Kurzfassung: Multiplikatorenschulungen für die deliberative Wertevermittlung



Projekt 2016


multi2Im diesen Pilotprojekt unterrichten wir den in der Integrationsarbeit tätigen Ehrenamtlichen und Sozialarbeitern die Methodik der Deliberation und besprechen gemeinsam die normativen Werte, die im Integrationszusammenhang wichtig sind. Dementsprechend bauen wir den Deliberationskurs auf Beispielen auf, um daran orientiert die Kernthemen der Integration wie Gleichberechtigung, Toleranz oder Freiheit zu besprechen. In diesem Kurs wollen wir die Unsicherheiten beseitigen, die von vielen europäischen Bürgern geteilt werden, wenn es darum geht, die Werte der Gesellschaft begründen und artikulieren zu können. Diese Ambiguitäten und Unsicherheiten bewirken oftmals unklare Eindrücke für Neuankömmlinge und behindern daher die Integration.

Wir organisieren zwei Reihen von acht Workshops, in denen wir mit insgesamt 30 Sozialarbeitern und ehrenamtlichen Bürger die Ideen, Perspektiven und Werte, die manche als konstitutiv für die europäische Kultur und Identität halten, diskutieren wollen. Die Themen werden unter anderem ethischer, kultureller und politischer Pluralismus sein, aber auch Humanismus, Freiheit, Toleranz, Religionsfreiheit, Gender, Geschlechtergleichheit, (Homo)-sexualität, sowie die gegenseitigen Ängste von Migranten und europäischen Bürgern. Darüber hinaus bringen wir die Teilnehmer auf den letzten Stand der Deliberationsforschung.

Eine Übersicht der Workshop-Inhalte finden Sie hier:  workshop-inhalte-multiplikatorenschulungen.

Der Ablaufplan finden Sie hier: ablaufplan-multiplikatorenschulungen

Wir werden die Workshops evaluieren, und auf Basis dieser Evaluierungen eine „best practice“ formulieren, diskutieren und kommunizieren.

multi 1Wir bauen auf den Leitlinien des Pluralismus und der Deliberation auf. Wir verfolgen einen dritten Weg zwischen kulturellem Relativismus und Ethnozentrismus. Rationale Diskussion über Werte, genauso wie plausible und begründete Rechtfertigungen von Werten und Perspektiven, ist möglich. Es gibt Werte wie Freiheit, Autonomie und Gleichberechtigung, die universell wahrgenommen, erkannt und anerkannt sind. Demokratie ist auch, oder vielleicht vor allem, ein Lernprozess, in dem Menschen in einer informierten Diskussion Werte, Ansichten, Ideen und Interessen besprechen und ihre Präferenzen entdecken. Durch offene und respektvolle Deliberation erklären wir nicht lediglich „europäische“ Werte, Perspektiven und Gesetze, sondern vermitteln diese als substanzvolles, begründetes Ideengeflecht. Dabei machen wir von der reichhaltigen empirischen Forschung zur Deliberation Gebrauch.

Was wir den Seminarteilnehmern vermitteln wollen, ist, wie man Geflüchteten als Bürger(innen) entgegentreten kann, die fähig sind, zusammen mit uns die Grundwerte unserer Gesellschaft zu überdenken. Geflüchtete sollten nicht einfach unterrichtet werden, was die Werte und Gesetze in Deutschland und anderen europäischen Staaten sind. Es ist respektvoller und gleichseitig bedeutungs- und wirkungsvoller, diese Werten und Gesetze inhaltlich zu diskutieren und zu rechtfertigen. Wir sehen unsere Aufgabe darin, unseren akademischen Hintergrund komplementär zu den bereits bestehenden Programmen in den Dienst der Integration zu stellen. Als Sozial- und Politikwissenschaftler liegt unsere Stärke darin, gemeinsam mit den Seminarteilnehmern und indirekt mit den Flüchtlingen ein Argument für eine gleichberechtigte, emanzipierte, freie Zivilgesellschaft zu konstruieren. Nur auf dieser respektvollen Weise kann man erwarten, dass die Neuangekommenen die Werte und Gesetze nicht nur kennen, sondern auch davon überzeugt sind und danach handeln.

 

Workshop Feedback 2016

Erfahrungsbericht: Mulitiplikatorenschulung für die deliberative Wertevermittlung bei Social Science Works im November/Dezember 2016

„Im November und Dezember habe ich an einer der Multiplikatorenschulungen bei Social Science Works teilgenommen und die dort besprochenen Themen und vor allem Herangehensweisen haben mich seitdem auch weiterhin in meinem privaten und beruflichen Tun beschäftigt. Ich arbeite momentan auf einer halben Stelle als Projektmanager bei der Deutschlandstiftung Integration, wo ich für die Koordinierung der Programme mit Geflüchteten-Bezug zuständig bin. Weiterhin bin ich freiberuflich als Lehrer für Deutsch als Fremdsprache tätig und engagiere mich ehrenamtlich bei der Initiative Start with a Friend, wo ich als Interkultureller Vermittler Tandems aus Geflüchteten und interessierten Berlinern vermittle. In all diesen Kontexten stehe ich durchgehend in Kontakt und Austausch mit Menschen aus anderen Ländern und verschiedenen kulturellen Hintergründen.

Die Schulung bei Social Science Work hat mich vor allem dazu animiert, meine eigenen Standpunkte und Grundanschauungen kritischer zu hinterfragen und ein präziseres Konzept für große und oft schwer greifbare Begriffe wie „Demokratie“, „Freiheit“ oder „Gleichheit“ zu entwickeln. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, wie kompliziert es auch für mich – der ich mich in diesen Fragen eigentlich bewandert fühlte – ist, solche Ideen konkret zu formulieren. Ich versuche seitdem, dieses Gefühl mitzunehmen in Gespräche, die sich um derartige Themen drehen: Ich gehe sehr viel offener mit meinen eigenen Schwierigkeiten in diesen Bereichen um und habe die Erfahrung gemacht, dass ein solches Eingeständnis der eigenen Zweifel und offenen Punkte oft eine viel ausgeglichenere und gleichberechtigtere Gesprächsatmosphäre schafft. Auch die Methodik durch bewusst weit und grundsätzlich gehaltene Fragen eine Debatte zu führen – anstatt mit eigenen Standpunkten vorzupreschen – habe ich versucht in meine Arbeit einzubinden. Ich denke, dass der deliberative Ansatz sehr interessante Möglichkeiten bereithält, um eigene blinde Flecken aufzuspüren. Die Erkenntnis dieser eigenen Lücken ermöglicht es dann (so zumindest bei mir) viel unvoreingenommener und ergebnisoffener in Diskussionen aufzutreten – eine Fähigkeit, deren Wert in den heutigen Zeiten wohl kaum zu überschätzen ist.“

Phil Reckermann 20. Februar 2017.

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„Zentraler Ausgangspunkt der Schulung war für mich das gemeinsame Begriffsverständnis von Demokratie und Freiheit. Bei der intensiven Diskussion wurde mir klar, dass diese so selbstverständlich gebrauchten Begriffe alles andere als eine Selbstverständlichkeit sind. Als hauptsächliche Vorgehensweise der Deliberation habe ich verstanden, dass Werte und Normen nicht in Form von Frontalunterricht oder Ähnlichem vorgetragen, sondern gemeinsam erarbeitet werden. Dazu ist es notwendig, ein gemeinsames Verständnis von Demokratie, Freiheit, Toleranz und Emanzipation zu entwickeln. Dies kann nicht durch normative Vorstellungen geschehen, da dies zu starke Fronten aufmacht und zu Gegenüberstellungen führt. Werte sind ein wichtiger Teil der Identität und aus diesem Grund auch ein sehr sensibles Thema und nur schwer änderbar.

Bei der Deliberation geht es darum, mithilfe von empirischen Fragen Gespräche zu initiieren, auf der Basis eines gemeinsamen Verständnisses von Demokratie und Freiheit und so dahin zu kommen, zu akzeptieren, dass jeder so leben sollte wie er/sie es möchte und es keine einfachen und richtigen Antworten auf komplexe Fragen geben kann. Bei der deliberativen Methode geht es darum, durch Fragen Diskussionen aufzubauen. Die Fragen müssen so gestellt sein, dass es keine richtige Antwort gibt und keine Antwort bereits impliziert wird, sondern alle Antworten ernst genommen werden und auf ihre Kompatibilität mit den vorher geklärten Konzepten Demokratie und Freiheit überprüft werden.

Besonders interessant war für mich die Vorgehensweise anhand von Fragen anstelle von Meinungsaustausch. In verschiedenen Gesprächen mit eher „ausländerkritischen“ Bekannten habe ich diese Vorgehensweise seitdem schon öfter mal ausprobiert und festgestellt, dass sie einerseits mich emotional weniger belastet und andererseits wirklich Denkprozesse anstößt. Bei einem Gespräch mit einer älteren Dame haben wir so über das Thema Ramadan gesprochen. Sie meinte, dass sie nicht nachvollziehen kann, wieso die Frauen sich den ganzen Tag in der Küche mit dem Thema Essen beschäftigen, aber erst abends „darüber herfallen dürfen“. Indem ich ihr nicht, wie ich es gerne getan hätte, die Absurdität ihrer Aussage vor Augen geführt habe, sondern sachlich und neutral nachgefragt habe, worin sie die Widersprüchlichkeit sieht, ist sie im weiteren Gespräch selbst dahin gekommen, dass das nur ihr Gefühl ist, dass sie nicht näher begründen kann. Ein solches Ergebnis fand ich schon einen Erfolg der deliberativen Methode, durch Fragen einen Denkprozess im Gegenüberanzustoßen und wollte sie darüber hinaus nicht weiter bloßstellen. Darüber hinaus habe ich die Methode bereits in verschiedenen Bewerbungsgesprächen angebracht und sie stieß immer wieder auf großes Interesse und Zustimmung. Gerne würde ich sie in Zukunft auch bei meiner Arbeit mit Jugendlichen anwenden und ihnen so das Gefühl geben, sie in ihren Interessen und Vorstellungen wirklich ernst zu nehmen. Jugendliche sind sehr empfindlich, wenn es darum geht, ob ihre Bedürfnisse, Ängste und Ideen ernstgenommen werden oder nicht und ich habe den Eindruck, dass die deliberative Methode eine gute Möglichkeit darstellt, um mit Jugendlichen jenseits von Wissensvermittlung ins Gespräch zu kommen.“

Karin Teuber 7. Februar 2017.

 

„Ich habe sehr gern an eurem Workshop für Multiplikatoren demokratischer Werte teilgenommen.

Als Lehrerin für Fremdsprachen an einer Oberschule komme ich oft in die Situation, vor allem im Kontext der Vermittlung interkultureller Kompetenz, mit Schülern verschiedener sozialer und ethnischer Herkunft über Werte zu diskutieren. Dabei fällt es mir oft schwer, als Lehrer in den Hintergrund zu treten und nicht die –  häufig von den Schülern sogar geforderte –  Rolle des Entscheiders über Richtig und Falsch zu übernehmen. Mit der Methode der Deliberation hoffe ich, diesem Problem in einem gewissen Maße entgegen zu wirken. Mir ist jedoch bereits gewusst geworden, dass dies sehr gute Vorbereitung und Konsequenz bei der Durchführung braucht und auch seine Grenzen hat, weil es im Schulkontext letztendlich immer auch um Bewertung geht und ich diese Rolle gar nicht gänzlich verlassen kann.

Auch im privaten Bereich finde ich die Methode sehr hilfreich.

Als Teilnehmerin von Start With A Friend komme ich mit meinem Tandempartner aus Syrien häufig ins Gespräch über die Unterschiede zwischen unseren Kulturen. Zwar ist mein Tandempartner deutscher Kultur gegenüber sehr offen, übernimmt Vieles jedoch scheinbar unkritisch (Beitritt zur katholischen Kirche) und aus Protest gegen das Regime der alten Religion, das ihm so viel Schmerz zugefügt hat.

Wie wichtig es ist, für die Diskussion strittiger Themen zunächst eine gemeinsame Grundlage zu schaffen, habe ich auch gemerkt, als in meinem Arabischkurs durch eine völlig unschuldige, interessierte Teilnehmerfrage („Stimmt es eigentlich, dass Musik im Islam verboten ist?“) bei unserem Lehrer aus Jordanien das Gefühl geweckt wurde, er müsse seine Religion/ Kultur verteidigen.

Der Workshop von Social Science Works hat mich bereits erkennen lassen, woran viele Gespräche über verschiedene Werte scheitern, und wird mir hoffentlich helfen, solche Gespräche in Zukunft so führen zu können, dass sich alle Gesprächsteilnehmer wohlfühlen und die Diskussion mit einem positiven Gefühl verlassen.“

Anne-Grit Pfau 16. Januar 2017.

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„Die Multiplikatorenschulung von Social Science Works, welche am 19.11., 3.12. und 17.12.2016 stattgefunden hat, hat mich von der ersten Sitzung an zum Nachdenken angeregt. Der Workshop begann mit einem Video über einen Integrationskurs in Norwegen, bei dem Werte „von oben herab“ an die Geflüchteten vermittelt wurden. Dieser Kurs war verpflichtend für die Geflüchteten und bei Nicht-Teilnahme drohten den Geflüchteten finanzielle Kürzungen. Das Ergebnis dieses Kurses zeigte sich in dem anschließenden Feedback der Teilnehmer. Diese haben zunächst einmal den Kurs „abgesessen“ um keine finanziellen Nachteile erleiden zu müssen. Auf der anderen Seite haben die Teilnehmer – soweit ich mich recht erinnere – sich persönlich beleidigt gefühlt, wie ein Mensch von niedrigerer Kultur behandelt zu werden, dem man etwas über gesellschaftliche Werte erzählen

muss. Dieses Gefühl der Bevormundung führte bei den geflüchteten Teilnehmern offensichtlich zu Reaktanz – einem Zustand, der es Menschen unmöglich macht sich für neue Ansichten oder unbequeme Tatsachen/Ideen zu öffnen. Ich habe mich oft gefragt wie man die Werte unserer Gesellschaft besser vermitteln kann. Kulturelle Werte zu vermitteln ist wichtig um Missverständnisse in sozialen Situation zu vermeiden. Die Art wie diese vermittelt werden können – ohne eine Kultur über die andere zu stellen – erfordert Diplomatie. Die Methode der Deliberation erscheint mir daher eine sehr effektive, diplomatische und auch sehr schlaue Art Menschen in Diskussionen zu einer bestimmten Meinung hinzuführen, die sie bestenfalls übernehmen und dabei nicht das Gefühl haben, dass ihnen eine Meinung aufgedrängt wurde. In meinem Studium der Sozialpsychologie habe ich gelernt, dass es wichtig ist, stets allen Parteien zuzuhören, auch wenn die Meinung des anderen für einen selbst unangenehm und möglicherweise verfassungswidrig ist.

„Denn nur wer den Feind versteht kann ihn verändern/besiegen“. Der Workhop zur deliberativen Wertevermittlung hat mir geholfen mein bereit vorhandenes Wissen zu psychologischen Manipulationsstrategien auf das Thema Werte in Deutschland (und in anderen Ländern) anwenden zu können.

Nach diesem Workshop habe ich viele Interessante Gespräche mit  meinem Tandempartner aus Syrien geführt. Wir haben uns darüber unterhalten, wie unterschiedliche Wertevorstellungen zwischen Deutschen und Syrern zu großen Missverständnissen führen können. Auch zwischen uns beiden haben wir anschließend einige Missverständnisse aus dem Weg geräumt. Außerdem hat mich die Multiplikatorenschulung und die anschließenden Gespräche mit meinem syrischen Tandempartner dazu inspiriert an meiner eigenen politischen Bildung zu arbeiten. Mir ist peinlichst bewusst geworden, dass mein syrischer Freund mehr über mein Geburtsland, dessen politisches System und wie man als Privatperson darauf Einfluss nehmen kann weiß als ich. Ich habe mich hierüber mit einer Freundin unterhalten, die im Bereich politische Bildung tätig ist. Sie überraschte mich mit ihrer Aussage, dass ich nicht zu einer Minderheit von politisch ungebildeten Menschen gehöre, sondern zur Mehrheit – die ebenso politisch ungebildet sei wie ich.

Vor diesem Hintergrund finde ich die Workshops von Social Science Works für Geflüchtete aber auch für Deutsche pädagogisch sehr wertvoll. Sie regen zum Nachdenken an und motivieren dazu sich politisch weiterzubilden und zu engagieren.“

Anonym, 31. Januar 2017.