssen ihre Intelligenz und ihre Selbstachtung auf Kosten der Konsistenz oder Plausibilität geschützt werden. Daher ist es im Rahmen von Deliberationen kaum produktiv, sich in Widersprüchen und Tatsachenverweigerungen zu wälzen. Es ist besser zu veranschaulichen, wie Kohärenz aussieht, und damit Zweifel zu säen, die später in einem anderen Zusammenhang wirksam werden könnten.

Workshop in Teltow. Juli 2017. Einige Teilnehmer mit Zeugnis.

Selbst wenn Menschen ihre Meinung ändern, werden sie dies nicht ohne weiteres zugeben. Daher ist es sehr schwierig herauszufinden, in welchem ​​Ausmaß Teilnehmende der deliberativen Workshops zu anderen Positionen gekommen sind. Wir versuchen nicht, dies zu beantworten, indem wir zum Beispiel die Teilnehmer*Innen am Ende unserer Besprechungen offen fragen, wie sehr sie sich verändert haben. Sie wissen es häufig nicht, sie wollen es nicht erzählen, und Veränderungen können viel später, still im Hintergrund auftreten. Trotzdem bitten wir unsere Teilnehmer, ein Feedback-Formular mit geschlossenen und offenen Fragen auszufüllen, bei denen wir indirekt nachfragen, wie sie die Workshops erlebt haben. Über die Ergebnisse berichten wir in einem separaten Aufsatz.

Was können Sie von insgesamt 15 Stunden Deliberation erwarten? Vor allem wollen wir zeigen und erleben, dass es möglich, nützlich, aufschlussreich und sogar unterhaltsam ist, mit anderen Bürger*Innen grundlegende Werte, Ideen und Perspektiven zu diskutieren, über die in unseren Gesellschaften zu oft nicht gesprochen wird. Es ist eine allgemeine Erfahrung in den Bereichen Bürgerschaft, Deliberation, Reflexion, sowie in sozialer und politischer Beteiligung, die hoffentlich den Boden für viele weitere deliberative Austausche bereiten wird.

Ziel unserer deliberativen Workshops ist es daher nicht nur grundlegende Ideen und Werte zu vermitteln, die für eine Integration in die europäische Kultur von zentraler Bedeutung sind, sondern ein gesellschaftliches Umfeld zu schaffen, in dem Menschen frei und konstruktiv über diese Ideen und Werte diskutieren können. Wir bieten eine Erfahrung und Bildung in der Kommunikation von oft sehr sensiblen Themen: Themen, die zu Missverständnissen, Reibereien, Konflikten und Radikalisierungen führen können. Die Workshops zielen darauf ab, Menschen – Migrant*Innen wie Einheimischen – , zu helfen, respektvoll Ideen, Werte, Orientierungen und Gewohnheiten, die oft implizit bleiben und sich zu unproduktiven, zerstörerischen Konflikten entwickeln, respektvoll auszudrücken und zu diskutieren. Wir versuchen, Reibungen aufzulösen und verständlich zu machen, bevor sie zu unbeherrschbaren Kämpfen werden.

Wir können nicht sicher sein, dass alle Teilnehmenden alles verstanden haben, was während unserer Deliberation thematisiert wurde. Aber auch wenn nicht alles vollständig verstanden wurde, ist die Erfahrung essenziell, dass es möglich ist über solche Themen zu sprechen. Dafür sind die Diskussionen über Homosexualität ein extremes Beispiel: In vielen Kulturen spricht niemand über das Thema, welches ein Tabu darstellt.[viii] Einige Teilnehmer*Innen haben vielleicht zum ersten Mal öffentlich darüber gesprochen. Zwar haben wir ihre Meinung vielleicht nicht ganz verändert, doch haben wir bewiesen, dass man eine konsistente und kohärente Diskussion darüber führen kann. Der Rest folgt hoffentlich später.

Vielleicht entgegen der eigenen Intuition, haben wir festgestellt, dass die Teilnehmenden ohne Migrationshintergrund im Gegensatz zu ihren Kollegen mit Migrationshintergrund in unseren Workshops nicht immer ausgefeiltere und durchdachtere Antworten auf viele unserer Fragen hatten. Oft waren sie auch selbst davon erstaunt. Eine wichtige Motivation unserer Freiwilligen ohne Migrationshintergrund zur Teilnahme an den Workshops war gerade, dass sie regelmäßig in ihren Begegnungen mit Geflüchteten erfahren haben, dass ihnen Antworten und Argumente fehlten, wenn Geflüchtete sie nach Demokratie, Freiheit, Toleranz, (Geschlechter-) Gleichheit, und Homosexualität fragten. Dies ist für viele andere Bürger*Innen nicht anders.

Was wir letztendlich erreichen und anstreben können ist, einige Zweifel zu säen, einige Risse zu schaffen und Fenster zum Nachdenken zu öffnen. Indem wir auf Demokratie, ethischen und politischen Pluralismus, Freiheit, Toleranz oder Identität eingehen zeigen wir, dass es nicht viel gibt, worüber wir wirklich sicher und daher dogmatisch sein können. Werte kollidieren und müssen verhandelt werden. Werte haben unter verschiedenen Umständen unterschiedliche Gewichtung und Präsenz. Folglich ist das Abwägen und Verhandeln von Werten ein kontinuierliches Bestreben. Wir wollen und brauchen Freiheit, weil es keine ewigen, universellen Wahrheiten darüber gibt, wie wir unser Leben leben sollen. Grundsätzlich wollen und brauchen wir Demokratie aus dem gleichen Grund: Wir brauchen ein Verfahren Kompromisse und Vereinbarungen zu erreichen, weil Menschen unterschiedliche und regelmäßig widersprüchliche Ideen, Interessen und Werte haben und weil es keine alleswissenden Philosophenkönige oder sonstige Diktatoren gibt. Identitäten sind zu einem wesentlichen Teil Produkt zufälliger Zeiten und Orte: Sie sind flexibel und verändern sich stets. Autonomie bedeutet, dass man versteht, welche Faktoren die eigene Identität geformt haben.

Folglich ist vieles dynamisch, instabil und im Prozess der Veränderung. Das jedoch bedeutet nicht, dass alles erlaubt ist. Im Gegenteil! Es besteht die ständige Notwendigkeit, immer und immer wieder darüber zu reden und zu argumentieren, und das können wir auf konstruktive, ergiebige Weise tun.

Diese Bereitschaft zu reflektieren, zu überdenken und zu deliberieren, fanden wir unter den meisten der Teilnehmer*Innen unserer Workshops, egal welchen Hintergrund sie hatten. Sicherlich suchen insbesondere junge Menschen immer nach Antworten; haben Menschen die vor Kriegen und Extremismus geflohen sind viel zu überdenken, und suchen Menschen, die sich in neue und andere Kulturen einfügen, nach etwas, an dem sie festhalten können. Als Gesellschaft müssen wir in diese Menschen investieren und sie fördern, genauso wie wir unsere einheimischen Bürger unterstützen müssen, die vergessen haben, sich dieselben Fragen zu stellen, die wir den Geflüchteten stellen.

* Meinen herzlichen Dank an Sarah Coughlan, Nils Wadt, Jesse Kalata, Johannes Kuhnert, Paul Boersting und Florentin Münstermann für ihre Kommentare zu früheren Versionen dieses Artikels. Paul danke ich für die Übersetzung. Vielen Dank auch an die vielen Teilnehmenden unserer Workshops, die ihre Gedanken mit uns geteilt haben. Selbstverständlich ist nur der Autor für den Inhalt dieses Artikels verantwortlich.

 

Fußnoten

[i] Eine Beschreibung des Projektes finden Sie hier: http://socialscienceworks.org/de/kurzfassung-maennlichen-fluechtlingen-die-ankunft-in-deutschland-erleichtern/

[ii] Über die, oft anspruchsvollen, Rekrutierung der Teilnehmer werden wir einen separaten Artikel veröffentlichen.

[iii] Eine Beschreibung des Projektes finden Sie hier: http://socialscienceworks.org/de/kurzfassung-multiplikatorenschulungen-fuer-die-deliberative-wertevermittlung/

[iv] Übersichten finden Sie hier: Blokland, Hans. 2017. Deliberation against Populism: Reconnecting Radicalizing citizens in Germany and Elsewhere. http://bit.ly/2E330IQ; Blokland, Hans und Florentin Münstermann. 2018. Deliberation gegen Populismus: Ein Modellprojekt.

[v] Vgl. Blokland, Hans. 2016. How to debate values in a diverse Europe. http://bit.ly/2E5r21F.

[vi] Als Beispiel finden können Sie sich ein Video der britischen Zeitung “The Guardian” über ein Integrationsprojekt in Norwegen ansehen. Jede oder Jeder Migrant*In muss an Kursen zu Frauenrechten und Respekt gegenüber Frauen teilnehmen. Die Kurse wurden nach einer Reihe an sexuellen Übergriffen in Stavanger verpflichtend gemacht. Jenny Kleeman trifft die Student*Innen und fragt, ob „westliche Werte“ im Klassenzimmer unterrichtet werden können: http://ow.ly/iuLF306AlYP

[vii] Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie hier: Blokland, Hans. 2017. “Taking people seriously: a new approach for countering populism and furthering integration.” http://bit.ly/2nDJKHN

[viii] In der Umfrage, die wir Teilnehmende am Anfang des Workshops bitten auszufüllen, erfragen wir die Reaktion zur folgenden These: “Homosexualität ist eine Krankheit und kann behandelt werden“. Auf einer Skala von eins (Ich stimme überhaupt nicht zu) bis fünf (Ich stimme vollkommen zu) erzielten geflüchtete Teilnehmende einen Durchschnitt von drei und Deutsche von eins. Auf die offene Frage in der Umfrage, ob es irgendwelche Themen gegeben hätte, über welche die Teilnehmenden sich nicht wohl gefühlt haben zu reden, nannten 20% der Teilnehmenden das Thema „Homosexualität“. Wir werden in einem seperaten Beitrag darüber näher berichten.

 

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Branding of cities: to whom is the city advertized and what fundamental idea lies behind it?


By Oktay Tuncer

“Good advertising does not just circulate information. It penetrates the public mind with desires and belief”, is one of the famous quotations of 20th century-advertisement and branding Guru, Leo Burnett. As a resident of the German capital one cannot help but being struck by the overuse of the city image by Berlin-based companies. In their ads – this applies to newspapers as well as to beer brands – pleasant feelings go along with values such as freedom, pluralism and whimsicality, and are depicted as unique for the city. In subway billboards or in cinema commercials before the film starts the unorthodox and avantgardist lifestyles of a diverse cast are shown to the viewer.

More than just a marketing campaign for private companies this kind of branding by the city-image has become mainstream urban policy conquering Western cities. In 2009, a promotion campaign under the name be Berlin was initiated by the city government of Berlin. On the homepage the objective is described as follows: “to strengthen the positive image of Berlin and to publicize the city nationally and internationally as domicile, location of economic activity and destination for the many tourists.” This statement is telling about the priorities of city officials.

On one hand, many people are convinced that such an approach of branding the city and the policies it spawns are cost-preventing and do not have any negative effects. On the other hand, in the long run these policies do effect how urban policy is perceived and effect the decision-making on how the city should be engineered. This ambiguity is an interesting case for it exemplifies how a policy approach becomes broadly accepted and also how a debate is cut short by not making the underlying ideology explicit. Without seeing the ideological foundation of a policy measure one cannot understand its long-term implications on society or, in our case, on the city and the urban debate. More concretely, we assert that the social questions which draw through the city are pushed aside and a blind eye is turned on issues such as inequality and segregation.

 

An approach to shape the city

In the be berlin-campaign´s promotional video a couple of locals appear and tell their stories about how they help shaping the city. We see an immigrant kiosk shopkeeper, a high-school student who has recently won a science sponsorship award and the head of a big high-tech company who tells the viewer about her company´s success. These components strongly hint at an urban policy approach which is based on a theory known as the Creative Class Theory. The theory was developed by US urbanist Richard Florida at the turn of the millennium and instantly took off among urban policy elites in the Western World. To summarize Florida´s initial observation, creatives are highly concentrated in some metropolitan areas and these same places are locations of technological and social innovation and success. The conclusion he draws from this is the following: “creativity is the principal driving force in the growth and the development of cities, regions and nations today” (Florida 2005). Another argument for this is the growing number of people employed in the creative sector, he observes. In the end, these reflections lead him to the suggestion that cities should try to attract creatives if they want to experience economic growth and do not want to be left behind in today´s world. He then offers a toolkit for urbanists how to achieve this, naming talent, tolerance and technology as three key factors – which are advertised under the catchy title “the three Ts”. The be Berlin promotional video demonstrates how politics and government officials have embraced these ideas. The immigrant shopkeeper represents the city´s tolerance and pluralism, the awarded high-school girl stands for talent and dynamic youth and lastly, technology is an important industry in Berlin, we learn from the high-tech company executive.

A 2007 article from mainstream German weekly news magazine der Spiegel further substantiates to what extent the assumptions of the theory are accepted. It reads: “Social tolerance, technological development and a bank of talent are proven factors in determining the economic success of a region. A new study ranks Berlin at the top, suggesting the economically weak city may soon be poised for a boom driven by the creative class.”

Berlin is far from being the first city to go this path, many US cities were forerunners. By now, the approach is widespread and we see many examples all over the world. In the rethinking of Singapore´s urban space and implementation of gay-friendly policies or the construction of Arts and Entertainment districts in Baltimore Florida was involved directly. Other famous examples are Memphis and Toronto for urban locations which were attempted to be turned into creative cities as means of economic development strategies.

Many of the Creative Class theory (from here on: `cct’) proponents remark that, in an era of “fast policy”, these interventions offer solutions to economic problems that are relatively easy to implement, seemingly any city can adopt and – the cherry on the cake – they come with a beneficial byproduct: declaring the city as a creative location. There is not much to argue against new museums or cultural centers or even “support for small-scale projects that encourage art and culture to blossom within walkable, mixed use neighborhoods” (Moss 2017). Herein lies the strategic importance. There is no categorical rejection from any population group or partisan group with regards to these projects.

  

The subtle long-term and structural consequences of the approach

Since the proposed measures do not deal directly with inequality and segregation, scholars have decried them as “cappucino urban politics with plenty of froth” (Peck 2005) or dismissed them as “neo-neoliberal extensions to market-ideology” and put them in the tradition of gentrification literature (Paddison 2014). There is no denying that the measures can be emancipatory to some extent. Yet, this is rarely the case for people who do not stem from the Creative Class themselves. The way in which Little Britain´s `white trash’ population was “socially engineered out of existence” is an example for this. In the end, the city government demolished their public housings and built mixed communities in their place (Paddison 2014). A similar process took place in Pittsburgh. Geographer Patrick Vitale from East Connecticut State University assesses the implementation of development programs in Pittsburgh: “Contrary to the media hype, Pittsburgh’s tech-driven story is all too common: the city was remade for businesses and wealthy homeowners. And poor and working-class residents have been left behind.” It is the creative elite which is supported by these development policies. Doctors, bankers, and engineers find prosperity within the city whereas “residents suffer from the same (or worse) poverty, racial injustice, and environmental degradation.”

Initially, a trickle-down economy was part of the cct and assumed to set in as soon as the creatives took hold of the cities. By accommodating the needs and desires of the creatives trickle-down benefits should arise for the low-income workers and the impact would effect all sectors of urban economy generating a widespread urban revival. This did not occur. In reality, we see that a large number of “underlabourer” and low-skill jobs are created but the necessary reflection on the serious downsides of this is missing (Peck 2005). Higher housing costs make sure that the blue-collar and lower-skilled workers do not profit from their wage increases but, contrary, get pushed more and more to the outskirts of the cities. Investment in `cool’ districts, as Florida himself reflects self-critically, has done little for the urban middle class and the working class: “On close inspection, talent clustering provides little in the way of trickle-down benefits to service and blue-collar workers”

In Berlin, the resounding social problems persist: poverty becomes concentrated in some districts which, according to a city official, leads to destabilizing dynamics in these. The urban social planning programs cannot counter the number of challenges they are faced with. Karl Brenke from the German Institute for Economic Research (DIW) sees gentrification as the reason for this development.

The economic assumptions do not hold empirically. Florida acknowledges in his new book released in the wake of last year that he has been “overly optimistic” with his ideas. The downsides of these policy prescriptions are crucial, such as the creation of a greater number of low paid working class and service sector jobs designed to support the occupational and personal needs of newly arrived high-skilled creatives. Furthermore, the tendency of the measures to be responsible for rising rents and the intricacies this brings along for the poorer population cannot be overlooked.

Striking examples for the failure of the creative city approach include local artists from regions subject to the policies complaining about displacement and exclusion (Moss 2017), the Rustbelt cities which now confirm that they are still left behind (and once were enthusiastic about their rise through creative city policies), and the much expected trickle-down effect which did not occur in cities like New York, London and San Francisco. The social crisis of the 21st century urban space persists and has become worse in some parts.

It is worthwhile, in this case, to examine the academic assumptions in order to understand how the theory spreads and to put them to the test. The case is telling about how politics and science are intertwined and makes a statement about the role of ideology. As the geographers Chris Gibson and Natascha Klocker note attentively: “For all rapid international diffusion of Florida´s prescriptions, little critical attention has been paid to structures and networks that support, sustain and profit from their circulation” (Gibson/Klocker 2004).

 

A look at the theory´s underlying assumptions

The conception of class contains theoretical fuzziness and establishes a form of political favouritism. The arbitrary attribution of creativity generates a class category in which high-tech developers, artists and real estate professionals are put together. Class consciousness does not exist – except when one assumes that the finance professional and the poet have comparable objectives (Markusen 2006). Assuming that these occupations all have creative capacity and others do not, is also problematic. Why is an airplane pilot not part of the creative class whereas bankers and engineers are?

Distinctive occupations are merged into one category with educational attainment being the only linking factor (Markusen 2006).  The positive effect of the creatives on urban growth perishes when controlled for the average educational attainment in the city (Glaeser 2005). Ultimately, the construction of the creative class as a societal driving force serves mostly to rename a staff of elites – be it cultural or economic – and to provide them with theoretical and economic significance, and thus with political power.

Another debatable issue is the question of how we measure and read the relationship between creatives and economic growth. The assumed socioeconomic process is validated by the ‘right’ choice of indices. The positive link between urban economic growth and the existence of a creative class seems solid if we look at inner city property development, urban labor markets for high-tech employees or the number of start-ups. Also increased housing prices are proposed by Florida as indicators of economic growth. He calls them the “real demand for place” and indicator for “attractiveness” of various places. We have here a set of indicators of “how the market views the attractiveness of various places” (Markusen 2006) which, however, makes the whole approach somewhat tautological. One could also look at outcomes like unemployment rate or real wage of workers to see if economic development in terms of living conditions ameliorates. But examining outcomes which hint at nothing else than gentrification only proves that more well-educated and wealthy people (creative class) have moved to the place and hence, nothing is proven. On top of that, other critics have argued that the direction of the assumed mechanism could be exactly the other way around (Markusen 2006). There is no convincing argument that the economic success of cities is not prior to the presence of creative people.

Finally, the social theory carrying the cct is telling. There are two societal frameworks which make up a fitting setting for the cct: post-scarcity and the experience society. Essentially, the post-scarcity assumption is that we are living in a society where there is no shortage of the most important goods (Peck 2005). Industrial capitalism has brought us so far that we do not have to fear scarcity anymore. Coherently, having experiences becomes the center of our daily life (Schulze 2000). They are the means by which we distinguish ourselves, express our personality and define our identity. Obviously, no society is either 100 percent free from scarcity nor completely centred around experiences. However, these premises build up the world in which the creative class policies make sense. If there still was scarcity the neglect of social policies would not be tolerable. A shift from economic growth issues to lifestyle issues make cultural policies more important (Florida 2012). Without the assumed relevance of “experiences” many cultural policies, and notably the eventification and branding of city space, would be out of place.

 

Berlin

The creative class bias is as rooted as ever in Berlin. Throughout the 2000s a huge part of the city treasure was saved for creative city projects and policies (Juhnke 2016). The result was that many young artists were attracted, up to the point where their activities made 20 per cent of the city´s GDP.  Between 2009 and 2012 the sector grew by almost a third (Juhnke 2016).

On a more concrete level, the displacement of artisan shops and retailers is significant. A recently published article in a city magazine illustrates how such local shops struggle more and more to keep their spots in the trendy Kreuzberg district in view of horrendous rent risings and shortenings of contract durations. They have founded an alliance to organize protest and to get in touch with government officials but an effective measure against the unaffordable rise of rents is not at hand. The question emerges for whom the city is shaped.

Even if cultural policies are a priori not a bad thing, it cannot be neglected that a push is taking place to engineer the city for the gusto of already privileged people. The discourse of creativity simply sidesteps many of the concerns of 21st century´s distributional questions. One reviewer states that the function of the theory is to put an “egalitarian gloss on contemporary conflicts” between the upper 1 per cent of the population and the working class (Moss 2017).

Today, the pro-gentrification, neoliberal policies can be sold as efforts to promote creativity (Moss 2017). These policies “work […] through interurban competition, gentrification, middle class consumption and placemarketing” (Paddison 2014). Their assumed academic assumptions provides them with a sort of justification and power. It is these assumptions however, which are shaky, at best.

 

References

Florida, Richard (2005): Cities and the creative class. Routledge, London, New York.

Florida, Richard (2012): The Rise of The Creative Class. Basic Books, New York

Gibson, Chris & Natascha Klocker (2004): Academic publishing as a `creative’ industry: some critical reflections. Area, vol. 36(4), 423-34

Glaeser, Edward L. (2005): Review of Richard Florida’s “The Rise of the Creative Class”. Regional Science and Urban Economics, vol. 35(5), 593-596

Juhnke, Sebastian (2016): Locating the Creative Class: Diversity and Urban Change in London and Berlin. Thesis submitted to The University of Manchester, School of Social Sciences

Kratke, Stefan (2011): The Creative Capital of Cities: Interactive Knowledge Creation and the Urbanization Economies of Innovation. Wiley-Blackwell, Malden

Levine, Marc (2004): La « classe créative » et la prospérité urbaine : mythes et réalités. Conference presented in Montréal, 20 May 2004, part of the series « Villes Régions Monde », at the Centre-Urbanisation, Culture et Société.

Markusen, Ann (2006): Urban development and the politics of a creative class: evidence from a study of artists. Environment and Planning A, vol.38, 1921-1940

Moss, Geoffrey (2017): Artistic enclaves in the post-industrial city : A Case Study of Lawrenceville Pittsburgh. Springer Berlin Heidelberg, New York

Paddison, Ronan (2014) : Cities & social change : Encounters with contemporary urbanism. Sage, Los Angeles

Peck, Jamie (2005): Struggling with the Creative Class. International Journal of Urban and Regional Research, vol. 29(4), 740-770

Schulze, Gerhard (2000): Die Erlebnis-Gesellschaft : Kultursoziologie der Gegenwart. Campus-Verlag, Frankfurt


Constructief praten met meer en minder gevestigde burgers over wereldbeschouwingen


Sinds 2016 organiseert Social Science Works (SSW) in Duitsland reeksen van deliberative workshops met vluchtelingen, met rechts-radicale populisten, en met vrijwilligers en beroepskrachten die werkzaam zijn in het vluchtelingen en het maatschappelijk werk. SSW is een in Potsdam gevestigde NGO. Onze algemene doelstellingen zijn het ontwikkelen van nieuwe manieren van zinvolle burgerparticipatie en van nieuwe strategieën ter versterking van burgerlijke competenties. We proberen integratie en democratische participatie te bevorderen, en populisme en radicalisering tegen te gaan.[i]

In de workshops hebben we thema’s besproken die velen tot de kern van de westerse culturele identiteit rekenen, een identiteit die velen tegelijkertijd bedreigd zien door, enerzijds, de migranten en de vluchtelingen die de laatste jaren naar Europa zijn gekomen, en, anderzijds, autochtonen die mede hierdoor politiek radicaliseren. Het gaat om samenhangende, fundamentele thema’s als ethisch en politiek pluralisme, democratie, burgerschap, vrijheid (van meningsuiting, vereniging en religie), persoonlijke autonomie, tolerantie, mensenrechten, identiteit, racisme, masculiniteit, seksegelijkheid en homoseksualiteit (zie: http://socialscienceworks.org/projects/).

Deliberatie

Een bijzonderheid van onze projecten is de deliberatieve methode: we geven geen college vanaf de kansel, maar proberen gezamenlijk met de deelnemers en vooral door vragen te stellen een begrip op te bouwen van de genoemde thema’s: Wat zijn de onderstellingen over het Goede leven en de Goede samenleving waarop deze waarden en ideeën zijn gebaseerd? Hoe hangen deze waarden en ideeën samen en hoe ondersteunen zij elkaar? Welke inzichten bestaan er in de sociale en politieke wetenschappen en filosofie die deze ideeën onderbouwen? Wij beginnen onze gesprekken op een abstract niveau, proberen eerst daar overeenstemming te bereiken en vertalen onze gezamenlijke inzichten eerst later naar concrete onderwerpen. Wij gaan er daarbij vanuit dat bijkans iedere cultuur ons iets waardevols te leren heeft over leven en samenleven en dat onze westerse cultuur tal van tekortkomingen heeft. Tegelijkertijd zijn wij geen cultuur- en waarderelativisten: wij denken dat er rationeel over waarden en cultuur geargumenteerd kan worden en dat er een minimale horizon van universeel gedeelde waarden bestaat. Over onze methoden en uitgangspunten zie: http://ow.ly/tZY530eH7xM).

De deelnemers aan onze, tot nu toe, 14 reeksen van Workshops voor vluchtelingen kwamen tot dusver uit Afghanistan, Iran, Irak, Syrië, Tsjetsjenië, Pakistan, Nigeria, Kameroen, Ghana, Kenia, Eritrea, en Somalië. Allen waren ongeveer een tot twee jaar geleden in Duitsland gearriveerd. De groepen telden gemiddeld twaalf mensen. In totaal troffen we elke groep ongeveer 15 uur, verdeeld over verschillende middagen, avonden, en weekeinden. We spraken Duits, Engels, Frans en, met behulp van tolken, Arabisch en Farsi. We probeerden gemengde groepen samen te stellen, waarvoor ook Duitsers (vooral jongeren onder de 21) uitgenodigd werden. Duitsers, maar ook vrouwelijke vluchtelingen bleken echter relatief moeilijk te bereiken.

Daarnaast hebben we tien rijen van workshops doorgevoerd met Duitse burgers die als vrijwilliger de integratie van nieuwkomers trachten vooruit te helpen. In deze workshops hebben we, over een vergelijkbare tijdsspanne, dezelfde thema’s besproken, alsmede hoe men deze thema’s met nieuwaangekomenen bespreken kan. De motivatie achter deze workshops is dat vele Duitse vrijwilligers en beroepskrachten in hun communicaties met vluchtelingen gemerkt hebben eenvoudigweg de argumenten te missen om de genoemde thema’s zinvol te bespreken.

Tot slot, hebben we in 2017 een deliberatief project in Brandenburg doorgevoerd gericht op burgers die zich, soms zeer extreem, vijandig op internet (vooral op Facebook) over vluchtelingen en migranten, democratie, de media en de sociale en politieke status quo uitgedrukt hadden. Een belangrijk doel van het project was nieuwe manieren te ontwikkelen om weer in contact te komen met burgers die elk vertrouwen in het sociale, politieke en mediale systeem verloren lijken te hebben. Daarnaast onderzochten we hoe sterk de echokamers van sociale media waren, en of het mogelijk was deze echokamers met alternatieve feiten te penetreren. Daartoe hebben we 1300 burgers via Facebook Messenger en, zo ver achterhaalbaar, via email aangeschreven en hen uitgenodigd voor bijeenkomsten in Cottbus en Frankfurt/Oder met ongeveer tien gelijkgestemden. In de bijeenkomsten (van gemiddeld 5 uur) hebben we geprobeerd de betrokkenen ruimte te geven hun frustraties en woede te uiten, en hebben we gezamenlijk geprobeerd de diepere oorzaken hiervan te onderzoeken. Voor een overzicht: http://socialscienceworks.org/2017/10/deliberation-against-populism-reconnecting-radicalizing-citizens-in-east-germany-elsewhere/.

Alle projecten hebben tevens een onderzoekscomponent. Met uitgebreide surveys, interviews en participatieve observaties proberen we (de overeenkomsten en de verschillen tussen) de waardenstelsels van onze deelnemers te onderzoeken. Daarenboven onderzoeken we de werkingen van deliberatieve bijeenkomsten: hoe ervaren de betrokkenen deze bijeenkomsten zelf, staan zij open voor herhalingen, welke invloeden oefenen de bijeenkomsten uit op ideeën en visies van deelnemers?

De projecten zijn tot dusver mogelijk gemaakt door het Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, de Integrationsbeauftragte des Landes Brandenburg, de Landeszentrale für Politische Bildung, het Ministerium für Bildung, Jugend und Sport des Landes Brandenburg en het Land Brandenburg. We zijn tot nu toe actief in Brandenburg, Berlin, Sachsen, Schleswik-Holstein en Nordrhein-Westfalen. De projecten worden hoogstwaarschijnlijk belangrijk uitgebreid. Het is onze ambitie om ook in andere Europese landen deliberatieve projecten door te voeren. Belangrijk is voor ons in het tegenwoordige rechts-populistische, anti-Europese en anti-vluchtelingen klimaat te demonstreren, dat er alternatieve, hoopvolle wegen zijn om met elkaar in gesprek te komen en te blijven.

Het onvermogen van Europese burgers de eigen samenleving te rechtvaardigen

Over onze ervaringen valt veel te schrijven (zie verder www.socialscienceworks.org). Hier volsta ik met enkele waarnemingen: de migranten waren geregeld aanmerkelijk beter in staat om ideeën als democratie, tolerantie en mensenrechten te doorgronden en te rechtvaardigen, dan de Duitse burgers die geacht worden hen deze ideeën bij te brengen. Het begrip van de normatieve fundamenten van een open, pluralistische democratie is vaak minimaal en ontoereikend om mensen die neigen naar monistische, extremistische wereldbeschouwingen tegenwicht te bieden. Na jaren van politieke desinteresse en waarderelativisme lijkt het dringend gewenst dat burgers van westerse democratieën deze fundamenten opnieuw overdenken. In deze zin vormt de komst van grote aantallen migranten een welkome uitdaging en mogelijkheid voor Europeanen om opnieuw hun culturele identiteit te overwegen en te definiëren.

Daarenboven hebben de projecten onze overtuiging gesterkt dat het mogelijk is met mensen met zeer diverse culturele achtergronden rationeel over fundamentele democratische thema’s van gedachten te wisselen en gezamenlijk een werkbare overeenstemming te bereiken. Voorwaarde is dat men de betrokkenen met respect benadert en serieus neemt als burgers, die in staat zijn zelfstandig over deze thema’s na te denken.

Het laatste geldt ook voor de, vooralsnog te kleine aantallen, “populisten” waarmee wij uiteindelijk in gesprek gekomen zijn. Serieus luisteren naar hun grieven opent wegen om deze meer coherent, consistent, effectief en constructief te begrijpen en te formuleren, dan de analysen en de formuleringen die de betrokkenen op dit moment in hun echokamers worden aangereikt.

Na ongeveer 1300 persoonlijke facebookpagina’s van radicaliserende medeburgers te hebben bezocht, kunnen we tot slot slechts bevestigen dat deze echokamers een enorm probleem voor de democratie vormen. Vele burgers vertoeven, doorgaans onbewust, in kleine kringen van gelijkgestemden waar alternatieve inzichten en feiten nauwelijks binnendringen. Communicaties met deze burgers via internet blijken ook nauwelijks zin te hebben. Sociale media kunnen directe, persoonlijke uitwisselingen daarom niet vervangen, zij schaden deze zelfs. Het blijft derhalve een primaire opdracht van de democratie nieuwe participatievormen te ontwikkelen die deze uitwisselingen van inzichten, waarden en visies mogelijk maken.

 

 

[i] Over de deliberative projecten van Social Science Works werd verslag gedaan op het Congres „Het Delen van Waarden“ dat het Duitsland Instituut van de Universiteit van Amsterdam, de Refugee Academy en de Stichting Synthesis op 24 November 2017 organiseerden (zie: https://duitslandinstituut.nl/agenda/5848/het-delen-van-waarden-praten-met-vluchtelingen-in-duitsland-en-nederland). De auteur dankt deze organisaties voor deze geboden mogelijkheid en de commentaren van Paul Dekker, Ofran Badakhsani, Halleh Ghorashi en Paul Schnabel.


How Postmodernism Advanced Populism: An Inside Story From The Netherlands


 

There are many factors that explain the upheaval of populism. Postmodernism is one of them. In the Netherlands, certainly the columnist represented and helped to shape the postmodernist mood, a mood characterized by skepticism, subjectivism or relativism and a general suspicion of reason and logic.[i] In doing so, he prepared the ground for right wing populists like Pim Fortuyn and Geert Wilders. Likewise, he fueled populist attacks on “quality”, be it represented by the liberal arts, science, politics, or journalism. An inside story about the arts from the Netherlands, not in the form of a column, but in that of blog.

 

The Column

There probably is no culture in which the columnist plays such a central role as they do in Dutch culture. This opinions salesman flawlessly represents the postmodern phase of the Dutch cultural tradition, a tradition defined by merchants and preachers. The columnist publishes, usually on a weekly basis, a piece of approximately 550 words in which he, in an ironic, indignant or enraged way, proclaims an opinion. The small number of words available to him, offers the welcome excuse for the lack of substantiation and depth. It is the opinion that counts, an opinion that stands for freedom, democracy, emancipation, empowerment, independence, (post-, so real) modernity.

One can, however, never be quite sure whether these opinions are sincerely meant. The reader knows that the columnist predominantly makes a living via the manufacture of opinions, inside and outside his column. And the columnist knows that the reader knows this. Therefore, one should not take everything all too seriously.

In connection, it is rarely the case that the columnist possesses a specific competence, knowledge or experience that would justify offering him a national platform from which he can proclaim his thoughts. More and more often he is a columnist because he is a columnist. In this respect he is comparable to Paris Hilton or Kim Kardashian: he attracts attention because, for unclear reasons, he managed to do so in the past. This all does not mean that columnists are powerless. On the contrary, together they shape the political culture, especially the beliefs people have about appropriate and useful political communications.

The columnist, finally, we no longer only hail in the newspaper columns. He can be found wherever there are microphones, cameras and audiences. Not just in newspapers, the opinions of columnists often have pushed the actual news articles to the margin.[ii] He has also taken over most talk or information shows on radio and television. His attitude of mind has spread as an oil slick over Dutch society.

 

 

Geert Wilders

Geert Wilders is the columnist of Dutch politicians. He has all kinds of opinions and refuses to substantiate them. His party program stretches a mere 269 words; the length of a mini-column.[iii] Just as the columnist shies away from the essay and the book, Wilders bypasses parliament. Form is more important to him than content. Content cannot be rationally justified anyway, which explains why his political standpoints form an disjointed, inconsistent brew of sentiments. The deeply outraged opinions he espouses are meant to draw attention, they are used in the battle for seats and power. They do not compose a coherent and consistent whole on the basis of which the present social constellation could be interpreted and understood, and the country could be governed. Just as in the case of the columnist, everything that Wilders proclaims amount to very little. Both Wilders and the columnist have never borne any responsibility and both know the world mainly through hearsay. Their statements have never needed to be translated into policy.

Just like the columnist, the populist proclaims his opinions in brutal, oversimplified and noisy language. And just as in the case of the columnist, the listener cannot be really sure if they are sincere. Also the voter and the populist politician know this from each other. For example, it is difficult to imagine that many fully believe in Wilders’ proposed ‘kopvoddentax‘ (literally, head rag tax), the tax that Wilders proposed on wearing headscarves. Or in the “millions, tens of millions of Muslims” that according to Wilders should be deported from Europe. But it is good that, so the thinking goes, for once, it has been said out loud! It is the standpoint that counts, a standpoint which, exactly, stands for freedom, democracy, empowerment, independence, emancipation, and (Western) modernity.

The columnist is the expression and catalyst of a postmodern culture in which the populist politician thrives. They are not really fond of each other, Wilders and the columnists, columnists who are consistently qualified by Wilders as “the left church”. And yet they belong together, they need each other, they reinforce each other.

If Wilders ever leaves politics, he will become a columnist.

 

Subsidized arts

Wilders also does not like subsidized art and culture. Art and culture, to Wilders’ mind constitute “a left-wing hobby“, a hobby of the faithful of the left church, a church of which the columnists, in Wilders’ experience, are the preachers.  “We are for a sparkling democracy, with plenty of referenda”, writes Wilders in the column that serves as his party program of 2011. “Not the political elite, but more often the people should be able to speak out; together, citizens know better than the left cabal.” Therefore, Point 7 of the current party program states:  “No money no more to foreign aid, wind mills, art, innovation, public radio and television, etcetera.”[iv]

Scribbles by Sean MacEntee

With regard to the subsidized arts, the Dutch citizens have already voted with their feet: most of them stay home. Just a very small, highly educated and well paid public still makes use of it, and Wilders knows it. Only the complacent paternalism of the left cabal can explain why this supply is still subsidized with the hard-earned tax money of “Henk and Ingrid”, the supposedly average Dutch taxpayers for which the Party for Freedom fights. As far as Wilders is concerned, the art subsidies can be completely abolished. If certain expressions of art were really valuable, then “the people in the country” would be willing to pay for it and they would thus survive on the market.

In 2011, when this issue was played out on the political agenda, the traditional political parties wanted to avoid a fundamental discussion on the topic – the danger was that by doing so they would be portrayed as elitist and paternalist; wiser to go with the flow. Consequently, in 2011 the ruling Christian-democrats (CDA) and Market Liberals (VVD) agreed to cut the budget of the arts by about 20%. Furthermore, the VAT on “cultural” activities (tickets for theatres, museums, etc.) went up from 6 to 19% –  the same tax one pays for eating out or attending a soccer game.

Columnists wrote many angry commentaries, accusing government of shallowness and tastelessness. Gratefully, Wilders welcomed these condescending attacks: so you want to say that all the hardworking people in the Netherlands that I fight for, are shallow?

 

The legitimization of cultural policy

Almost three decades ago I was invited to work for the Dutch Ministry of Culture. I was completing a dissertation (Freedom and Culture in Western Society, Routledge, 1997) in which the legitimation of cultural politics played an important role. The department I worked for was responsible for long-term policy development. The first question the director asked me, was: “What do you think, how long will we  be able to keep the walls standing?”

In the course of the eighties, inside the Ministry of Culture, there was growing awareness that the existing cultural policies were more and more difficult to legitimate. Research had shown that the group that was taking advantage of the subsidized arts reflected the average Dutch citizen less and less. The public in attendance at theaters, art museums and concert halls increasingly belonged to the best paid and educated strata of the population. The culture that was offered in these temples had also slowly become more and more complicated, academic, modernistic, or avantgardistic. Axiomatically, this supply obstructed the cultural participation of relatively broad segments of the population.

One of the causes of this development was the way decisions were taken on art subsidies: more and more these decisions had been farmed out to councils where art experts jointly decided what deserved the support of the state, and more and more these connoisseurs had been applying rather narrow standards of “quality”: artistic products predominantly had to be “innovative”, “unprecedented” or “original” (compare, by the way, what has happened in much of the social sciences); craftsmanship or being part of a tradition was considered to be less and less important.

Going to the Dogs is a 1986 play by Dutch writer, artist, and television director Wim T. Schippers. It premiered on 19 September to a sell-out audience in the Stadsschouwburg in Amsterdam, with six German Shepherds, allegedly trained as actors by the Amsterdam police, as the performers. (Wikipedia)

A related problem was the changing self-image of the artist. Artists came to depicted themselves less and less as representatives of a cultural tradition expressing esthetically its intrinsic values and certainties, or as members of a cultural community critically but engaged reflecting on its indorsed truths and untruths. Instead, artists more and more saw themselves as outsiders, or, maybe better: as superiors. Fewer and fewer artists went in conversations with the broader society, whose members were invariably considered smallminded, petty and shallow. More and more they communicated with and reacted to each other. In this way a complacent “art-art” developed that became less interesting, relevant and understandable for society at large (compare again what has happened with the social sciences).  Society still had to pay for it, though.

 

Postmodernism

In two ways the gap between the arts and the general public could have been made smaller. In the first place, the policymakers could have tried to strengthen the cultural competences of the public via cultural education. The fact that so many people do not participate in cultural activities, is not the consequence of informed, intentional choices, but of unfamiliarity and unawareness. Cultural education could have strengthened the knowledge and experience needed, and would consequently have increased the freedom of the individual to make autonomous choices, choices not predetermined by, especially, social background.

Unfortunately, this policy option received severe resistance in the world of academics and columnists. Here, the idea had spread that the motivation behind cultural participation, certainly participation in what was considered “bourgeois” culture, was “distinction”: people went to art museums or concert halls to experience and to show their superiority over other classes of people. The existence of measures or standards of quality that were not entirely sociological and subjective, was denied. Especially the French cult sociologist Pierre Bourdieu[v], who later denied he had ever taken this position, made a name with this attack on the idea of quality. The upshot was that policies aimed at the dissemination of culture were denounced as elitist and paternalistic.[vi]

Obviously, the problem with this standpoint was that it made every cultural policy suspect. One can acknowledge that individuals and groups have always used the arts to assert their social and political superiority, and one serves the emancipation of their victims when one exposes this hypocrisy. But when one leaves it like that and only acts as the great debunker – the favorite pose of the columnist – then one stands with empty hands when a populist like Wilders comes along drawing the logical conclusion: shoot down this pompous emptiness!

A second policy option motivated the artist, via public debate and all kinds of social and economic incentives, to see himself somewhat more as a member of society, a member that fulfills in this society an indispensable function and therefore deserves to be supported. Artists can state that their art worlds constitute a social lab where new forms and thoughts are developed and tested, they can assert that they help us to reconcile with the irreconcilable, that they move us with unexpected beauty in a barbaric existence, that they express truths in powerful, evocative ways, truths that can only be inadequately expressed with non-esthetical means. This is all very true, but this also needs on a regular basis to be demonstrated in actual practice, and this not only for an international, but small inner circle, but for substantial minorities of the societies artists ask for support.

This road turned out to be impassable as well. Politics was trying to create an art of the state, the general response was, a politically sanctioned or approved art. However, in his creative work the artist should be totally free, autonomous and sovereign. This, indeed, stood for freedom, empowerment, emancipation, democracy, and modernity.

Arte Moderna by Claudio

One of the incentives that were considered to bridge somewhat the gap between the arts and the general public was the introduction of the obligation for the performing arts to earn 15% of their budget themselves. The art scene reacted furiously. In a nationwide newspaper advertisement, the interest group of the Dutch art institutions (“Kunsten’92”) declared: “Unacceptable impoverishment of culture” (June 13, 1992). The quality newspapers Het Parool (March 4, 1992), De Volkskrant (June 2, 1992) and NRC-Handelsblad (June 8, 1992) respectively titled: “culture robbery, insult, savage cuts”, “Cut in subsidy causes landslide”, and “disastrous measures”.

Twenty-five years ago Dutch politics was still dominated by moderate, civic centrist parties. Their representatives could still be intimidated with texts like the ones above. Usually, they went into reverse. These times are over, as the recent severe cuts in the cultural budget showed. Today, all Dutch men and women are columnists. Everybody is free, autonomous, independent, authentic and unique. Everybody has got an opinion of his own and not a single opinion has more weight than another opinion.

The general opinion today is; that cultural subsidies are theft.

How can we return this genie to it’s bottle?

 

Thanks to Nils Wadt and Sarah Coughlan for their comments on a first version of this article. Obviously, only the author stays responsible for its content.

 

Notes

[i] Postmodernism is a late 20th-century movement, Brian Duignan writes, “characterized by broad skepticism, subjectivism, or relativism; a general suspicion of reason; and an acute sensitivity to the role of ideology in asserting and maintaining political and economic power.” It forms a frontal attack on the assumptions of the Enlightenment: There is no reality independent of human beings, everything is a conceptual construct. Consequently, there is no truth about which people using different language games could agree. Reason and logic do not create progress, are not universally valid, and are just conceptual constructs of the western powers that be. Language does not refer to a reality outside itself but is semantically self-contained or self-referential. The effort to create theories describing and explaining reality leads to conformity and oppresses, marginalizes or silences other discourses. This all leads to metaphysical, epistemological or ethical relativism. In the words of Duignan: “Postmodernists deny that there are aspects of reality that are objective; that there are statements about reality that are objectively true or false; that it is possible to have knowledge of such statements (objective knowledge); that it is possible for human beings to know some things with certainty; and that there are objective, or absolute, moral values. Reality, knowledge, and value are constructed by discourses; hence they can vary with them. This means that the discourse of modern science, when considered apart from the evidential standards internal to it, has no greater purchase on the truth than do alternative perspectives, including (for example) astrology and witchcraft.” (https://www.britannica.com/topic/postmodernism-philosophy) Postmodernism as a philosophical movement lead by thinkers like Lyotard, Lévinas, Derrida, and Foucault had some coherency and consistency. The adherence to some of its core ideas was much more common. This general postmodernist mood was widespread among academics, journalists, students, artists, opinion leaders in places like Amsterdam.

[ii] For instance, De Volkskrant, one of the few quality newspapers in the Netherlands, currently counts more columnists (more than 150) than journalists.

[iii] https://www.pvv.nl/visie.html. The title of the Party Program of the PVV is “Nederland weer van ons!” (Netherlands should belong again to us!)

[iv] https://www.pvv.nl/visie.html. In Dutch: “Geen geld naar ontwikkelingshulp, windmolens, kunst, innovatie, omroep enz.”.

[v] Bourdieu, Pierre. 1979. Distinction: A Social Critique of the Judgement of Taste (La Distinction: Critique Sociale du Jugement), Boston: Harvard University Press, 1984.

[vi] In Freedom and Culture in Western Society (1997: 247-72) I give an overview of the extremely approving way the presumed ideas of Bourdieu were received by Dutch sociologists and opinion makers in the field of cultural politics. As said, in an interview Bourdieu later stated that he had been wholly misunderstood (1997: 258-9).


Wissensproduzenten in der Bringschuld: Wie erhöhe ich das Wirkungspotenzial wissenschaftlicher Texte?


Luftverschmutzung korreliert mit der Qualität unserer Reden und Texte, las ich kürzlich in einer Studie. Ein Luftverschmutzungswert über 15 Mikrogramm pro Kubikmeter verschlechtere unsere Schreibqualität erheblich. Ich wohne derzeit in Berlin. Würde ich also auf die Verbesserung der Luftqualität warten, um bessere Texte schreiben zu können, wäre ich wohl verloren. Zum Schreiben aufs Land fahren ist auch keine Option. Gefragt sind daher Stellschrauben, an denen gedreht werden kann. In Wissenschaftssprache ausgedrückt: Es geht um beinflussbare Variablen.1

 

Über die Bringschuld des Wissensproduzenten

Wissenschaftliche Texte glänzen nicht selten durch eine hochtrabende Art — zeilenlange Schachtelsätze, Jargon, technisches Vokabular und Substantive soweit das Auge reicht (siehe dazu auch den SSW Blogpost von Christian Kipp). Dies ist der vorherrschende Duktus in der wissenschaftlichen Fachsprache, besonders in der deutschsprachigen. Das Problem: Dieser Duktus steht im Widerspruch mit einem der Leitziele des Wissenssystems, welches da lautet, Erkenntnisse einer möglichst breiten Leserschaft zugänglich zu machen.

Dazu hilft es, sich zu vergegenwärtigen, dass Wissenstexte im Kern ein Kommunikationsmedium darstellen. Nach innen werden Forschungsbefunde geteilt. Nach außen dienen Texte als Kommunikationsvehikel vis-à-vis Gesellschaft und Politik. Im Idealfall nutzen Verwaltung und Politik diese Befunde als Entscheidungsgrundlage. Wissenstexte erfüllen daher eine wichtige Schnittstellenfunktion zu anderen Systemen (Politik, Wirtschaft etc.). Die Herausforderung liegt darin, Inhalte so zu kommunizieren, dass auch Nicht-Akademiker etwas damit anfangen können.

Das Wirkungspotential des Wissenschaftssystems steht und fällt daher mit der Qualität seiner Texte. Dies stellt besondere Anforderungen an Schreibstil und Präsentation. Klarheit, so schrieb Jules Renard einmal, ist die Höflichkeit eines jeden Autors. Wystan Hugh Auden hätte wohlmöglich hinzugefügt: „your easy reading is my hard writing“. Wissensproduzenten stehen damit gleich in einer doppelten Bringschuld: Einerseits wird von ihnen erwartet, dass sie klar schreiben, und anderseits, dass sie komplexe Inhalte verständlich kommunizieren. Unterm strich gilt: Je zugänglicher Wissenstexte verfasst sind, desto höher ist ihr Wirkungspotential.

 

Ansprechende wissenschaftliche Texte sind bildlich und klar geschrieben

Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse am Ende „Politik machen“ — also tatsächlich Wirkung erzielen — ist schwierig vorherzusagen. Dieses Potenzial hängt von exogenen Variablen ab, deren Diskussion nicht Teil dieses Artikels ist.

Damit sich das Wirkungspotenzial von Texten überhaupt erst entfalten kann, gilt es auf Textebene die richtigen Weichen zu stellen. Ganz wichtig: Der Sprachstil darf nicht hochtrabend wirken. Das klappt zumeist dann, wenn der Autor bildlich und klar kommuniziert. Wirkungsvolle Texte sind daher so geschrieben, dass man sich in sie „hineinfühlen“ kann, bei der Lektüre die eigene Vorstellungskraft aktiviert wird und, allem voran, keine Fragezeichen auf der Verständnisebene zurückbleiben.

Der kritische Leser mag an dieser Stelle einwenden, dass wissenschaftliche Texte zielgruppenorientiert geschrieben werden müssen. Das ist ohnehin gängige Praxis: Die meisten wissenschaftlichen Artikel sind hochgradig technisch. Meine Empfehlungen würdigen den Aspekt der Zielgruppenorientierung und ergänzen diese. Wer ansprechende Texte schreiben möchte und damit Menschen in- und außerhalb des Wissenssystems erreichen will, schreibt

  • konzeptionell klar, methodisch korrekt und empirisch differenziert, sodass der Beitrag auf Grundlage vorherrschender wissenschaftlicher Standards bewertet werden kann; und
  • sorgt auf sprachlicher Ebene dafür, dass komplexe Inhalte so verständlich wie möglich erklärt, mit greifbaren Beispielen unterfüttert und damit auch für Laien zugänglich sind.

Zugegebenermaßen ist dies keine einfache Aufgabe — phasenweise eine Gradwanderung. Viel hängt davon ab, um was für eine Art von Text es sich handelt, ob er etwa methodisch-kompliziert oder theoretisch-abstrakt angelegt ist. Über die Feststellung hinaus, dass der Schreibstil im Einzelfall abgewogen werden muss, möchte ich folgende Faustregel zum Besten geben: Je mehr Elemente der bildlichen Sprache in einem Wissenstext eingebaut sind, desto weniger hochtrabend wirkt er.

Wer die Wirkungspotenziale seiner Texte heben möchte, kann dies auf der sprachlichen Ebene durch verschiedene Techniken bewerkstelligen. Nachfolgend stelle ich Handwerkstipps für Wissensproduzenten vor, insgesamt sieben an der Zahl, welche auf zwei Textebenen verortet werden können: Struktur und Sprache. Die Möglichkeiten sind mit diesen sieben Tipps nicht ausgeschöpft. Weil ich aber denke, dass sie zu den wichtigeren Stellschrauben gehören, beschränke ich mich in diesem Artikel auf ebenjene Auswahl.

 

Sieben Handwerkstipps für das Schreiben von wissenschaftlichen Texten

 

Titel machen Appetit

Mit einem Titel ist es wie mit einem Amuse-Bouche: Er soll Appetit machen. In der Natur des Menschen liegt es, dass er mit bildlichen Ausdrücken mehr anfangen kann als mit abstrakter und technischer Sprache. Entsprechend gilt, je trockener der Titel, desto weniger Interesse wird beim Leser geweckt. Mit einem „catchy title“ erreicht man mitunter auch Leute aus fachfremden Bereichen.

 

Überschriften bieten Orientierung

Überschriften sind wie Wegweiser: Sie bieten Orientierung. Dies gilt für die gesamte Gliederung, von Kapitelüberschriften über Abschnitte hin zu Zwischenüberschriften. Die einzelnen Textbausteine sollten in einem sinnvollen Zusammenhang stehen, d. h. nachvollziehbar (logisch/chronologisch) aufgebaut sein. Besonders ansprechend wirken „sprechende“, dynamische und bildliche Überschriften (wie z. B.  „Wörter auf Diät“; „the many faces of states“).

 

Absätze formen Sinneinheiten

Absätze fungieren als Sinneinheiten: Jeder Absatz hat ein Thema. Der erste — allerspätestens zweite — Satz enthält die Kernbotschaft (topic sentence). Alle übrigen Sätze detaillieren, begründen, relativieren. Bei längeren und komplizierteren Absätzen empfiehlt sich ein Schlusssatz. Dieser kann etwa ein Resümee ziehen, Implikationen oder Konsequenzen aufzeigen. Wer Absätze nach diesem Schema aufbaut, erreicht auch flüchtigere Leser („Insel-Leser“).

 

Sätze sind Informationscontainer

Sätze transportieren Informationen: Ideen, Thesen, Fakten, Bewertungen. Das Wichtigste steht vorne im Hauptsatz. Verschachtelte Sätze sollten nach Möglichkeit vermieden werden. Für den Leser sind solche Konstruktionen mühsam, denn sie verzögern das Verb unnötig — eine Besonderheit des Deutschen. Angenehm wirken Satzreihen, wenn sich lange und kurze Sätze abwechseln.

 

Verben trumpfen Substantive

Auf Substantive sollte verzichten werden, wo ein Verb den selben Dienst erfüllt: „Wir verzeichnen eine Zunahme der Bevölkerung“ liest sich leicht gestelzt; dahingegen klingt „die Bevölkerung nimmt zu“ ungleich kraftvoller. Vorsicht auch mit Synonymen! Insbesondere wenn es um Fach- und Schlüsselbegriffe geht, sollten diese einheitlich genutzt werden. Abwechslung kann auf anderen Ebenen erreicht werden, etwa durch Variation in der Syntax, bei Verben oder Adjektiven.

 

Adjektive und Abverbien sind das Salz in der Suppe

Adjektive und Adverbien wirken bei richtiger Dosierung wie Wunder — bei Überdosierung hingegen versalzen sie das Süppchen. Daher stehen sie ganz oben auf der Liste überflüssiger Wörter. Als Faustregel gilt: Wo das Adjektiv/Adverb für das Verständnis nicht zwingend ist, ist es falsch. Gut beraten ist, wer aussagekräftige Substantive und Verben nutzt, die keiner weiteren Präzisierung oder Verstärkung bedürfen: „Das Wachstum ist eingebrochen“ statt „es gab einen deutlichen Rückgang des Wachstums“.

 

Aktiv schlägt den Passiv

Wer ist eigentlich der Täter? Der Passiv ist im Deutschen zwar weit verbreitet — im Englischen ist das z. B. anders — birgt allerdings Fallstricke. Erstens geht in der passiven Variante verloren, wer der Handelnde ist; zweitens hat der Passiv weniger Schwung; und drittens ist er anstrengend, weil das Gehirn mehr Zeit braucht, um Inhalte zu verarbeiten: „Die Daten werden einer Überprüfung unterzogen“ spielt in einer ganz anderen Liga als „Wir prüfen die Daten“.

Zur Veranschaulichung einiger wichtiger Handwerksgriffe, die ich oben diskutiert habe, hier ein überarbeiteter Textausschnitt aus einem politikwissenschaftlichen Essay — links findet sich das Original, rechts die überarbeitete Fassung und daneben eine Kurzbeschreibung der Anpassungen.

Fazit

Der modus operandi des Wissenschaftssystems lässt uns im Glauben zurück, der heilige Gral der Textproduktion läge darin, ein möglichst überproportionales Verhältnis zwischen Substantiven und Verben — zugunsten ersterer Kategorie — herzustellen, den sinnlich-bildlichen Weltbezug im Nebel konzeptioneller Begriffsschwaden verdunsten zu lassen und aktive Handlungsbeschreibungen durch die Nutzung des Passivs zu umgehen — na, war das ein anstrengender Absatz?

Im Ergebnis schreiben und produzieren wir reihenweise Texte. Warum nicht gleich so, dass sich der Leser dabei wohlfühlt? Damit bewirken wir soeben zwei wichtige Dinge: Erstens erhöhen wir das Wirkungspotential unserer Texte und zweitens machen wir sie auch für Laien zugänglich.

Wie mit vielen anderen Dingen im Leben — vom Auto fahren bis zum Zelte aufschlagen — braucht auch das Texten Erfahrung. In der Zwischenzeit haben wir aber die Möglichkeit an unserer Technik zu arbeiten. Übung macht den Meister. Bis dahin verbleibe ich mit einem, wie ich finde, sehr treffenden Zitat:

„In any discipline, writing creative non-fiction at a research level is hard, skilled work“ (Patrick Dunleavy)

 

[1] Aus Einfachheitsgründen wurde in diesem Artikel nur die männliche Form gewählt.  Selbstverständlich gelten die obenstehenden Inhalte für alle Geschlechter.

 


Über mich

Die obigen Tipps sind das Ergebnis und die Synthese meiner Erfahrungen als freiberuflicher Lektor und Übersetzer (www.baysan.eu.) seit 2011, eigener Schreiberfahrungen als Angestellter in der Politikberatung, in NGOs, Think Tanks sowie der Lektüre verschiedenster Schreibratgeber. Dieser Artikel steht unter dem Motto: Vom Wissensproduzenten für Wissensproduzenten.

 


Why Does Fieldwork Matter? Reflections On Immersion, The Everyday & Knowledge Creation In Hong Kong


“If the RMB depreciates, Southbound trading goes through the roof!”

A conversation overheard in Central

 

Ideas about the borderless world have been around since the advent of modern information communication technologies in the late-1980s. The internet, email, Skype and Google Street View have made the world a more tangible, seemingly smaller place. So, what’s the point of going on an expensive trip to a foreign country and doing fieldwork? Is this an outdated concept? While some might argue that it is, I would disagree. Location and social interaction matter. Depending on your research subject, these things can matter a lot; not only for ethnographers, also for other disciplines. While the benefits of more obvious aspects of fieldwork such as conducting interviews are well documented (and some would argue that you can also do them via Skype), I want to draw attention to another aspect of doing fieldwork – that is the benefits of actually “being in the field” by drawing on a recent research visit of mine to Hong Kong and what I gained from this.

 

What can we learn from the field?

I have never been an ethnographer, anthropologist or “interpretivist” scholar for whom this article might not offer any novel insights. For these scholars this article will describe some of their standard research practices in very basic terms. Rather, I’m a political economist working on finance, situated in the grey space between a politics department and a business school. My research project focuses on capital market development in China, their internationalisation and the role exchanges play in this process (that is stock, derivative or commodity exchanges, and even the ones with the trading floor), and I find a lot of the data for my work on Bloomberg or through reading the Financial Times. My research is quite empirical, on the one hand it is technical and data-driven, on the other side, it draws on interviews with market participants and their knowledge of and experiences in a changing market environment. One might describe my ontological position as that of a qualified neopositivist (Schatz 2006), So why would I need to conduct fieldwork?

Take a step back and think about your home town or country. Living in both Germany and the UK, I am always fascinated by the differences in the financial cultures between the two countries. For example, differences in how credit cards are used, how easy or difficult it is to get a mortgage, between ownership and renting. When I’m at a local market in England it’s very likely that I can pay contactless with my credit card or even smart phone while in Germany even larger shops might not accept cashless payments, mobile payments hardly exist and they might accept debit cards but not credit cards. Or how British friends of mine studied Spanish and History and became corporate lawyers or work in finance, something unthinkable in Germany with its rather strict education and training system. While these things might seem trivial, they can easily be related to larger academic debates on financialisation or varieties of capitalism which analyse the different ways capitalist systems are organised and which social ramifications this has – for which the UK and Germany are often the poster children. Similarly, in recent years, political economy research has developed the Everyday Political Economy approach, which draws upon how everyday actions such as the ones described above matter for and also drive and co-constitute the larger socio-economic structures we live in (see for instance I-PEEL). When moving from Germany to the UK for the first time, I got a much clearer and deeper understanding of these processes. When recently going on a research visit to Hong Kong, I realised that the same logic applies when conducting fieldwork.

 

Financial cultures & practices Hong Kong

Overall, I found being in Hong Kong for a prolonged time very rewarding for my research. Take the quote from above for instance. I was walking back to my office from an event I attended – a breakfast seminar on capital market development in Hong Kong organised by a Chamber of Commerce which was highly interesting by itself – and was waiting at the traffic lights. Suddenly, I realised the people waiting next to me (who seemed to work in finance) were talking about my research subject, highlighting the relationship between China’s monetary policy and investment flows from China to Hong Kong via the newly established Stock Connect scheme. A fascinating encounter, especially as it helped me further develop an idea I was working on the previous days on how excess liquidity in China that built up after the global financial crisis was linked to the push towards internationalising Chinese capital markets. My environment literally inspired me and facilitated my research process. Where else could I have encountered something like this?

Similarly, I went to a local bank in Hong Kong and noticed that there was a corner full of elderly citizens staring at a few screens. After seeing this a few times, I investigated the subject. It turns out that trading stocks is actually a kind of hobby for some people and that these trading corners can be found in many local communities – people meet in these corners, discuss the performance of stocks, buy and sell their shares. TVB Pearl and TVB Jade, two of the most watched TV channels in Hong Kong, host several shows for almost the entire duration of the stock market’s trading hours where experts talk about the performance and likely trend of various stocks or industries and where retail investors can call in real-time and get investment advice. And in contrast to Hong Kong, where retail investors represent only 30% of the market (as against to 5-10% in Europe), in China 90% of market activity is retail investment flows. Again, this ties back to the everyday and how this shapes larger structures.

What Bloomberg thinks about HK as a financial centre.
© Johannes Petry

During my stay in Hong Kong, also I attended several industry events such as the one mentioned above. While some of them might cost money, many of these are free and open to academics. At these conferences, workshops or seminars, I met dozens of interesting people working in the financial industry, and listened to talks on various aspects of my research subject. In a way, I learned what “the market” thought about current developments in China’s financial opening and liberalisation, the “Belt and Road Initiative”, Hong Kong Exchange’s new business plan and other contemporary issues relevant to my research. Attending these events, was very useful to test and further develop some ideas I had come up with during my previous research as my ideas where confronted with the views and insights of financial market participants. In addition, I received countless briefings, research papers or presentations which – while not containing sensitive or secret data – were full of important information and which are not usually publicly accessible. I would never have been able to get such insights when only working from my office in Warwick – or anywhere else outside of China for that matter.

It was also incredibly useful to talk to locals. Retail investors usually do not rely on fundamental analysis to evaluate stocks but more often on news or rumours. As CNBC reporter Eric Chemi noted, “The Chinese stock market […] operates so differently from U.S. and European markets. […] it is dominated by retail investors, who treat it very much like a casino.” (Chemi & Fahey 2016). Approaching the ‘Mom and Pop’ investors in a local bank branch or talking with people on the street about (rising) property prices and (them speculating in) stock markets was fascinating and helped illuminate how different these markets functioned. When contrasting this with conversations I had with Hong Kong-based fund managers, I really got a sense of how different investor base and market sentiment are from what we are used to in Europe or the US and why long-term international investors such as pension funds are hesitant to invest into China.

Similarly interesting was talking to academics based in Hong Kong whom I contacted and exchanged thoughts on some of these developments with. I had a very fruitful discussion for instance with a fellow PhD student based in Hong Kong who researches everyday financialisation, retail investors and the rise of investment advisors in Hong Kong: Did you know that there are hardly any pension schemes in Hong Kong? But because the government does not want to increase income tax (it is a tax haven after all), they promote financial solutions to these social issues – which of course has enormous social repercussions like rising income inequality, exploding property prices and hundreds of thousands of livelihoods solely dependent on volatile markets. Therefore, this talk really complemented my insights on the trading corners I found in banks and gave me a better understanding of overall processes of financialisation, how markets functioned, and which role regulation and the state have in these processes.

Even talking about my research over lunch or coffee with former colleagues or newly-made friends who worked in finance proved incredibly helpful as they contributed valuable feedback, corrections and additions or explained the specificities of the local capital markets. One evening I met someone working on a new commodity platform that is being set up in mainland China and I learned more about the differences between global and Chinese commodity markets, the importance of benchmarks and standards in commodity trading and how this platform aims to implement these in China. This does not mean that you necessarily need to know people in advance, you often meet at events such as the ones described above. Even going to a social event in your free time can prove surprisingly helpful in unexpected ways. I went for instance to a talk by the Asia Society where I spoke with another visitor. This person was previously the head of a global investment bank’s Asia business and was happy to share some of his insights with me. During another such social event I met someone, who works in finance and deals with retail investors, routing their orders into the market as a broker. Again highly interesting and adding to my understanding of above-mentioned financial advisors, Mom and Pop investors and trading corners.

 

Concluding remarks: knowledge production, exposure & immersion

After a few weeks, my understanding of how Chinese and Hong Kong financial markets worked, their specificities and similarities with “global” markets or important developments in these markets grew exponentially, and I leaned things that I could have hardly found out through desk research. Being in the field and being exposed to my research subject really increased my knowledge thereof. Because these things matter and can enable a much more holistic picture of a research topic by adding everyday life, culture, social norms and chance interactions into the mix. Of course, this is not proper “data” that I would directly incorporate into my work unchecked. Rather, it helps to place your research into a bigger picture and into context, to better understand it, and to identify potentially important stories and developments. And once you’ve identified these, it is relatively easy to conduct further research, verify and flesh out these stories as well as search for other data sources which can confirm and support these stories.

So, while I would usually not draw on such insights as the main sources of my research, being immersed into and exposed to my research subject actually really helped me to deepen my understanding and further develop my knowledge of a topic that seems rather technical at first. Nicholas Taleb highlights that many scientific discoveries that originated from exposure to opportunities than from design and planning (2009: xxv). In a similar vein, James Webb Young (1965) argued that in order to develop new ideas, our mind needs to be trained in the ability to see relationships between things we already know. A view that is also shared by Steven Johnson (2011) who argues that an idea is not a single moment of genius but rather a new configuration of neurons in your brain that have never fired in sync before. How do these new networks form? In his TED talk, Johnson tells the fascinating story of how GPS was developed by exposure to and connecting with other people. Companies such as Google or Apple have long used such insights to facilitate their business development.

Inspiration, innovation and creativity are highly important for the further development of scientific ideas and highly dependent on the environment the researcher is situated in. When researching Chinese capital market development in Hong Kong I certainly experienced this. I think it is important to get out there, become exposed, let your research undergo a reality check, refine existing ideas as well as develop new ones. That is why fieldwork matters.

 

References

Chemi, Eric & Mark Fahey (2016) “This China stock market is so different than we are used to”, CNBC, 8 January 2016.

Johnson, Steven (2010) Where good ideas come from: the natural history of innovation. Penguin, London.

Taleb, Nicholas (2009) The Black Swan: the impact of the highly improbable. Penguin, London.

Schatz, Edward (2006) “Ethnographic immersion and the study of politics”, in: Edward Schatz (ed.) Political ethnography: what immersion contributes to the study of power. University of Chicago Press, Chicago.

Young, James Webb (2003 [1965]) A technique for producing ideas. McGraw Hill, New York.


Long Read: Our Fellows Respond To Right Wing Populist Arguments


This year, Social Science Works has been working on the project ‘Deliberation Against Populism’ in which we have contacted citizens in Brandenburg that expressed an interest in populist political parties and arguments online. We have already explored this project in some detail on the blog, including an in-depth overview of the whole project and an breakdown of recruitment and an analysis of these themes and issues that have attracted the most ire from citizens online. The two events held for this project in Cottbus and Frankfurt an der Oder gave us the opportunity to meet citizens where they were able to share their concerns about the future of Brandenburg, Germany and Europe. Further, we had a number of conversations with citizens online where they were likewise able to express their concerns.

As a result, we have been able to compile a list of arguments that we ran into regularly throughout the project from citizens arguing from a populist perspective. Very often, the people we spoke to over the course of this project expressed their concerns about the number of refugees and migrants that have come to Germany in recent years. In addition, as this project took place in Brandenburg, in the former East Germany, many participants reflected on how reunification had negatively impacted on their lives. As part of our series on the project, we have invited our Fellows to respond to some of the arguments we encountered, drawing on their social scientific expertise. In the following, Fellows have laid out their responses to some of the most common arguments heard over the course of the project.

As outlined in previous blogs, there are a number of key areas that our participants returned to again and again. One of the key things that particpants discussed was life in the former GDR, and compared it favourably with their current circumstances.

In the first response, Martin Neise takes on this idea that life was better in the former GDR:

 


“Life was better in the GDR. I used to earn 600 Marks and pay 60 Marks rent. Now I earn 1000€, but rent is 600€. Where is the progress?”

“When people talk about life being ‘better’ in the GDR than now, they usually refer to the GDR’s vast social policies, as compared with the West’s and its strong GDP. They talk about low rents, cheap groceries, a dense network of medical services and a well-funded childcare sector. And the GDR indeed provided its citizens with generous social services, including a ‘right to work’, which presumably offered a life without worries. So far, so good. But how were the social policies paid for? With credits from capitalist countries. Hence, they were not sustainable.

When Erich Honecker came to power, he proclaimed the ‘unity of economic and social policy’. The aim of the policy change was to boost productivity by raising working morale through a broader supply of consumption goods. The rationale behind it was: if citizens are happier because they can consume a wider array of products, they will be motivated to work more effectively. The GDR’s leadership therefore set out to expand social policies, most prominently housing, and provide more consumption goods which, if it was not produced at home, had to be imported. However, both the oil crisis in the 70s as well as the inflexible and unproductive centrally planned economy, made the GDR less and less competitive. Therefore, an increasing number of imports could not be paid for with exports and the GDR had to take on debt.

That in itself is not necessarily a bad thing, as long as productivity and economic growth are spurred by taking on debt. However, that was not the case. Investment did not follow higher consumption – failing at the proverbial having and eating cake conundrum – and the country went into a debt spiral, paying more and more money to its foreign (capitalist) creditors, and paying back old credits with new credits (roll-over). The GDR was not ‘broke’ but this development lead to the ‘Schürer-Report’ in 1989 which stated that the “social policy did not rest on its laurels” and that in case the country wanted to stop taking on new debt, living standards would drop 25-30% in 1990.

While the GDR’s industrial capabilities were like a newly industrializing country, its social policies on par with industrialized countries. An impossible situation. A result of the manifold subsidies and higher consumption were that the state had to not only pay debt but also to decrease its investments. Therefore, machinery grew old and could not be replaced, infrastructure began to crumble and buildings could not be renovated. The government had to constantly decide between three goals:

  1. Increasing consumption and living standards,
  2. Servicing foreign debt,
  3. Accumulating and re-investing to become more productive.

It followed the first two while putting an axe to the third.

But what about the personal stories of low rents and groceries? That was still great, wasn’t it? Subsidies are wonderful. But only in case of infant (new, uncompetitive) industries, non-profitable but vital services like healthcare and public transport, or for people who need basic commodities like food, housing etc. However, the GDR paid broad subsidies for everyone, not only the poor and needy. But not only that, it paid for it with credits from capitalist countries. But let us take the debt out of the argument for now. Why were they bad policies nevertheless? Simply, because they give wrong incentives to individuals and companies, and with such broad subsidies wrong incentives for millions of people.

For example housing: rents were frozen at 1936’s level. Oftentimes, people only paid 6% of their income for housing. These rents did not cover the cost of building and maintaining the house. The state stepped in to pay the difference. In a state socialist economy, that does not matter as much because the state not only pays the wages but also the costs for the buildings. A zero-sum game. What citizens win in lower rents, they lose in lower wages because the state needs the money to build and maintain houses. But the difference lies in the individual behavior: A family with three children lives in a four-room apartment. All the children move out as they grew older. Normally, the parents would look for a different apartment which was cheaper and smaller. With the rents so low, the parents did not need to look for another apartment and stayed put. Meanwhile, many other families were looking for a four-room apartment. In economic terms: the subsidies led to an overuse of scarce resources because parents without children lived in huge apartments and the state had to build new apartment blocks for other families, while two-room apartments lay idle.

The same holds true for energy: The state massively subsidized heating and electricity – to all citizens. That led to an overuse of energy by every consumer. Why turn off the heat when the windows are open if it only costs me a penny? The result was a massive burden on the state’s finances for energy consumption. Resources and finances which could have been used to invest in machinery, or renovating streets and houses were wasted on subsides that made little sense.”

Martin Neise is an MA candidate in political science, with a focus on political economy at Goethe University in Frankfurt. He grew up in East Germany. 


 

Likewise, some participants felt that the way East Germany had been ‘swallowed’ by West Germany following reunification represented a political mistep. In fact, one of the most interesting suggestions we heard over the course of the project was that East Germany should have been allowed to pursue membership of the European Union as an independent state. However, as Sergiu Buscaneanu makes clear, this presents a serious administrative and political challenge, that could not have been overcome by East Germany:

 


East Germany should have been allowed to pursue membership of the European Union as an independent nation state.”

“The EU is a community of European states based on the commitment to respect democratic values, human rights and fundamental freedoms, as well as to observe the defining principles of rule of law regimes. Though the EU has started in the aftermath of the Second World War as an economic project, integration of new members into the European Community has been made gradually conditional on observing democratic norms and universal human rights.

GDR has never had meaningful democratic institutions during its existence as an independent state and without a genuine process of democratisation, it could not have the chance of being accepted as a member of the European Community.

The existence of GDR as an independent state was ensured internally by autocratic party structures and a highly vigilant state apparatus, and externally by a powerful Soviet leverage. When this strong internal and external control lost its legitimacy in the eyes of the vast majority of East Germans, the very existence of GDR as an independent state became obsolete. Reunification of GDR with FRG was the logical consequence of this severe crisis of legitimacy.”

Dr. Sergiu Buscaneanu is Marie Curie Postdoctoral Fellow at King’s College London, where he works on a project concerned with strategic choices of political elites in Eastern Partnership countries and prospect theory.


 

Another key theme that emerged from our discussions surrounded the economic value of refugees and migrants. Many people we spoke to over the course of this project felt that the influx of refugees and migrants represented a long-term economic strain on the German economy. Indeed, when pressed, many responded that they doubted that refugees and migrants to Germany would ever be able to find work in Germany and hence would not contribute to Germany in the longer term, citing the example of the Turkish population in Germany as an example.

Oktay Tuncer responds:

 


“We keep being told that these migrants and refugees will be good for the economy, but we already know that this isn’t true because of the experience we’ve got from Turkish migrants”

“Migrants and their effects on an economy is a broad and often-discussed subject and a universal topic. In many societies there is a discussion or has been taken on whether immigrants elevate or worsen the domestic economy. In the UK, the House of Lords has published 2010 a paper on “The economic and cultural benefits of immigration” concluding that the effects are not clear-cut but certainly helped to reduce inflationary pressures and were rather an answer to the country’s economic situation and needs. In the US, undocumented immigrants were blamed for the rising unemployment rate for a long time, and still are. In Arizona a propagandist ad appeared in 2010 which spawned Arizona’s tough new law targeting illegal immigrants and the possibility of congressional action on immigration, for instance, have brought a renewed focus to the issue.

It seems ironic that particularly the example of Turkish migrants is mentioned in the quotation as a negative example, considering that these were actively invited by the German government in the aftermath of the Second World War to help rebuild the economy as “Gastarbeiters” (guest workers) many of which are homeowners in Germany by now (convergence at nearly same rate as natives during 90s) or bought houses in their homecountry and moved back or run their own companies today (a mezmerizing rise during the 80s). As such, the Turkish population is by and large do not conform to the image of unemployablity, nor are the Turkish population an outsized strain on the welfare state. During the 50s and 60s, the years when the vast majority of the Turkish workers (along with many Italians and Greek) came to Germany, the country’s GDP increased immensely: it more than doubled in the 50s and increased by another 50% during the 60s which marks until today its biggest increase in the country. The time period is until today known as the period of most prolific economy in the country’s history and is famously known as the “Wirtshcaftswunder” (the economic miracle) and is at the same time, the period intense immigration to Germany (10 million of them arrived between 1955 and 1973).

Specifically, the economic dimension of migration is perennial; it seems to be legitimate, no matter what, to ask that question because it draws on simple and clear economic rationality. When political leaders evaluate the state of the country in terms of the economy, shouldnt we also look at inflows of human beings in economic terms?

Although initially appealing, economic measures are often misleading and not that clear-cut. Apart from the aforementioned indicators we cannot neatly ascribe to which processes of economic development are due to a population change or a general change in world markets or other external factors or simply due to political shifts (e.g. in social policy or education). Additionally, there are other measures of societal well-being (such as Human Development Index) other than the classical economic ones which, for many sociologists and economists, more accurately depict a country’s situation.

However, to take the risky enterprise of measuring the economic effects nevertheless, we can outline for contemporary refugee immigration that the effects will be different. First, we have to state that economic impact of immigration depends very much on the peculiarities of the countries (Coyle) and today’s Germany is not the same as after the Second World War, but also the arriving migrants are different from the guest workers and hence one has to examine the cases individually. 10 million guest workers arrived up until 1973; there are roughly 1.9 million asylum seekers who arrived since 2010. To come to the statistics and number, according to a simulation model calculated by the Cologne Institute for Economic Research the state expenses as means for refugees are expected to rise from €20 billion in 2017 to €28.5 billion until 2020 (Hentze/Kolev 2016 : 68). On the other hand, Germany’s GDP is expected in 2020 to be €30 million and one percent higher than in a scenario without refugee migration (Hentze/Kolev 2016 : 69). However, it is problematic and not easy to make a clear conclusion since, as seen above, with different measures we change our perspectives and also, the net effect will depend on the labour market integration of the immigrants.

Another valid argument is a change of perspective which goes like this : we, as Europeans have developed values, notably in the Enlightenment epoch and take humanism as fundamental. According to these values, we cannot let people drown in the Mediterranean and separate ourselves off. Who, if not one of the economically most successful and richest countries in the world, could – and hence, should – take on this duty? If we avow the humanist notions of solidarity and human rights and teach in schools the importance of the right to the existence of oneself, dignity of the human and responsibility it is as important, to execute these in real catastrophic situations. After all, asylum counts as a human right. The ones who are requesting asylum are trying to survive and to secure their existence and have nothing to lose. To actively accept these values means to accept them as universal, on a daily political basis, and not to exclude others from them. The responsibility stems from circumstances as climate change which is caused mainly by the rich industrustrial countries and wars regions in which the USA and its European allies are directly involved in. These circumstances lead to dramatic consequences such as natural catastrophes, droughts, floods, civil death tolls and ethnic cleansings and strike mostly poor regions.

In the end, contrary to the discussed commentary, we see in a majority of historical examples that migration has been beneficial to the host country. On the macroeconomic significance, economists agree that migration cannot be underestimated since migrants are filling holes in the production and the service sectors.”

Oktay Tuncer hold an MA in social sciences from Humboldt University in Berlin.


 

In addition to fears that migrants and refugees to Germany would continue to be a drain on the economy, this thought led many participants to conclude that the current refugee situation threatens to overwhelm the German state. From this, participants argued that the German state’s priority ought to be German citizens and that refugees and migrants were simply too bigger a strain to accomodate.

Uwe Ruß responds:

 


Germany cannot handle all of these refugees. We need to look after our own first”

“The UNHCR estimates that 65.6 Million people are on the run in 2016 (UNHCR 2016) that is the complete population of West Germany or almost the population of France. Most of these refugees (around 40.3 Million) are not able to leave their own country of origin (known as Internally Displaced Persons). During the past decade, the number of refugees has continuously increased due to an increase in international and national conflicts and famines. It is no surprise then that more than half of all refugees worldwide come from Syria, Afghanistan, and South Sudan.

Germany does not make an exception to this trend. The number of applications for asylum in Germany increased as well, especially since 2012 with the outbreak of the Syrian Civil War. According to the latest report of the Federal Office for Migration and Refugees (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, BAMF) the number of applications peaked in 2016 with 746,000 (BAMF 2017: 3). However, towards the end of 2017, the number of applications started to decrease to a level even below the 2014 rate (Jan-Sep 2017: 168 306). Also it has to be taken into account that these numbers refer to applications only. According to the BAMF, a considerable share of applications is rejected each year (2016 ca. 200,000, 2017: more than 200,000, BAMF 2017: 11; the number of rejctions cannot be subtracted from the number of applications for that specific year, because in each year applications from previous years are also decided upon).

Germany is not the only country taking refugees, but it is one of the economically most successful and largest countries in the EU with more than 80 million inhabitants and the lowest unemployment rate since reunification. Other, much poorer and smaller countries, host many more or a similar amount of refugees than Germany, for example, Turkey (2.9 million), Pakistan (1.4 million), Lebanon (1 million), Iran (979,000), Uganda (941,000), Ethiopia (792,000), Jordan (685,000), Congo (452000), and Kenya (451000) (UNHCR 2016; these numbers cannot be compared to the ones given by the BAMF above. The BAMF measures applications for asylum, while these numbers refer to the number of refugees hosted by a country. The respective UNHCR number of refugees hosted by Germany is 669,000.)

To put this into perspective: Per 1,000 inhabitants there were 8.8 refugees applying for asylum in Germany, compared to 4.6 in Greece, 4.6 in Austria or 4 in Malta (Mediendienst Integration). If we imagine the German population in 2016 as a group of 100 people, there was only 1 person (actually only 0.88) coming and asking for asylum.”


 

This theme ran very deep. Even the participants that accepted that there was a genuine need for asylum for some of those claiming refuge in Germany, a common theme from our discussions was that this number was wildly over-stated and that the majority of those claiming refuge in Germany were economic migrants. This, participants suggested, was a widespread problem: the majority of refugees in Germany were simply there for economic reasons.

Uwe Ruß continues:

 


Most of these so-called refugees are economic migrants that don’t need protection.”

“According to the UNHCR a refugee is “someone who has been forced to flee his or her country because of persecution, war, or violence. A refugee has a well-founded fear of persecution for reasons of race, religion, nationality, political opinion or membership of a particular social group” (UNHCR). It is no coincidence then that the number of applications for asylum in Germany increased following the outbreak of the Syrian Civil War in 2012. If we look at the applications for asylum in Germany, it becomes clear that the three main countries of origin are Syria, Afghanistan, and Iraq – countries that are characterized by many years of (civil) war, destruction, and chaos. 43.9% of all applications for asylum in Germany in 2017 (Jan-Sep) are filed by refugees coming from one of those three countries, followed by Eritrea (5.4%), Iran (6.7%), Nigeria (5.7%), Turkey (5.4%), Somalia (5.3%), and smaller shares from other countries. But also in countries where there is no war, people can be forced to flee their country because they are persecuted and discriminated against. For example, the European Union has repeatedly acknowledged that the people of the Roma are severely discriminated against in many countries (EU-MIDIS II 2016). Large parts of Europe’s biggest ethnic minority are excluded from access to education, labor market positions, housing, and medical care.

Thus, simply to assume that all or most refugees are not fleeing war or persecution in their home country and do not need protection is just an allegation. In Germany the Federal Office for Migration and Refugees checks the reasons and consistency of all applicants using auxiliary information and personal interviews. It is then decided upon whether an applicant receives asylum or other forms of protection in Germany or whether the application is rejected. For example, in 2017 (Jan-Sep) the BAMF decided that in more than 200,000 cases applications did not match the criteria for asylum or other forms of protection (BAMF 2017: 11; the number of rejections cannot be subtracted from the number of applications for that specific year, because in each year applications from previous years are also decided upon).”

Uwe Ruß is research associate at the German Center for Higher Education Research and Science Studies (DZHW) and PhD candidate at Freie Universität Berlin.


 

Equally common was the argument that refugees enjoyed more comfortable benefits than their German counterparts. This echos in large part the concerns heard from many that felt that Germany was ‘unable to cope’ with the economic strain of accepting large numbers of refugees and migrants. Over the course of the project, we found a number of posts that had gone viral within these social media communities which claimed to ‘expose’ the discrepencies between welfare benefits available to refugees and migrants and the (lesser) benefits available to German citizens.

Ilyas Saliba counters the argument:

 


“These people come, use our benefits system and take out more of it than we get.”

“What they get: Less not more

First of all those people, if they receive political asylum, do not come to Germany to use our benefit system but because their lives are in danger in the countries they fled from. However, upon arrival asylum seekers usually get accommodation provided by the local authorities they are distributed to. Furthermore, their basic needs in the form of food and necessities are covered by the state as well. The provision of these services by the public authorities during a person’s status as an asylum seeker is well below the benefits received by someone on unemployment benefits or even Hartz 4.

Not a zero-sum game

If an asylum seeker is granted asylum they are eligible for benefits just as any other unemployed Germans for that matter. They do not receive more but actually the same. And most importantly no unemployed German receives a single Euro less due to the arrival of asylum seekers. The provision of basic needs for the people in need by the German authorities is not what in the social sciences we would call zero sum game: there is not a fixed amount of money from which all people receive a certain part but the benefits are handed out on the bases of objective criteria that are legally regulated and are based on a case-by-case decision. Meaning if more people depend on social benefits due to an economic crises and rising unemployment or due to an influx of refugees no other person on the receiving end will receive less due to the increased total amount of people depending on such a social redistribution and basic needs provision system.

Barriers on the way to independence

Once the legal asylum battle is through and a recognized political refugee receives his or her temporary work permit they are finally eligible and allowed to emancipate themselves from depending on state benefits and earn a living themselves. Of course this comes with many difficulties. First and foremost language problems often complicate the entry of refugees into the workforce. This is why sufficient German classes should be provided to refugees so that the language barrier can be overcome. Secondly, many refugees previous degrees and qualifications and work experience in their homeland are not formally accepted in Germany. In such a situation refugees often face the choice of starting over in a new career or going back to school or university in order to earn a degree or qualification that is accepted. Thirdly, many refugees suffer from trauma due to their experience and are not immediately able and capable to work full time.

What we get: tax payers, entepreneurs and a younger workforce

Economically speaking a number of long term studies on the effects of migration have shown that even if migrants tend to be more likely to depend on state benefits in the beginning, in the long run they pay more taxes than what they receive. The same picture emerges when looking only at refugees. Compared to the average citizen from their host country migrants are more likely to found businesses and thus contribute to creating jobs for other people. They also tend to fill gaps in workforce that are oftentimes not occupied by the domestic population. Hence, they diversify our workforce and while they do depend on state benefits in the beginning after a few years this trend seems to turn around and they become part of the tax-paying workforce that keeps our economy and our welfare state going. Furthermore, the recent newcomers to Germany are mostly young people seeking a better life in safety and fleeing war in their homeland. They have a lifetime of work ahead of them. Accordingly, the new arrivals are lowering the average age of the German population, which from an economic point of view is a necessity, as I will outline in the final paragraph.

Immigration is not optional

On another more meta-economic-level, we also need to acknowledge that our current social welfare state is unsustainable due to our ageing society. Our social welfare system based on a generational solidarity between working population and people enjoying their well-deserved pensions needs more working people as the German workforce is shrinking. Even if Germany could somehow miraculously double its birth rate, that would  not, economically speaking, be enough to insulate our pension system from the problems arising from the demographic trend. Thus migration is an economic necessity for our social welfare state. Of course there is a valid question to be asked about how many and where from we could recruit new workers. But if the refugees are here; as such it make good economic sense to enable them to become contributors to our society and our system through helping them on the path.

This does take a considerable investment in the beginning but it pays back in the long run.”

Ilyas Saliba is a research fellow at the research unit Democracy & Democratization at the WZB Berlin Social Science Centre and a PhD candidate at Humboldt University Berlin. He works on the diverging trajectories of the Arab Uprisings and focuses on different strategies of regime responses to contestation. He tweets at @ilyas_saliba.


 

Aside from the economic concerns, a key issue in these conversations was the supposed criminality of migrants and refugees. This was a major theme, and indeed, in surveying the relevant social media sites for this project, the most popular posts (as measured by total number of likes, comments and shares) invariably related to migrants and refugees commiting crime (most often violent crime) against a German citizen. Many commentors argued that these (rare) events were typical and demonstrated the dangers posed by allowing large numbers of foreign nationals into Germany.

Fabian Hühne responds:

 


“Crime has increased since 2015 because of refugees.”

“One of the difficulties in putting this statement into context is that ‘crime’ is not directly defined. There are underlying assumptions here both about crime statistics as well as ‘criminality’. This response will look at both of these aspects.

In Germany each federal state collects its own data about ‘crime’ and there is no coherent classification of ‘refugees’ in this data. Some states include asylum seekers as well as non-EU foreigners in the data, while others focus on the category of ‘non German suspects’. Of course ‘crime’ includes various different activities and in 2016 there was an overall decrease of all crime Germany. However there is an increase in the crimes committed by ‘immigrants’. Even though crime statistics are incoherent in their classifications of what they measure as ‘immigrants’ they show a trend, especially when looking at violent crime, which includes physical assault, robbery and sexual assault among others. Up until 2015 violent crime was on the decline in Germany. From 2015 onwards violent crime is on the rise again. According to studies carried out by Zeit and Spiegel not only the contribution to violent crime of immigrants is disproportionately high in comparison to Germans also the increase of crime is higher. Die Zeit gives the example of Bavaria, where 20% of violent crime suspects were immigrants. While violent crime overall rose by 9.8%, the violent crimes committed by immigrants rose by 93%.  

Some of the implications of the argument can be backed up by crime statistics – but the data is vast and some more important conclusions about this can be drawn from a closer look at the data. It would be wrong to conclude that because of this data somehow ‘immigrants’ would be more criminal than Germans. This is not only taking their situation into account but also their demographic.

When it comes to asylum seekers, a large number are males aged 18-34. The proportion is very high and it is much higher than the average in Germany and higher than the average in other European countries. This specific demographic is across all countries associated with higher crime rates, and especially violent crimes. That is also true in Germany. To elaborate on this argument, if one took a random sample of male 18-34 year old Germans to any different country for a longer time, statistically they would increase the violent crime rate more than the average population in that country. This argument should go someway towards countering the suggestion that refugees are inherently more criminal. However, the living conditions endured by many refugees and in addition their reasons for seeking refuge in Germany should also be considered.

It is also interesting where the crimes of immigrants are committed. Most violent crimes committed by ‘immigrants’ are carried out in so called ‘refugee camps’. To draw again on the example of Bavaria given by Die Zeit, 58% of all crimes committed by ‘foreigners’ were committed inside a refugee camp. The specific situation and circumstances, that is being in a ‘camp’ together with traumatized other refugees, sometimes with little hope to be accepted seem to be contributing to the rise in ‘crime’.

This can not explain all of the increase in crimes committed by immigrants after 2015 but indicates that the specific situation that especially refugees are in and their demographic inflates crime statistics. Leaving aside the trauma of people and the conditions within refugee camps its worth distinguishing an increase in crime statistics and ‘criminality’.                    

Looking at the fact that refugees are not more criminal than Germans naturally it may be much more worth looking at how refugees can be housed better and how we can help young men cross nationalities to stay away from violent crime.”

 

Fabian Hühne holds an MA in political communication from Goldsmiths, University of London. He is a journalist whose work has appeared in Vice and has contributed to campaigns for Azaaz and ONE, he is currently working on the communications team at Fairphone.


 

Do you have any responses to add to this list? Have we missed any contributing factors? Let us know below!


Alienation Online: An Analysis of Populist Facebook Pages In Brandenburg


This year, as part of the Social Science Works project Deliberation gegen Populismus[1] we have been monitoring right-wing populist Facebook pages associated with Brandenburg. The project was financed by Tolerantes Brandenburg and included work from a group of students at the Alice Salomon Hochschule in Berlin. This led to the collection of more than 1000 public Facebook profiles of individuals which had expressed far-right opinions or had otherwise expressed their dissatisfaction with mainstream political parties. In the following, I will offer an overview of methods behind this analysis, the themes, topics and problems that came up most regularly across the profiles and pages viewed in this time as well as a preliminary analysis of some of the roots than underpin these things, informed in part via conversations with some of these individuals in person and online. Finally, I will outline the beginnings of an extension of this as a research project on the role of echo chambers online in Germany.

Finding Resentment Online

In order to undertake this task, it was first necessary to find potential Facebook pages where the target group would likely access. Facebook was the preferred method for attempting this monitoring because of its relative openness as compared with other social channels and because of its reach (38.98 million Germans count as ‘regular’ users of Facebook – that is they login to Facebook at least once per month[2], and approximately 82.5% of internet users in Germany have a Facebook account) which compares favourably to other sites like Twitter (which counts only 21% of internet users in Germany as members[3]). YouTube, the second most popular social media channel in Germany, with approximately 50% of internet users visiting its pages regularly was also considered as a monitoring platform. However, because the content there is arranged mostly as individual videos, or at best as a ‘channel’ without connecting with other sources, and because contacting individual users is more difficult on this platform, Facebook was the obvious choice for this project.

In this project, the first step was to locate Facebook pages which posted content most likely to attract the kinds of individuals we wanted to get into contact with. Having identified our target group as individuals living in Brandenburg which might vote for populist right-wing parties in the upcoming election, populist party Facebook pages were a good place to start. From there, we followed the network of connected pages of various sizes, including: Zukunft Heimat Brandenburg (3,098 Facebook fans), Identitäre Bewegung Berlin-Brandenburg (9,259 Facebook fans) and Ein Prozent für unser Land (62,468 Facebook fans). The next step was to find truly local pages where we could find individuals to invite to our workshops. We decided to host events in Cottbus and Frankfurt an der Oder on the basis of the polling showing a strong preference for populist parties; this decision was later vindicated in the election results which showed the populist parties polling 25.3% and 21.9%, the first and third best showing for the party respectively in Brandenburg, both ahead of the Brandenburg average of 19.4%[4]. For this purpose we focused on local sites like Frankfurt/Oder wehrt sich (3,604 Facebook fans) and Bürgerforum Südbrandenburg (365 Facebook fans). On these pages, we looked for individuals commenting, liking and sharing posts that indicated that they felt resentment to the political establishment or expressed views which could be understood to be extreme[5]. For example, a recent post commenting on the election that typifies the kinds of individuals we were targeting reads:

 

„Pffft nothing happens. 1. the election is manipulated, CDU, Greens, FDP, The Left, would all be thrown out of the Bundestag and AfD would have ruled alone. 2. AfD will not sit in the government, only in the opposition, so they do not get anything! Everything will be manipulated, as planned and Germany will be destroyed, step by step!”[6]

 (Comment from 26.9.17 on Frankfurt/Oder wehrt sich’s Facebook page)

 

The individual above demonstrates the lack of trust in the mainstream political establishment as well as a distrust of the political processes. Individuals expressing views like those above were contacted directly over Facebook messenger and were invited to the events in either Cottbus or Frankfurt Oder.

 

A Comment on Gender, Privacy & Accessibility

The majority of the people that interact with these pages are men. Indeed, for the first few months, as we collected profiles, nearly 70% of the profiles we collected were of men. In a bid to redress this, we focused on collecting more women’s profiles in an attempt to keep the gender balance of the workshops more or less equal, and succeeded to that end. This is not to suggest that men are inherently more likely to vote for populist parties than women (initial calculations suggest that around 9% of women and 16% of men voted for populist parties in the 2017 Bundeswahl[7]), only to say that there is something about these online spaces that means women are less inclined to participate in them.

Furthermore, as a new field, the ethical implications of this kind of project do not have a long-established ethical code on which to rely on. There are considerations about privacy and the rights of academics and civil society to publish research relating to individual’s behaviour on social media channels. Although for some users, Facebook is a kind of public platform, for many users, it is used mostly to keep in touch with family and friends. However, our target group do not neatly fit into the latter category, insofar as they use Facebook to discuss politics and vent their frustrations with likeminded strangers. Hence, the Facebook users targeted for this project should be understood as using the site as a semi-public platform. As such, all participants’ names, identifying details and posts have been anonymised and the project relied only on information and content that is available to all Facebook users (‘semi-public’). In instances where we have posted content from personal conversations or interactions, the language has been either edited or paraphrased to preserve participants’ anonymity[8].

 

Analysis: Status Quo: Merkel, The Media & Political Elites

Merkel muss weg!” (‘Merkel must go!’) is a familiar slogan. Indeed, it appears on posts and comments we have seen throughout this process. The Chancellor is singled out as a ‘traitor’ for her stance towards refugees in 2015 and her handling of the ‘crisis’ since then. Likewise, there is a strong sense that the media is biased towards the political mainstream, the so-called Lügenpresse theme is very much in evidence across these pages. Across on Twitter, the handle @einzelfallinfos (currently 3,208 followers, after its temporary ban in 2015[9]) demonstrates this clearly. The handle is dedicating to sharing reports of crimes committed by refugees in Germany, the handle itself satirising what many on the right see as the tendency of the German media to describe such events as ‘isolated cases’.

 

“If something is “more precious than gold” right now, then its the experiences of the past election campaign. We have gained a new self-confidence! And an inkling of our own strength! Against mainstream politics and mainstream media, we have set mass immigration and its consequences as the No. 1 theme and reject the lie of Merkel’s popularity. We have achieved this with an anger and force that has not been seen since 1989, but always peacefully. We objected to Merkel and the elites loudly and openly. Repeatedly Merkel was judged at public events by citizens. We have begun to vent our outrage. And we understand how good we are!”[10]

(Translated post from 26.9.17 Zukunft Heimat’s Facebook page)

 

 

This of course should come as no surprise to anyone that has paid attention to the reporting around the rise of populist parties in recent years; Chancellor Merkel’s stance on refugees and distrust of the media has been widely reported and the Chancellor is regularly referred to among this group as the ‘Volksverräter’ (traitor of the people) In fact, for a group of those commenting on these pages, they take a certain pride in being called out in the mainstream media and by mainstream political politicians. In part, it is the view that mentions in the media should be seen as a victory insofar as they own the political agenda, and in part the view is that it is absurd that the mainstream describes citizens like this as ‘extremists’ or ‘far right’. The view instead is that they are simply giving voice to what many others feel but are too afraid to say for fear of repercussions.

Perhaps more interesting is the resentment felt towards the political establishment in general and towards the SPD in particular. The SPD doesn’t often feature in these kinds of online spaces, but when it does its appearance is entirely negative. The SPD are held responsible for the reforms to Hartz IV and are seen as an ineffective opposition. Likewise, as the long-standing party of power in Brandenburg, frustrations with the SPD on a local level are also high.

(Post from 22.9.17 Frankfurt/Oder Wehrt sich)

 

Similarly, in the run up to the election, for many populist party supporters, the weakness of the SPD was seen simultaneously as a clear sign of the party’s failure to engage with its core vote and as an opportunity for the AFD to win voters.

“The AfD is on the way to a safe third place. The SPD could land under 20% and would thus only be 8% in front of the AfD. We are looking forward to the election evening!”[11]

(Translated post 14.9.17 Junge Alternative Brandenburg)

 

Refugees, Migrants, Criminality & Islamification

An inescapable theme we have seen across the accounts and pages monitored for this project is the role of refugees, migration and the supposed link between the two and criminality as a driving motivation for many of the individuals to vote for extremist parties. This too is often coupled with fears relating to the supposed Islamification of Germany. For example, one useful source for this research, the Facebook page Frankfurt/Oder wehrt sich features as its description: “Schluss mit dem Asylmissbrauch!” (‘End Aslyum Abuse!’) and includes as its cover photo the words “Asylflut Stoppen” (Stop Asylum). This is a typical for many of the pages monitored.

Very often the most popular content featured on these pages (as measured by number of likes, comments and shares) was content that related to crime, and especially violent crime, committed by refugees. For example, on one page we monitored over a one week period, an article relating to a knife crime committed by a refugee received five times the number of likes, comments and shares as the other content shared by the same page over the week[12]. Likewise, comments on an article about the role of Islam in Germany[13] provoked many responses including:

 

“The Muslims came over 30 years ago, and you did not do anything about it. For the next 30 years on, thousands are coming and you have done nothing about it, and now you choose Merkel again in Sept.”[14]

(Translated comment from 12.9.17 Frankfurt/Oder Wehrt sich)

 

This combination of fear relating to refugees and the belief that refugees‘ presence in Germany will lead to a rise in criminality and the ‘Islamification‘ of Germany, is something we heard in our conversations with participants. One individual wrote that:

 

“Only a very small percentage of the refugees are criminal, but, if for example, 2% of 1,000,000 are a whole lot. Here the German legal system is overstretched. In the countries where the refugees come from, there are tougher and, above all, faster penalties. If there is a trial here it is only after the 20th offense, it is perceived as a weakness and it is continued (see crime statistics). Things here need to be redressed… Wearing the headscarf, etc. should be prohibited in public. Mosques should be banned. Try to build a church in Saudi Arabia! Our country, our values ​​our rules … whoever does not want to stick to this can gladly go away again. Parallel societies and large families are to be eliminated. Equal rights e.g. law enforcement and tax recovery for all. Understanding of Turkish influence in Germany.”[15] 

(Written correspondence with a participant)

 

These responses are representative of the kinds of comments and responses we have seen most often throughout this project. The refugee situation remains the most important contemporary political topic for almost all individuals interacting on these pages. Indeed, this trend was no less pronounced in areas with fewer overall numbers of refugees. In fact, the inverse is true, the fewer the total number of foreign nationals living in the area, the more prevalent the topic became.

 

Ostalgie & Inequality in the East

Beyond the themes that stood out in the comments and shared content monitored for this project, there were subtler elements that require comment in order to develop a fuller understanding of the individuals that are likely to vote for far right populist parties. One of the key themes that came out, first online and later in discussion with participants is a nostalgia for life in the DDR, and a pride in the individual’s Prussian origins. A familiar refrain heard from many of the participants at the workshops themselves was “In der DDR Zeit” (‘In the GDR times’), a comment that was typically followed by a favourable comparison with their lives in the DDR and now. One participant at the workshop in Cottbus put it even more bluntly:

 

“In the DDR, I made 500 Marks a month, and paid 60 Marks in rent. Now I make 1000€ a month, but rent is 600€ – so where is the progress?”

(Participant in the workshop in Cottbus)

 

For the most part, this sense of inequality is only expressed online via comparisons to the supposedly favourable conditions of refugees living in Germany. A popular type of content would post the benefits available to refugees and contrast them with the benefits available to an unemployed German native, or a German pensioner. Naturally, the numbers featured are wildly exaggerated,[16] often suggesting that individual refugees are in receipt of  thousands of Euros in benefits monthly.

There are a number of other ways that this feeling of being ‘left behind’ is communicated online however. A number of individuals monitored for this project proudly displayed their fondness of their history by changing their Facebook surnames to ‘Prussian’, and a number featured Prussian iconography prominently on their pages. Similarly, a very large number of participants (nearly 100) listed their education on Facebook as either “The School of Life” or “The School of Hard Knocks”. Taken together, it is clear that this kind of signalling demonstrates a simultaneous distaste for the elite and a feeling of inferiority relating to their status.

The feeling of being ‘left behind’ should be understood in the broadest possible terms, and is coupled with the growing distrust towards the mainstream media. For many of the participants we spoke to there was a real disconnect between what they read in newspapers, visited online and heard from the news and their lived realities; that many return to an idealised past in the GDR should not come as a complete surprise in this context. Over the course of this project, while the participants were expressing difficulties with low-wage work and making rent payments, the German national press was as likely to run front pages proclaiming the success of the German economy and that the country is the power-house of Europe. For example, on the 9th July 2017 more or less in the middle of this project, the Süddeutsche Zeitung ran an article ‘The World & Its Germany Problem’ which proclaimed that the Germany economy is so strong that it was causing problems worldwide:

“Yes, unemployment has halved, employment is higher than ever, the state has as much money as ever, and the Confederation has no new debt. Many companies do well, the export industry is setting one record after another. Germany is so well represented in the world that the colleagues of the internationally renowned magazine The Economist illustrated the current issue with a Bundesadler black on gold and the headline: “The German problem”. “[17]

For the participants we met in Cottbus and Frankfurt an der Oder, this kind of reporting seems very alien. It is not difficult, therefore, to see how the distrust seeps in. When citizens feel so far removed from a country’s own image of itself, it breeds distrust in the establishment that oversees it. How can it be the case that Germany is so successful when participants in Frankfurt an der Oder, for example, have to travel hours on the train every day to Potsdam find low paying work experience in retail, as one of our participants had to? This kind of fundamental disconnect between citizens and the establishment can only be fostered via stark inequalities of opportunity both for individuals and for regions, as we see clearly in the former East Germany.

 

Digital Echo Chambers

 

For anyone that has been paying attention to the questions relating to how social media can shape a person’s political preferences, the idea that an individual’s social media feed is an ‘echo chamber’ of their own opinions is nothing new. These echo chambers, formed by the collective voices of friends and acquaintances that typically share social and political positions, the repetition of content that aligns with their beliefs through the pages they follow and reinforced by algorithms that seek to target content based on pre-established interest and opinions mean that digital spaces typically reflect back one’s own opinions very strongly. This is to say that contacting someone ‘cold’ online, and especially someone from the opposite side of the political divide, is very contentious and is treated with extreme suspicion.

Perhaps the most common response to outreach from Social Science Work (save from being ignored altogether, by far the most popular response of all) was to ask ‘how did you find me’? Some responded with hostility, including blocking and swearing at Social Science Works’ team, and others opted to make aggressively sexual comments, probably with an aim to make me block them. Even for those willing to engage in real conversation, distrust was extremely high. One example of this is the woman that left me a two-minute voice message where she demanded to know where I had found her profile, what I wanted with her and why were we interested in her at all. Similarly, one participant objected to the location of the workshop because the hotel we met in was next to the local state administration, and he mistook the location as part of the state’s apparatus.

Part of the reason for this, as outlined above, is undoubtedly that digital echo chambers are mostly impenetrable and the intrusion of outside voices is unwelcome. However, given the opinions examined above, especially those relating to distrust of the ‘establishment’ this should only be understood as a partial answer. It seems likely, therefore, that part of the problem with reaching people online in this way is that is allows distrust to breed. At the workshops, the first item on the agenda was to make clear that Social Science Works is not part of the government, and everything participants shared would be treated with total anonymity which went a long way towards creating a more accepting and trusting environment.

 

Next Steps Towards Understanding Segregation Online in Brandenburg

This project has made clear that the problems of digital echo chambers persists among those likely to vote for populist parties in Brandenburg. Although there is much discussion surrounding the prevalence and problems of online echo chambers, there have been only a few attempts made to measure the phenomenon close up, still fewer in the German context. The work of Flaxman, Goel and Rao (2016), which relies on Groseclose and Milyo’s (2006) categories of media bias, represents a replicable model in the German context, however. In these studies, the degree to which an individual user or a Facebook page is ‘informationally segregated’ is measured.

In their work, Flaxman et al. examined 50,000 Facebook pages. The posted content on each page was ranked according to the publisher’s political leanings (for example, crudely, posts from the BBC, the New York Times and the Washington Post were ranked as left-leaning, while posts from Fox News, NBC and the Daily Mail were ranked as right-leaning). Using data made available from the Bing Toolbar, they accessed more than a billion individual data points. They conclude:

“We find that individuals generally read publications that are ideologically quite similar, and moreover, users that regularly read partisan articles are almost exclusively exposed to only one side of the political spectrum. In this sense, many— indeed nearly all—users exist in so-called echo chambers.” (Flaxman, Goel and Rao, 2016:317).

This method could be carried over to our research in Germany. As a first step, it would be necessary to develop an ideological categorisation of the major news outlets in Germany (Die Zeit, Bild etc.) as Groseclose and Milyo have for the US press[18]. From there, it would be useful to rank the content shared on some of the major Facebook pages that are used by those likely to vote for extremist parties. In order to measure the degree to which this differs from more mainstream pages, it would also be useful to measure the kinds of content shared on other citizens’ group pages.

Hence, an examination of 100 extremist pages and 100 mainstream pages would be a first step towards systematically understanding the degree to which information segregation, or digital echo chambers, exist in these formats in Germany. This project could also include an attempt to measure the effects of following certain types of Facebook pages by analysing the kinds of ‘suggested content’ Facebook sends to the Newsfeed for users following different pages. This would involve creating new ‘blank’ profiles specifically to follow certain Facebook pages to measure the political slant of the suggested content. It would offer an insight into the influence of these kinds of groups to the kinds of content that appears in an individual’s Newsfeed and provide a deeper understanding of the echo chamber effect[19].  This project would offer valuable insights for policy makers hoping to get a better understanding of the current digital landscape of citizens in Brandenburg and the scale of the problem.

 

Conclusion

Key throughout this project has been the need to get a complete understanding of both the kinds of online spaces occupied by those likely to vote for right wing populist parties, and the need to understand the problems and concerns they have that have led them to potentially vote for populist parties. It comes as no surprise that much of the problems initially appear to stem from the so-called ‘refugee crisis’, but is perhaps more interesting to focus on the details on display here. Very often what typifies this kind of content is demonstrably false misinformation and half facts which are deliberately misleading. The example mentioned above about the value of benefits available to refugees as compared to an unemployed German native is just one example for this.

It seems that media literacy, and especially social media literacy is lacking among this demographic. While the world, and the internet, has taken the concept of ‘fake news’ to heart, many among this group are extremely distrusting of the mainstream media, and I would argue in part this is because the reporting of the quality press directly contradicts the information they receive via their social feeds. The longer this goes on, the more it reinforces their echo chamber and the more that their distrust of the quality press and the establishment grows. This problem needs to be urgently addressed.

 

Notes

[1] See: http://socialscienceworks.org/2017/10/deliberation-against-populism-reconnecting-radicalizing-citizens-in-east-germany-elsewhere/ for a comprehensive overview of the project.

[2] https://www.statista.com/statistics/568790/forecast-of-facebook-user-numbers-in-germany/

[3] http://www.adweek.com/digital/germany-social-media/

[4] https://www.wahlergebnisse.brandenburg.de/wahlen/BU2017/ergebnis/karten/erststimmen/erst_bwkr_karte_html5.asp?sel1=2156&sel2=0658

[5] All of the content monitored for the purposes of this project was available to anyone with a Facebook account, no private content was included unless with was directly shared by the individual themselves with me and names have been omitted.

[6] Original German: “Pffft da passiert gar nichts. 1. die Wahl ist manipuliert, CDU, Grüne, FDP, Linke, wären alle aus dem Bundestag geflogen und AfD hätte allein regiert. 2. AfD wird nicht in der Regierung sitzen, nur in der Opposition, damit erreichen sie gar nichts! Alles wird durchgepeitscht werden, wie geplant und Deutschland zerstört, Schritt für Schritt!“

[7] https://l.facebook.com/l.php?u=https%3A%2F%2Fwww.welt.de%2Fpolitik%2Fdeutschland%2Farticle168986852%2FAeltere-Frauen-retten-Merkels-vierte-Kanzlerschaft.html&h=ATPl_K45tEjwHsTcyGlfckvBG6SvGAw8EXAqaM1YjBKUaUnWhIlNNBzkI8RyrJU0vhsauFzZIyFodCjlJL2uQD2pNHnAowPtnzY1WQ-978ugrVJZYhou0dCt_mONtFwbmHMyZ8ppbHHmBsDeLrd_hu4duA

[8] These standards were also applied in the formal reporting we completed for Tolerantes Brandenburg.

[9] The handle @einzelfallinfos was banned from appearing in German newsfeeds in 2015 following a decision by Twitter which ruled that it propagated hate. Its followers responded to the ruling by sharing similar content with the English-language hashtag #withheldingermany – a comment on freedom of expression.

[10] Original German: “Wenn zu dieser Zeit etwas” kostbarer als Gold “ist, dann die Erfahrungen des vergangenen Wahlkampfes. Wir haben ein neues Selbstvertrauen gewonnen! Und eine Ahnung von unserer eigenen Stärke! Gegen die Mainstream-Politik und Mainstream-Medien haben wir die Masseneinwanderung und ihre Konsequenzen als Thema Nr. 1 gesetzt und die Lüge von Merkels Popularität abgelehnt. Wir haben dies mit einer Wut und Gewalt erreicht, die seit 1989 nicht mehr gesehen wurde, aber immer friedlich. Wir protestierten gegen Merkel und die Eliten laut und mit offenem Visier. Immer wieder wurde Merkel bei öffentlichen Veranstaltungen von Bürgern gemessen. Wir haben angefangen zu empören. Und wir machen die Erfahrung, wie gut wir sind!”

[11] Original German: “Die AfD ist auf dem Weg zu einem sicheren dritten Platz. Die SPD könnte unter 20% landen und wäre damit nur 8% vor der AfD. Wir freuen uns auf den Wahlabend! “

[12] In the week between 22.5.17-29.5.17 the article relating to knife crime received 93 likes, 104 shares and 124 comments a total of 321 interactions (correct at time of writing). The other content from the same week averaged 67 interactions on page – nearly five times less.

[13] http://www.moz.de/artikel-ansicht/dg/0/1/1603437/

[14] Original German: “schon vor zweitausendfünfzehn kamen die Muslime und ihr habt nix dagegen getan, ab Zweitausendfünfzehn kommen tausende und ihr habt nix dagegen getan und nun im Sept. wählt ihr erneut Merkel, also was regt ihr Euch auf”

[15] Original German: “Nur ein sehr kleiner Prozentsatz der Flüchtlinge ist kriminell aber z.B. 2% von 1.000.000 sind eine ganze Menge. Hier ist das deutsche Rechtssystem überfordert. In den Ländern, wo die Flüchtlinge herkommen, gibt es härtere und vor allem schnellere Strafen. Wenn bei uns erst nach der 20. Straftat der Prozess kommt, wird das als Schwäche empfunden und es wird weiter gemacht(siehe Kriminalitätsstatistik). Hier muss sofort nachgesteuert werden… Das Kopftuchtragen usw. ist in der Öffentlichkeit zu verbieten. Moscheebauten sind einzustellen. Versuchen Sie in Saudi- Arabien eine Kirche zu bauen. Unser Land, unsere Werte unsere Regeln…wer sich nicht daran halten will, kann gern wieder gehen. Parallelgesellschaft, Großfamilien sind zu beseitigen. Gleiche Rechte z.B. bei Strafverfolgung und Steuererhebung für alle. Unterbindung des türkischen Einflusses in Deutschland.”

[16] The most up to date numbers available at the time of writing suggest that a single jobseeker in Germany receives 409€/monthly plus housing cost, and a single asylum seeker in Germany receives 392€/monthly plus housing costs.

[17] Original German: “Ja, die Arbeitslosigkeit hat sich halbiert, die Erwerbstätigkeit liegt so hoch wie nie, der Staat hat so viel Geld wie nie, der Bund kommt ohne neue Schulden aus. Viele Unternehmen verdienen gut, die Exportindustrie fährt einen Rekord nach dem anderen ein. Deutschland steht in der Welt so gut da, dass die Kollegen des international angesehenen Magazins The Economist das aktuelle Heft mit einem Bundesadler schwarz auf gold illustriert haben und der Schlagzeile: “The German problem”.

[18] See: A Measure of Media Bias, Tim Groseclose and Jeffrey Milyo, The Quarterly Journal of Economics, Vol. 120, No. 4 (Nov., 2005), pp. 1191-1237

Filter Bubbles, Echo Chambers, And Online News Consumption, Seth Flaxman, Sharad Goel, Justin M. Rao, Public Opinion Quarterly, Vol. 80, Special Issue, 2016, pp. 298–320

[19] This approach was based on the work from Data for Democracy, who trialled something similar using Pinterest, with amusing results. See: https://medium.com/data-for-democracy/crafting-projects-islam-and-russian-propaganda-ccba9a409fb5