Menschen ändern ihre Meinung selten. Je mehr sie sich gezwungen fühlen sich zu rechtfertigen, desto mehr fühlen sie sich in Frage gestellt, kritisiert oder respektlos behandelt. Dadurch verringert sich die Chance, dass sich diese Personen für andere Positionen und Meinungen öffnen. Dies ist sicherlich auch der Fall, wenn es um Werte geht: Werte – Ideen über das „gute Leben“ und „die gute Gesellschaft“ – haben entscheidende Auswirkungen auf die Definition der Identität eines Menschen und damit für seine Selbstachtung. Das offene und direkte Abfragen von Werten wird fast immer persönlich genommen und benötigt viel Feingefühl, Rücksicht und Erfahrung.

Seit 2016 organisieren wir in Brandenburg deliberativen Workshops mit vornehmlich Geflüchteten im Alter zwischen 17 und 28 Jahren[i]. In den Workshops diskutieren wir unter anderem über ethischen und politischen Pluralismus, Demokratie, die Zivilgesellschaft, Meinungs-, Versammlungs- und Religionsfreiheit, sowie persönliche Autonomie und Emanzipation, Respekt, Menschenrechte, Identität, Sozialisation, Männlichkeit und Weiblichkeit, Geschlechtergleichstellung, und über Homosexualität. Es werden also Werte und Perspektiven erörtert, die für die westliche Tradition und Kultur von grundlegender Bedeutung sind, und die manche Neuankömmlinge und Zugezogene gar nicht oder nicht vollständig teilen. Das ist zumindest der Eindruck vieler Deutscher, Europäer*Innen und Amerikaner*Innen.

 

Deliberation ist eine Form der politischen Kommunikation, bei der durch einen offenen und respektvollen Austausch von Ideen, Sichtweisen und Werten eigene Einstellungen und Präferenzen entdeckt, verstanden, in Zusammenhang gebracht und entwickelt werden. Bei der Deliberation geht es nicht darum, individuelle, unangefochtene und eindeutige Präferenzen in kollektive Entscheidungen und Gesetze zu übersetzen. Stattdessen zielt Deliberation auf die gemeinsame Reflektion und Entwicklung von „Willensabsichten“ in Bezug auf Themen des öffentlichen Interesses ab.

 

Unsere Ziele sind es Integration und Bürgerbeteiligung zu fördern sowie Populismus und Radikalisierung etwas entgegenzusetzen. Wir versuchen, neue Wege einer konstruktiven und nachhaltigen Bürgerbeteiligung zu entwickeln und neue Strategien zur Stärkung zivilgesellschaftlicher und politischer Kompetenzen zu fördern.

Die bisherigen Projekte wurden von den Integrationsbeauftragten des Landes Brandenburg (Ministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie), der Brandenburgischen Landeszentrale für Politische Bildung und dem Brandenburgischen Ministerium für Bildung, Jugend und Sport gefördert.

Die Teilnehmenden der 14 bisher durchgeführten Workshopreihen kamen aus den unterschiedlichsten Ländern wie z.B. Afghanistan, Iran, Irak, Syrien, Pakistan, Eritrea, Somalia, Ghana, Nigeria, Kenia, Kamerun, Tschetschenien und Deutschland. Wir haben versucht, gemischte Gruppen zusammenzustellen, an welchen auch Deutsche ohne Migrationshintergrund teilnehmen. In offenen pluralistischen Gesellschaften, in denen Menschen mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen und Hintergründen zusammenleben müssen und es oft auch wollen, sind Workshops ideal, deren Teilnehmerstruktur diese Vielfalt wiederspiegelt. Alle Anwesenden nahmen freiwillig an den Workshops teil. [ii] Die Mehrheit der geflüchteten Teilnehmenden ist erst vor ein bis zwei Jahren in Deutschland angekommen. Meistens sprachen wir Deutsch, gelegentlich Englisch und manchmal griffen wir auf die Hilfe eines Übersetzers zurück. Wir haben uns mehrmals tagsüber, abends, in den Ferien oder am Wochenende getroffen. Im Schnitt haben wir pro Workshopreihe rund 15 Stunden deliberiert. Die Teilnehmerzahl lag zwischen fünf und achtzehn Personen pro Workshop.

Neben den Workshopreihen mit Geflüchteten haben wir darüber hinaus zehn Workshop-Serien mit deutschen Bürger*Innen aus verschiedenen Teilen des Landes organisiert, die sich als Ehrenamtliche in der Flüchtlingshilfe engagieren und die Geflüchteten bei der Integration in die deutsche Gesellschaft unterstützen. [iii] Diese Workshops wurden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge unterstützt. Die Workshopgruppen hatten jeweils zwischen zehn bis achtzehn Teilnehmer*Innen, die überwiegend gut ausgebildete Frauen waren (in Deutschland engagieren sich größtenteils Frauen im zivilen Bereich). Wir trafen uns wie auch bei den Workshops mit Geflüchteten für insgesamt etwa 15 Stunden pro Workshopreihe und diskutierten die ähnliche Themen, sowie die Frage, wie wir diese Themen mit anderen Menschen diskutieren können. Die Motivation diese Workshops durchzuführen ist, dass viele deutsche Freiwillige und Hauptamtliche in der Flüchtlingsarbeit in ihrer Kommunikation mit Geflüchteten festgestellt haben, dass sie nicht über ausreichend Argumente und Methoden verfügten, um die oben aufgeführten Themen konstruktiv und sinnvoll zu diskutieren und übermitteln.

Wie die Welle der politischen Entfremdung und des Populismus in fast allen westlichen Demokratien zeigt, sind mehr als nur Gespräche mit den Neuzugezogenen erforderlich. Es ist an der Zeit, dass westliche Bürger*Innen selbst miteinander über die Werte, Ideale, Ideen und Perspektiven sprechen, die ihre Gesellschaften zusammenhalten sollen. In diesem Zusammenhang organisierten wir auch zwei Deliberations-Workshops mit deutschen zunehmend radikalisierten Bürger*Innen, die im Internet Sympathien für rechtspopulistische Standpunkte ausgedrückt hatten. Das Hauptziel dieses Projekts bestand darin, neue Wege zu finden mit Bürger*Innen in Kontakt zu treten, die sich politisch entfremdet oder nicht repräsentiert fühlen, und sie in den demokratischen Diskurs einzubeziehen. Wir haben insbesondere die Mechanismen in Bezug auf die sozialen Medien untersucht und versucht, den viel diskutierten „Filterbläschen“ oder „Echo-Kammern“ etwas entgegenzusetzen, in denen Menschen überwiegend Botschaften erhalten, die ihre bereits bestehenden Meinungen bekräftigen und stärken. Gemeinsam mit den Teilnehmenden wollten wir ihre Sicht auf die zeitgenössische Gesellschaft erforschen bzw. hinterfragen – welche Probleme, Herausforderungen, Chancen und Perspektiven sie sehen und wie diese ihrer Meinung nach zusammenhängen.[iv]

Bis jetzt haben die stattgefundenen Deliberationen unsere Überzeugung gestärkt, dass man mit Menschen aus allen Kulturen und Bereichen des Lebens über kritische Themen ernsthaft und durchdacht sprechen kann – vorausgesetzt, die Teilnehmenden fühlen sich ernst genommen und der soziale Kontext der Deliberation ist einladend und höflich. Obwohl wir uns in unseren Diskursen anspruchsvollen Themen gewidmet haben, waren unsere Workshopteilnehmenden sehr fähig, diese mit Eloquenz, Respekt, Sachlichkeit und oft tiefem Verständnis zu diskutieren. Manchmal waren wir anderer Auffassung bei bestimmten Themen, aber unsere Meinungsverschiedenheiten haben niemals den zukünftigen Dialog und das gegenseitige Interesse blockiert.

Wie haben wir die Workshops geplant und umgesetzt? Was haben wir gelernt? Im Folgenden Abschnitt konzentrieren wir uns auf unsere Workshops mit Geflüchteten. Wir beginnen mit einer Erklärung unserer akademischen Ausgangspunkte und Motivationen. Danach beschreiben wir unseren deliberativen Ansatz und veranschaulichen ihn, indem wir eine in den Workshops typische Debatte über Demokratie und Pluralismus schildern. Wir beenden diese Notizen mit einigen Bemerkungen darüber, was wir vernünftigerweise von 15 Stunden Deliberation zu Grundlagen wie Demokratie, Freiheit und Menschenrechten erwarten können.

 

1 Akademische Ausgangspunkte

Zu Beginn jeder Workshopreihe erklären wir den Teilnehmenden unsere Absichten, Ziele und generellen Annahmen. Natürlich sind gerade die Geflüchteten in unseren Workshops oft misstrauisch gegenüber und sogar verängstigt von denen, die sie mit Behörden in Deutschland assoziieren. Sie reden nicht gern mit Fremden über Politik und Werte. In der Regel kamen sie aus Ländern, in denen der Ausdruck und das Teilen politischer Ansichten Schwierigkeiten bedeuteten und zu Problemen führen kann. Demnach mussten wir zuallererst Vertrauen aufbauen, indem wir den Teilnehmer*Innen erklären wer wir sind, warum wir die Workshops durchführen, was unsere Annahmen und Ansätze sind und was wir durch unsere Arbeit erreichen wollen. Um in einen regen Austausch zu kommen müssen sich die Teilnehmenden sicher und wohlfühlen.

Warum organisieren wir also deliberative Workshops? Dies wollten unsere Teilnehmer*Innen meistens als Erstes wissen. Als Sozial- und Politikwissenschaftler interessieren wir uns für Demokratie, politische Partizipation, Zivilgesellschaft und vor allem dafür, neue Wege zu politischem und sozialem Engagement zu finden. Viele Debatten der westlichen Sozial- und Politikwissenschaft sowie Philosophie der letzten Jahrzehnte konzentrierten sich auf Konzepte wie Bürgerschaft, sozialer Zusammenhalt, Sozialkapital oder Deliberation. Anscheinend gibt es eine weitverbreitete Besorgnis über „nachlassende Demokratie“ (Skocpol 2003): also eine Besorgnis über Bürger*Innen, die sich immer weniger an sozialen und politischen Vereinigungen beteiligen, die immer weniger von sozialen, wirtschaftlichen und politischen Prozessen und Strukturen verstehen, und die für einfache Antworten auf komplizierte Probleme zunehmend empfänglicher werden, ohne diese zu Hinterfragen. Wir müssen dringend neue Wege finden, uns sinnvoll an gesellschaftlichen und politischen Aktivitäten zu beteiligen, und dadurch politische Kompetenz zu fördern (Dahl 1950, 1989, 2000; Lindblom 1990; Wolin 1960; Bay 1965; Fishkin 1995, 2009; Putnam 1993, 2000; Gutmann and Thompson 2004; Dryzek 2005; Blokland 2006, 2011). Deshalb organisieren wir deliberative Workshops nicht nur für Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund, sondern auch für Deutsche und andere Europäer*Innen. Wir denken nicht, dass Geflüchtete ein spezielles „Problem“ darstellen – zumindest nicht mehr als Einheimische. Stattdessen sind sie ein wichtiger Bestandteil einer Pluralistischen Gesellschaft, und sollten deswegen schon früh in einem deliberativen Austausch mit „unseren“ Werten und Ansichten konfrontiert werden.

Darüber hinaus haben wir besonderes Interesse an normativen oder philosophischen Fragen wie: „Was ist Freiheit? Wie weit darf Meinungsfreiheit gehen? Sollten Menschen die Freiheit haben, Organisationen aufzubauen, die auf den Abbau der Demokratie abzielen? Was ist Demokratie? Inwieweit sollte der Staat gegenüber verschiedenen Lebensmodellen neutral bleiben? Gibt es Werte oder Ideen, die von Allen auf der Welt geteilt werden (sollten)? Sind Menschen wirklich so unterschiedlich?“. Unserer Auffindung nach müssen Bürger*Innen in unseren Gesellschaften viel mehr über diese grundlegenden Themen reden. Zu lange haben wir Diskussionen über Grundlagen vermieden, weil wir befürchteten, dass diese niemals zu einem funktionierenden Konsens führen und nur Konflikte auslösen würden, die eskalieren könnten und die Gesellschaft spaltet. Die Vermeidung von Grundsatzdiskussionen war lange Zeit auch der Rat vieler Politikwissenschaftler (vgl. Blokland 2011: 40ff).

 

Dabei schafft gerade der Verzicht über grundlegende Fragen zu sprechen, Gesellschaften ohne Wissen und Verständnis für ihre eigenen Grundlagen und folglich Gesellschaften, die sich letztendlich nicht rechtfertigen und verteidigen können. Des Weiteren entwickeln sich durch diese Vermeidung politische Gesellschaften, ohne der Fähigkeit zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu differenzieren, und ohne entscheiden zu können, welche Richtung sie einschlagen wollen. Wenn man nicht über fundamentale Fragen spricht, entstehen Gesellschaften, die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen und Prozessen, welche nur von Wenigen verstanden werden, blind ausgeliefert sind; Gesellschaften, die verborgene und willkürliche Ressentiments hervorbringen; Gesellschaften, die auseinanderfallen, weil sie ihre Veränderung nicht verstehen und sich auseinanderleben. Offensichtlich muss in sich schnell verändernden politischen Gemeinschaften – etwa wegen der Migration einer großen Anzahl von Menschen oder aufgrund der durch die Globalisierung und technologischen Innovationen verursachten raschen wirtschaftlichen Veränderungen – diskutiert und präzise geschildert und erforscht werden, was Menschen zusammenhält. Veränderung kreiert oft Angst und Hilflosigkeit, wenn diese nicht verstanden wird. Diese Gefühle können durch Deliberation und den Diskurs vermieden, beschränkt und transformiert werden.  Außerdem glauben wir, dass die meisten Menschen in der Lage sind, über solche Themen ernsthaft und vernünftig nachzudenken, Übereinstimmungen zu erkennen und praktikable Kompromisse zu erzielen. Auch haben wir in unseren Workshops festgestellt, dass viele Menschen und insbesondere Jugendliche, mit denen wir gesprochen haben, ein Interesse daran haben, über diese Themen nachzudenken und darüber zu beratschlagen. Oft spielen sie gerne – bei geeignetem sozialem Umfeld – mit diesen „großen Ideen und Konzepten“. In diesem Kontext sind die konfrontativen, feindseligen Wahlkampagnen und Debatten, die in vielen westlichen Demokratien üblich geworden sind, aus der Perspektive demokratischer Deliberation kontraproduktiv: Sie verschließen die Köpfe der Bürger*Innen. Zudem sind sie gefährlich, weil sie die Säulen der Demokratie untergraben, wie z.B. die Bereitschaft und Fähigkeit zuzuhören, zu diskutieren, bewerten, Kompromisse einzugehen und andere Meinungen zu tolerieren.

Eine weitere Reihe von Annahmen, die wir den Teilnehmer*Innen explizit mitgeteilt haben, ist erstens unsere Überzeugung, dass wir etwas Wertvolles von fast jeder anderen Kultur lernen können. Wir denken, dass die zeitgenössische westliche Kultur entscheidende Defizite hat und, dass wir als Europäer*Innen oder Westler*Innen viel von anderen Kulturen lernen können. Zum Beispiel in Bezug auf Gemeinschaft, Gastfreundschaft, Solidarität oder „Genossenschaft“. Entscheidende Teile unserer westlichen Zivilisation scheitern und zerstören nicht nur die Umwelt, sondern auch die wichtigsten Bedingungen für das menschliche Wohlbefinden (Lane 2000). Es ist an der Zeit, den Verlauf der blinden Rationalisierung zu korrigieren (Blokland 2006). Andere Kulturen könnten uns hier inspirieren. Deshalb geben wir unser Bestes, unsere Beratungen nicht mit einer überlegenen, paternalistischen, eurozentrischen Perspektive zu beginnen. Eine arrogante, belehrenden Haltung – „lassen Sie uns Ihnen sagen, was Sie denken und wie Sie Ihr Leben organisieren sollten“ – ist bei unseren Workshops fehl am Platz.

Zweitens haben wir auch deutlich gemacht, dass wir weder kulturelle oder ethische Relativisten noch Postmodernisten sind. Nicht alles geht und kann geduldet werden. Zwischen dem absoluten Kulturrelativismus und dem absoluten Ethnozentrismus gibt es eine pluralistische Mitte, die wir als gemeinsame Grundlage respektieren müssen (Berlin 1997, Taylor 1992, vgl. Blokland 1997, 1999, 2011).[v] Wir glauben, dass es Werte gibt, die allgemein verstanden werden und generell anerkannt sind, und wir glauben, dass wir Werte und Kulturen rational diskutieren und kritisieren können. Werte kollidieren zwangsweigerlich miteinander und müssen verhandelt werden. Sie haben unterschiedliche Gewichtungen in unterschiedlichen Kontexten und werden daher in verschiedenen Kontexten unterschiedlich ausbalanciert. Dennoch sind Werte, ihre Reibungen oder Zusammenstöße und die Notwendigkeit, sie zu verhandeln, allgemein anerkannt. Wir gleichen Werte nicht zufällig, sondern auf durchdachte, mit Argumenten begründete Weise aus. Zusätzlich gibt es Ideen zu Demokratie, Pluralismus, Freiheit, Toleranz und Gender, – Ideen, die auch im deutschen, europäischen und internationalen Recht verankert sind – welche über eine gut durchdachte, plausible akademische Grundlage verfügen. Wir können diese Ideen erklären, begründen und verteidigen und zeigen, wie sie miteinander verbunden sind und sich gegenseitig unterstützen.

Kongruent zu Denker wie John Stuart Mill (1859) und Karl Mannheim (1940), Isaiah Berlin (1988), Jürgen Habermas (1981), Robert Dahl (1989) oder James Fishkin (1995) glauben wir, dass Ideen und Werte nur dann überleben, wenn sie im freien öffentlichen Raum diskutiert werden. Diese Ideen, Werte und die offene Diskussion über diese Werte sind von innen heraus zerfressen worden, von denen die glauben, dass Werte und die Art, wie wir sie ausbalancieren, nicht rational verteidigt werden können. Daher könnte ein unerwartetes, aber willkommenes Ergebnis eines offenen Austauschs mit Geflüchteten, die nach Europa kommen, ein besseres Verständnis unserer eigenen europäischen kulturellen Tradition und Identität sein. Die offene Diskussion mit Vertretern anderer Kulturen über grundlegende Werte wird unser Denken erweitern, unsere eigenen Kulturen relativieren und auch neu beleben. Es könnte uns helfen, die europäische Identität, die das Fundament einer Europäischen Union bilden sollte, zurückzuverfolgen und neu zu definieren.

 

2 Deliberativer Ansatz

2.1 Gemeinsam Argumente erarbeiten und Verständnis aufbauen

Typisch für unsere deliberativen Workshops und die darin ausgeübte Form der Kommunikation ist, dass wir nicht durch „Frontalunterricht“ „lehren“ oder „vortragen“, was richtig oder falsch ist. In vielen Bildungskontexten, sogar an Universitäten, ist es immer noch die Norm, dass eine Autorität vor einer Gruppe von Leuten einen langen Monolog hält und den Lernenden vorschreibt, was sie zu denken haben. Zahlreiche europäische „Integrationskurse“ finden genau nach diesem Schema statt und ihre Zahl scheint unter dem Einfluss von populistischen, fremdenfeindlichen Bewegungen zu steigen. Jedoch funktionieren diese frontal-ausgerichteten, belehrenden Methoden nicht wirklich, weil sie letztendlich häufig einseitig und respektlos sind und leicht als solches erkannt werden.[vi]

Wassim and Oktay in conversation. Image courtesy of Lotta magazine.

Statt traditionellen Frontalunterricht versuchen wir gemeinsam mit unseren Teilnehmenden ein gegenseitiges Verständnis von grundlegenden Werten und Konzepten zu erarbeiten. In Zusammenarbeit mit ihnen versuchen wir, ihre oft versteckten Annahmen, Erklärungen und Begründungen zu erforschen und zu durchdenken. Gemeinsam untersuchen wir, wie Ideen zu Konzepten wie Demokratie, Freiheit, Toleranz und Emanzipation zusammenhängen, sich gegenseitig stärken und letztlich auf unserem grundsätzlichen Verständnis beruhen, was es bedeutet ein Mensch zu sein und in einer fairen Gesellschaft zu leben. Gemeinsam versuchen wir Verständnis für ein komplexes Geflecht sich gegenseitig verstärkender Werte, Ideen und Perspektiven zu entwickeln.

Normalerweise beginnen wir die Workshops mit der Frage, was den Teilnehmenden generell zum Wort „Demokratie“ in den Sinn kommt. Wir könnten auch mit dem Konzept „Freiheit“ oder mit jedem anderen „im Wesentlichen umstrittenen Konzept“ unserer politischen und kulturellen Tradition beginnen. Charakteristischerweise sind diese Konzepte stark miteinander verknüpft und erhalten ihre Bedeutung in einem einigermaßen konsistenten und kohärenten Netzwerk verwandter Konzepte. Jede Diskussion eines bestimmten Konzepts führt irgendwann zur Notwendigkeit, auch die anderen Konzepte zu diskutieren (Blokland 1997: 6-7). Wie oben angedeutet, erhalten die Konzepte ihre Bedeutung oder Definition immer im Kontext einer sozialen und politischen Theorie, die letztlich auf Visionen von Mensch, Gesellschaft und Welt beruht. Da diese Visionen unweigerlich philosophisch inspiriert sind, sind deren Bedeutungen immer offen für Diskussionen. Dies bedeutet jedoch nicht, dass jede Bedeutung, die diesen Konzepten gegeben wird, gleichermaßen plausibel ist.

2.2 Mit abstrakten Werten und Perspektiven und Werten beginnen

Im Prozess der Deliberation hilft es, mit abstrakten Werten wie Demokratie und Freiheit zu beginnen und anschließend die daraus gemeinsam entwickelten Erkenntnisse langsam in konkrete Probleme zu übersetzen und auf konkrete Themenfelder und Probleme anzuwenden. Es ist oft kontraproduktiv unmittelbar mit spezifischen Konfliktthemen wie arrangierte Ehen, Verschleierung, – oder gar Homosexualität oder das Recht, sehr unpopuläre Meinungen zu vertreten und das Recht zu beleidigen –  zu beginnen: Menschen geraten dann in Streitereien über Symptome und nicht über deren Ursachen. Sie sind unmittelbar anderer Meinung, stehen im Widerspruch, können die Quellen ihrer Meinungsverschiedenheiten nicht nachvollziehen und hören auf zu kommunizieren, da sie sich missverstanden, verkannt, und respektlos behandelt fühlen.

2.3 Normative Ideen statt empirische Situationen diskutieren

Aus demselben Grund laden wir die Teilnehmer*Innen ein, über normative Ideen und nicht über empirische Situationen oder Sachverhalte zu diskutieren. Unmittelbar in die vermeintliche Realität Syriens, Iraks, Somalias, Brandenburgs oder Pennsylvanias zu gehen, lässt die Maßstäbe zur Bewertung der jeweiligen Situationen implizit und schafft nicht greifbare, unlösbare Unstimmigkeiten.

Oft übersetzen Menschen normative Fragen sofort in ihre eigenen persönlichen Erfahrungen. „Demokratie? Das haben wir in Nigeria, Afghanistan oder Syrien nicht; und in Brandenburg oder Pennsylvania eigentlich auch nicht. Es ist alles eine große Farce. Es ist eine Lüge“. Diskussion beendet.

Verständlicherweise sind die Teilnehmenden auch regelmäßig versucht, die Diskussion auf die Frage zu bringen wer „schuld“ hat. Auch diese Fragestellung ist selten produktiv: Menschen fühlen sich angegriffen und werden emotional, vieles bleibt implizit. Was Menschen gemeinsam haben und worüber sie sich einig sind, bleibt außer Sicht.

In unseren Workshops müssen wir oft erklären, dass es einen Unterschied zwischen empirischen und normativen Fragen gibt. Dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was ist und was sein soll. Und dass wir über Ideale reden wollen, wie zum Beispiel über das, was wir für ein gutes Leben halten und was eine gute Gesellschaft ausmacht, in der dieses Leben möglich ist. Wenn wir uns auf ein Zusammenleben einigen wollen, müssen wir zuallererst unsere normativen Ideale zum Leben und Zusammenleben explizit machen und versuchen, einen minimalen, durchführbaren Konsens darüber zu erreichen.

Es überrascht nicht, dass unsere Teilnehmer*Innen untereinander – sowohl Menschen mit und ohne Fluchterfahrung – und mit uns viele Ideen über das „gute Leben“ und die „ideale Gesellschaft“ teilen. Dies gemeinsam herauszufinden nimmt beiden Seiten schon viel Angst voreinander und vor der Deliberation.

2.4 Grundpfeiler festlegen

Darüber hinaus stellen wir bei der gemeinsamen Suche nach plausiblen Konzepten wie Demokratie, Freiheit, Identität, Emanzipation vor allem Fragen und lassen den Teilnehmenden genügend Raum, dies auch zu tun. Ihnen die Möglichkeit zu geben, den Gesprächsablauf zu beeinflussen ist erneut eine Frage des Respekts. Als Sozial- und Politikwissenschaftler*Innen sowie als ethische und politische Pluralisten haben wir einige Grundpfeiler oder „Leitplanken“, die wir in der Diskussion setzen wollen. Unsere Fragen sind nicht zufällig formuliert. Wenn nötig lenken wir die Diskussion in die Richtung dieser pluralistischen Grundpfeiler. Jedoch steht zur Diskussionen offen, wie das Haus zwischen den Grundpfeilern aussieht. Jeder Workshop ist anders, da die Teilnehmenden unterschiedlich sind und andere Situationen hervortreten.

2.5 Sprach- und kulturelle Barrieren überwinden

Die meisten unserer Teilnehmer*Innen kommen aus eigenem Interesse. Folglich sind sie wahrscheinlich überdurchschnittlich motiviert, über die durch uns vorgeschlagenen Themen zu sprechen. Aus diesem Grund können sie als potentielle „Multiplikator*Innen“ betrachtet werden; also als relativ einflussreiche Leute, die in ihren eigenen Gemeinden Deliberationen anstoßen und die Ideen verbreiten, die wir gemeinsam in den Workshops entwickelt haben. Trotz ihrer hohen Motivation sind sie jedoch keine ausgebildeten sozialen und politischen Theoretiker*Innen. In unseren Deliberationen müssen wir uns an ihre Fähigkeiten und Kenntnisse anpassen. Wir können normalerweise nicht in derselben Sprache wie in diesem Artikel reflektieren, sondern müssen uns stets anpassen an die vorhandenen Sprachkenntnisse, Wissen und an die verfügbaren Fähigkeiten um abstrakt argumentieren zu können. Das alles variiert von Person zu Person und in den verschiedenen Workshops. Abgesehen von der Hilfe eines Übersetzers, müssen wir ständig bereit sein, alternative Formulierungen, unterschiedliche aussagekräftige Beispiele und andere indirekte Wege zu verwenden, um Botschaften zu vermitteln und die Diskussion zu lenken. Zu diesem Zweck zeigen wir auch kurze Dokumentarfilme, Clips, Bilder, Zeichnungen und Cartoons. Darüber hinaus haben wir immer ein paar provozierende Zitate und Thesen vorbereitet, um die Konversation anzuregen oder in Gang zu halten.

2.6 Eine sichere und einladende Umgebung schaffen

Menschen mögen es nicht, wenn ihre Werte und somit ihre Identität in Frage gestellt werden. Jedes Umfeld, welches den Menschen das Gefühl gibt, angegriffen oder nicht respektiert zu werden, ist aus einer deliberativen Perspektive nicht nutzbringend. Auch deshalb investieren wir in ein freundliches Umfeld bei unseren Workshops, in dem sich die Teilnehmenden wohl fühlen können und zum Nachdenken eingeladen werden. Der Stil indem ein Workshop geführt wird ist entscheidend. Aber auch das Angebot von Essen und Trinken ist, wie die Griechen wussten, wichtig. Ebenso wichtig ist es, an einem Ort zu sein, der neutral ist, wie ein Gemeindezentrum oder eine Bibliothek. Wir bevorzugen ebenfalls mit Geflüchteten die Workshops außerhalb ihrer Erstaufnahmeeinrichtung oder Gemeinschaftsunterkunft durchzuführen, denn wir sprechen sie als Bürger*Innen an und nicht als „Geflüchtete mit einem Problem“.

Des Weiteren hatten die Geflüchteten oft schlechte Erfahrungen mit Politik und der Formulierung von Standpunkten zu Politik, Werten und Weltanschauungen. Die Teilnehmenden mit Fluchthintergrund schienen regelmäßig Angst zu haben, dass die Äußerung von Ansichten persönliche Konsequenzen auf ihre Position und ihren Status in ihrem neuen Heimatland haben könnte. Wir mussten also deutlich machen, dass wir keine Regierungsbehörde, sondern eine unabhängige zivile Organisation sind und keine Verbindung zu den Ausländerbehörden haben. Zwar sind wir bei unseren Projekten in der Regel auf staatliche Subventionen angewiesen, aber auf unsere Deliberationsrunden hat der Staat keinen Einfluss. Alles, was wir diskutieren, bleibt zwischen uns: Niemand wird durch uns über die Meinung einer oder eines Einzelnen informiert und wir garantieren jedem oder jeder Teilnehmer*In Anonymität.

In Bezug darauf zeigen wir Respekt, indem wir deutlich machen, dass wir keine Sozialarbeiter sind, die an persönlichen Problemen der Teilnehmenden arbeiten wollen, sondern soziale und politische Wissenschaftler*Innen und Philosoph*Innen. Wir thematisieren, was wir durch allgemeine Maßstäbe der vernünftigen Argumentation und der empirischen Rechtfertigung glaubhaft verteidigen können. Wir können verstehen, dass viele Geflüchtete schreckliche Erfahrungen gemacht haben, eventuell traumatisiert sind, und fühlen mit ihnen. Jedoch werden wir in unseren Workshops nicht darüber reden, wenn es nicht zum Thema passt. Wir definieren sie nicht als Menschen mit einem sozialen oder psychologischen Problem, sondern als Bürger*Innen, die in der Lage sind, vernünftig und auf Augenhöhe über grundlegende Themen zu deliberieren. Tatsächlich sind die meisten Geflüchteten erleichtert, so behandelt zu werden.[vii]

2.7 Direkte Vergleiche und Konfrontationen vermeiden

Unproduktive Spannungen und Reibungen versuchen wir zu vermeiden, indem wir keine Vergleiche wie den Folgenden anstellen: „Bei uns, in unserer überlegenen westlichen Welt, haben Frauen die gleichen Rechte wie Männer. Erzähl uns, wie ist die Situation in deinem Heimatland oder in deiner Kultur?“. Selbst wenn Menschen mit Teilen ihrer Heimatkultur nicht zufrieden sind, werden sie versucht sein, diese im Ausland zu verteidigen. Sie fühlen sich oft persönlich angegriffen. Anstatt über Frauenrechte in Afghanistan, Irak oder Eritrea zu sprechen, sprechen wir daher über die Entwicklung der Rechte von Frauen in einem Land wie Deutschland. Wann erhielten Frauen das Recht, eine Universität zu besuchen, das Wahlrecht, das Recht, ein Bankkonto zu eröffnen, ein Auto zu kaufen, oder das Recht, in einer Ehe Vergewaltigung anzuzeigen? Wir zeigen unseren Teilnehmer*Innen empirisch, wie Frauen in den Arbeitsmarkt eingetreten sind, wie Karrieren und spezifische Arbeitsplätze (im Prinzip) auch für Frauen verfügbar wurden und wie sich die Rollen von Männern und Frauen im Laufe der Jahre entwickelt haben. Anhand dieser Beispiele kommen dann oft von selbst Diskussionen zustande.

Bevor wir die spezifische Entwicklung der Rechte und Freiheiten von Frauen thematisierten, haben wir mit unseren Teilnehmenden Sozialisation und Identität diskutiert und versucht zu zeigen, wie Identitäten zu einem wesentlichen Teil das Produkt der Sozialisation sind, wie jeder ein Produkt seiner Familie, Nachbarschaft, Kultur, Tradition, Religion und Zeit ist. Wir haben zusammen erkundet, wie Identitäten sozial konstruiert sind, wie Menschen mehrere Identitäten gleichzeitig haben können (eine Mutter, eine Musikerin, eine Liebhaberin, eine Muslima, eine Sportlerin, eine Amerikanerin, etc.), wie Menschen mit ihrer Identität spielen und wie Identitäten sich stetig im Fluss entwickeln. Da wir uns zuerst mit den abstrakten Themen wie Identität auseinandergesetzt haben, konnten wir dieses Thema auch auf Frauenrechte beziehen.

Die allgemeine Beobachtung ist: Gesellschaften und Menschen verändern sich, Menschen überdenken Werte, Normen, Gewohnheiten und Erwartungen; auch wenn diese auf konkreten, scheinbar unerschütterlichen Interpretationen heiliger Bücher wie der Bibel beruhen und von Kirchen und anderen Traditionsträgern interpretiert und durchgesetzt werden.

Nichtsdestoweniger bedeutet die Tatsache, dass sich die Ideen und Gesetze in der westlichen Welt zu den Positionen von Männern und Frauen grundlegend geändert haben nicht, dass alle Veränderungen zu begrüßen sind. Zum Beispiel haben westliche Gesellschaften immer noch kein Gleichgewicht zwischen Karriere und Familie gefunden. Die Erwartung, dass Frauen Karriere und Familie haben geht nicht mit der entsprechenden Akzeptanz einher, dass Männer für die Familie ihre Karriere zurückstellen dürfen. Beide Seiten sehen sich daher mit unerreichbaren Standards und wenig politischer Unterstützung konfrontiert. Dies hat eine überlastete Gesellschaft geschaffen, in der das Familienleben erodiert ist und wo zum Teil immer weniger Menschen Kinder haben wollen. In diesem Bereich müssen westliche Gesellschaften lernen, sich anpassen und verändern.

 

3 Exkurs: Deliberation über Demokratie

Der vorherige Teil ist etwas theoretisch. Lassen Sie uns also ein Beispiel geben, wie sich eine Deliberation in der Praxis entfalten kann. Wir haben den folgenden Ablauf der Deliberation, der überwiegend wie eine Art „Roadmap“ oder Leitplan gelesen werden muss, nicht immer vollständig umgesetzt oder erreicht, kommen ihm jedoch oft sehr nahe.

Üblicherweise beginnen wir eine Deliberation indem wir, wie bereits erwähnt, die Teilnehmer*Innen nach der Bedeutung eines Konzepts wie „Freiheit“ oder „Demokratie“ fragen. Einige der Teilnehmenden antworten gewöhnlich, dass es bei Demokratie um Stimmabgabe und Wahlen geht. Nur um die Diskussion zu beginnen, verfolgen wir diese Antwort. „Wenn es um das Wählen geht, sollte die Mehrheit dann immer entscheiden?“, fragen wir. Die Antwort ist gewöhnlich: „Ja, das ist Demokratie. Die Leute sollten entscheiden!“. „Was aber, wenn die Mehrheit entscheidet, dass die Minderheit ihre Religion aufgeben soll? Oder, dass die Minderheit nicht mehr ihre eigene Sprache sprechen darf? Oder kein Wahlrecht mehr haben soll?“. Einige Teilnehmende sahen diese Schwierigkeiten kommen, da sie oft aus Ländern flohen, in denen Mehrheiten oder Diktatoren Minderheitenrechte nicht respektierten. „Nein, das ist keine Demokratie“, würden die meisten Teilnehmer*Innen erkennen. „Aber warum genau ist das der Fall?“, fragen wir, „Und gibt es noch andere Themen, über die Sie nicht mit Mehrheitsentscheidungen entscheiden wollen? Und warum genau  diese?“. Immer häufiger werden Themen von den Teilnehmenden, die sich zunehmend zu Deliberatoren entwickeln, ins Gespräch gebracht. Sie beginnen dann oft, über Verfassungen zu sprechen, über unveräußerliche Rechte, die ihnen nicht entzogen werden können. Häufig beginnen sie auch, über Freiheit, Respekt und Gleichheit zu sprechen. Einige Werte – wie beispielsweise Sprache, Kultur und Religion – sind für Menschen so wertvoll, dass sie niemals Mehrheitsentscheidungen darüber akzeptieren werden. „Demokratische“ Entscheidungen zu diesen Themen zu treffen, würde die Achtung vor dem „demokratischen“ Verfahren für kollektive Entscheidungen untergraben. Sie würden das Gefühl haben, in ihrem Menschsein nicht respektiert zu werden und in ihrer Freiheit und Identität eingeschränkt zu sein. Sie würden sich anders behandelt fühlen als andere Menschen, die zu den Mehrheiten gehören, deren Sprachen, Kulturen, Religionen oder Identitäten ihnen offensichtlich überlegen sind.

Workshop in Potsdam. Oktober 2016.

Zeit, die Diskussion zurück zu Wahlen zu bringen. „Geht es bei der Demokratie nur um Wahlen oder gehört mehr dazu? Wahlen von was?“, fragen wir. „Wir brauchen Alternativen, um abzustimmen“, erklärt jemand, „echte Alternativen. In unserem Heimatland entscheidet immer der Führer, aus welchen Alternativen wir wählen dürfen. Sie nennen es Demokratie, aber es ist nur Schein“. „Aber was genau sind echte Alternativen?“, haken wir nach, „Woher weiß man, welche Alternativen vorzuziehen sind? Und wie kommen Sie an bedeutsame Alternativen?“. „Wir brauchen eine offene Diskussion. Wir müssen darüber reden,“ antworten manche. Andere ergänzen: „Wir müssen auch in der Schule und voneinander lernen“. Ignoranz und Demokratie passen nicht gut zusammen. Und für diese offene Diskussion brauchen wir Freiheit, Rede- , Meinungs- und Pressefreiheit. „Dann bekommen wir auch Alternativen“, versichern einige Teilnehmende, „, weil die Leute unterschiedliche Ideen haben. Und wenn wir Menschen mit vergleichbaren Ideen erlauben sich zu vereinen, bilden sich daraus Organisationen wie politische Parteien, die Alternativen bei Wahlen anbieten können“.

Wir schlussfolgern also zusammen, dass es bei Demokratie nicht nur um Wahlen, sondern auch um Diskussionen geht, beziehungsweise um den offenen Austausch von Ideen und Visionen, für die wir Meinungs- und Vereinigungsfreiheit brauchen. Und wenn wir schließlich abstimmen, entscheiden wir nicht zu jedem möglichen Thema mit Mehrheiten. Menschen haben Rechte, die man ihnen nicht nehmen sollte und bei manchen Themen ist es besser, überhaupt nicht zu wählen, sondern die Menschen oder bestimmte Minderheiten für sich selbst entscheiden zu lassen.

Offensichtlich, argumentieren wir zusammen, brauchen wir Freiheit, damit Demokratie funktionieren kann. Gleichzeitig ist Demokratie keine Garantie für Freiheit: Demokratische Mehrheiten sind eine dauerhafte Bedrohung für die Freiheit von Minderheiten. Macht scheint das Problem zu sein, egal woher sie kommt. Manchmal zitieren wir auf einer PowerPoint-Folie den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson, der vor einem Jahrhundert sagte: „Die Freiheit kam nie von der Regierung. Freiheit ist immer von den Bürgern hergekommen. Die Geschichte der Freiheit ist eine Geschichte des Widerstands. Die Geschichte der Freiheit ist eine Geschichte der Beschränkung der Regierungsmacht, nicht ihrer Zunahme.“ (1912).

Also, eine Demokratie muss Macht kontrollieren und wir müssen sie zerstreuen. „Wie können wir das machen?“, fragen wir unsere Workshop-Mitglieder*Innen. Manche wiederholen: „Wir brauchen eine Verfassung, in der Rechte definiert werden, die keine demokratische Regierung außer Kraft setzen kann.“, und, „Wir brauchen auch eine andere unabhängige Autorität, die dafür sorgt, dass die Verfassung respektiert wird: ein unabhängiges Rechtssystem. Und wir brauchen ein Parlament, welches die Regierung unter Kontrolle hält! Und wir brauchen regelmäßige Wahlen, damit wir Regierungen, die ihre Macht missbrauchen oder die wir aus anderen Gründen nicht mögen, abwählen können. Und wir brauchen die Freiheit, die Regierung zu kritisieren. Wir brauchen eine freie Presse, und wir brauchen die Freiheit, uns gleichgesinnten politischen Parteien und anderen zivilen Organisationen anzuschließen, die die Regierung, andere staatliche Institutionen und sich gegeneinander im Auge behalten.

Die Teilnehmenden werden jetzt oft übermotiviert, wenn sie daran denken, die Regierung zu entmachten. Es entsteht das Bild einer demokratischen Gesellschaft, in der jeder seine Meinung äußert, die Meinung Anderer diskutiert, wo jede Macht von anderen Mächten eingeschränkt wird und am Ende niemand etwas fertigbringen kann. Wir werfen noch eine andere These ein: „Eine Vielzahl politischer Parteien, zivilgesellschaftlicher Organisationen und der Presse schafft überwiegend Verwirrung und Unordnung, schwächt die Nation und macht es unmöglich, richtige und klare Entscheidungen zu treffen“.

Viele Teilnehmer*innen – Einheimische und Migrant*Innen – haben dieses Argument schon einmal gehört. Aber was kann man dem effektiv entgegensetzen? Wir müssen die Diskussion auf eine noch anspruchsvollere Ebene bringen. Zunächst müssen wir uns fragen, warum wir es erlauben, diese Kakophonie oder Pluralität konkurrierender Ideen, Werte, Perspektiven, Interessen, Akteure und Kräfte entwickeln zu lassen. Chaos scheint das Resultat zu sein. Es ist an der Zeit, über Pluralismus und Monismus zu sprechen, ein philosophisches Thema, über das viele unserer Teilnehmer*Innen sehr gerne sprechen, obwohl es sie auch häufig verwirrt. Es ist ein Thema, das in vielen anderen Diskussionen wiederkehrt: Freiheit, Toleranz, Zivilgesellschaft.

Wir beginnen wieder mit einer provozierenden These: „Jede Frage hat nur eine richtige Antwort und alle richtigen Antworten können in einem kohärenten, konsistenten System geordnet werden. Manche Leute, zum Beispiel Philosophen, haben mehr Wissen über alle richtigen Antworten. Diese Leute sollten regieren.“

Die meisten Teilnehmer*innen müssen daran kauen und erst einmal nachdenken. Viele, Westler*Innen und Nicht-Westler*Innen gleichermaßen, haben eine starke Versuchung, der ersten These zuzustimmen. Wir fragen sie dann: „Was ist die Notwendigkeit einer Diskussion oder einer Abstimmung oder überhaupt einer Demokratie, wenn alle Fragen nur eine richtige Antwort haben?“. Gutes Argument. Für welche Fragen haben wir Antworten, die allgemeingültig oder plausibel sind; Antworten, über die wir nicht abstimmen müssen?

Wenn wir den Eindruck haben, dass die Workshopgruppe damit umgehen kann, diskutieren wir den Unterschied zwischen wissenschaftlichen und philosophischen Fragen. Selbst für Doktoranden ist dies oft ein schwieriges Thema. Wir erklären, dass es in der Wissenschaft um empirische Beobachtung und logisches Denken geht. Bei philosophischen Fragen wissen wir nicht oder sind uns (noch) nicht einig, wie wir sie beantworten sollen. „Wo ist mein Mantel?“, ist eine wissenschaftliche Frage. Wir können zu einer allgemein akzeptierten Antwort durch Beobachtung („Schau, er hängt dort an der Wand!“), oder über Logik kommen („Ich kann ihn hier nicht finden, aber ich habe das Haus in einem Mantel verlassen. Also muss ich den Mantel in der S-Bahn gelassen haben“). Aber wie beantwortet man Fragen wie: „Was bedeutet Freiheit oder Demokratie? Ist Freiheit wichtiger als Gleichheit? Wie sollen wir unser Nationaleinkommen verteilen? Was ist ein gutes Leben? Was ist eine gute Gesellschaft? Gibt es eine Realität neben oder über der Realität, die wir wahrnehmen? Gibt es ein Leben nach dem Tod?“. Einige Leute glauben, dass sie hier endgültige Antworten kennen, aber die einfache Tatsache, dass sie nicht alle Anderen von ihrer Wahrheit überzeugen können, wirft die Fragen auf.

Wir kehren zu der als Letztes genannten These zurück und führen den Unterschied zwischen Monisten und Pluralisten ein. Die Monisten denken, dass alle Fragen – auch ethische Fragen über richtig und falsch oder Fragen zur Schönheit – nur eine richtige Antwort haben und, dass alle diese Antworten in einem konsistenten, kohärenten und reibungslosen System organisiert werden können. Oft glauben sie auch, dass manche Menschen mehr über die „richtigen“ Antworten wissen. Diesen Menschen könnten wir dann die Regierung überlassen.

Wir betonen, dass Monisten überall auf der Welt zu jeder Zeit gefunden werden können. Die Geschichte des Denkens im Westen ist eine Geschichte des Kampfes zwischen Monisten und Pluralisten – und erst vor kurzem haben die Pluralisten die Oberhand gewonnen. Monisten finden sich jedoch immer noch überall und oft an unerwarteten Orten.

Pluralisten denken, dass es für ethische Fragen oft mehrere plausible Antworten gibt. Sie denken, dass es viele verschiedene Werte gibt, von denen jeder beachtet werden sollte , aber dass diese Werte oft miteinander kollidieren. Wenn das passiert, müssen Kompromisse gemacht werden, Werte müssen verhandelt werden. Wir können nicht alles haben. Und das ist eine tragische Wahrheit, typisch für den menschlichen Zustand.

Wir fragen die Teilnehmer*Innen, ob sie sich Beispiele für Werte vorstellen können, die kollidieren und verhandelt werden müssen. Wir schlagen als Beispiele Freiheit und Gleichheit vor: Die Freiheit der Wölfe ist der Tod der Schafe. Unbegrenzte Freiheit führt zur Ungleichheit und damit zur Verringerung der Freiheit derer, die unten auf der Leiter der Gesellschaft stehen. Der Versuch, eine gerechtere Gesellschaft zu erreichen, verringert die Freiheit der Gewinner. Ein anderes Beispiel: Der Wunsch nach einem abenteuerlichen Leben mit immer neuen Erfahrungen steht im Widerspruch zu dem Wunsch nach Sicherheit, Kontinuität und Gelassenheit.

Wir kommen zurück zur Demokratie: Viele Fragen in einer Demokratie sind philosophischer Natur. „Gibt es Experten“, fragen wir, „zu der Frage, wie viel Geld für Bildung, Verteidigung, den Bau von Straßen und Brücken, Kunst und Kultur ausgegeben werden sollte? Gibt es Experten mit ultimativen, universellen Antworten auf die Frage, ob wir uns als Gesellschaft, als demokratische Gemeinschaft, auf wirtschaftliches Wachstum konzentrieren sollten oder auf Glück setzen sollten?  Was ist Glück und wie können Regierungen dazu beitragen?“. Alle denken darüber nach. Jede Frage, die eine Gesellschaft beantworten muss – auch jene, die rein technisch oder wissenschaftlich scheinen – haben eine philosophische oder politische Komponente. Welche Entscheidungen in Bezug auf die Kernenergie dürfen nicht Experten überlassen werden? Ist die Frage, wie viele Krankenhäuser in einem Land gebaut werden sollten, rein technischer oder wissenschaftlicher Natur?

Demokratie existiert anscheinend, weil wir keine rein wissenschaftlichen, objektiven Antworten auf viele Fragen haben, die wir in jeder Gesellschaft beantworten müssen. Wir akzeptieren nicht, dass bestimmte Menschen ein größeres Mitspracherecht haben, Antworten auf diese Fragen zu geben. Wir akzeptieren keine selbsternannten Autoritäten. Wir fordern, dass jede Person ein gleiches Mitspracherecht, eine gleichwertige Stimme hat. Aus dem gleichen Grund schätzen wir die Freiheit, ein weiteres Thema, auf das wir ausführlich eingehen: Es gibt keine endgültigen, universellen und ewigen Antworten auf die Frage, wie man sein Leben leben soll. Jeder Mensch muss und kann Entschlüsse für sich treffen. Deshalb ist es eine Frage des Respekts Menschen Raum zu lassen, ihre eigenen Entscheidungen treffen zu können.

Die Leute werden müde. Zeit für‘s Mittagessen! Dabei haben die Teilnehmenden Zeit, das besprochene etwas zu überdenken und sacken zu lassen. Danach machen wir weiter, besprechen aufgekommene Fragen, oder eröffnen ein neues Thema.

 

4 Welche Effekte sind zu erwarten?

Die vorherigen Abschnitte beschrieben die Art und Weise, wie wir gemeinsam mit unseren Teilnehmer*Innen erkunden wie Werte und Konzepte zusammenhängen und ein miteinander verwobenes, sich gegenseitig verstärkendes, bis zu einem gewissen Grad konsistentes und kohärentes Muster von Werten, Normen, Ideen und Konzepten bilden. Allein durch die Fragen, ob es in einer Demokratie um Wahlen oder Diskussionen geht und ob Mehrheiten über alle Themen entscheiden sollten, haben wir Diskussionen über Minderheiten-, Verfassungs- und Menschenrechte, Diskussionen über Freiheit, Autonomie, Gleichheit, Pluralismus und Monismus, Relativismus und Absolutismus, sowie über Toleranz, Zerstreuung der Macht, politische Parteien, die Zivilgesellschaft usw. ausgelöst. Darüber hinaus versuchten wir zu demonstrieren, wie dies alles zusammenhängt. So führt ein Thema zum anderen, und viele Ideen stehen in gegenseitiger Beziehung.

Dennoch hat die Forschung immer wieder gezeigt, dass Menschen eine bemerkenswerte Fähigkeit haben, widersprüchlich zu sein und zu bleiben (Lane 1972). Menschen haben auch eine große Fähigkeit, Fakten zu ignorieren, die ihren Standpunkten widersprechen. Obwohl Akademiker*Innen, Politiker*Innen, Journalist*Innen und andere Meinungsmacher*Innen dieser Gewohnheit gleichermaßen folgen, sind sie regelmäßig erstaunt über das widersprüchliche und unzusammenhängende Denken von Menschen, die nicht täglich mit Ideen arbeiten. Den Leuten zu erklären, dass sie inkonsequent sind veranlasst sie selten dazu ihre fehlerhafte Argumentation zuzugeben und zu überdenken. Oft wird diese Erklärung und Aufklärung als Beleidigung ihrer Intelligenz empfunden. Folglich müssen ihre Intelligenz und ihre Selbstachtung auf Kosten der Konsistenz oder Plausibilität geschützt werden. Daher ist es im Rahmen von Deliberationen kaum produktiv, sich in Widersprüchen und Tatsachenverweigerungen zu wälzen. Es ist besser zu veranschaulichen, wie Kohärenz aussieht, und damit Zweifel zu säen, die später in einem anderen Zusammenhang wirksam werden könnten.

Workshop in Teltow. Juli 2017. Einige Teilnehmer mit Zeugnis.

Selbst wenn Menschen ihre Meinung ändern, werden sie dies nicht ohne weiteres zugeben. Daher ist es sehr schwierig herauszufinden, in welchem ​​Ausmaß Teilnehmende der deliberativen Workshops zu anderen Positionen gekommen sind. Wir versuchen nicht, dies zu beantworten, indem wir zum Beispiel die Teilnehmer*Innen am Ende unserer Besprechungen offen fragen, wie sehr sie sich verändert haben. Sie wissen es häufig nicht, sie wollen es nicht erzählen, und Veränderungen können viel später, still im Hintergrund auftreten. Trotzdem bitten wir unsere Teilnehmer, ein Feedback-Formular mit geschlossenen und offenen Fragen auszufüllen, bei denen wir indirekt nachfragen, wie sie die Workshops erlebt haben. Über die Ergebnisse berichten wir in einem separaten Aufsatz.

Was können Sie von insgesamt 15 Stunden Deliberation erwarten? Vor allem wollen wir zeigen und erleben, dass es möglich, nützlich, aufschlussreich und sogar unterhaltsam ist, mit anderen Bürger*Innen grundlegende Werte, Ideen und Perspektiven zu diskutieren, über die in unseren Gesellschaften zu oft nicht gesprochen wird. Es ist eine allgemeine Erfahrung in den Bereichen Bürgerschaft, Deliberation, Reflexion, sowie in sozialer und politischer Beteiligung, die hoffentlich den Boden für viele weitere deliberative Austausche bereiten wird.

Ziel unserer deliberativen Workshops ist es daher nicht nur grundlegende Ideen und Werte zu vermitteln, die für eine Integration in die europäische Kultur von zentraler Bedeutung sind, sondern ein gesellschaftliches Umfeld zu schaffen, in dem Menschen frei und konstruktiv über diese Ideen und Werte diskutieren können. Wir bieten eine Erfahrung und Bildung in der Kommunikation von oft sehr sensiblen Themen: Themen, die zu Missverständnissen, Reibereien, Konflikten und Radikalisierungen führen können. Die Workshops zielen darauf ab, Menschen – Migrant*Innen wie Einheimischen – , zu helfen, respektvoll Ideen, Werte, Orientierungen und Gewohnheiten, die oft implizit bleiben und sich zu unproduktiven, zerstörerischen Konflikten entwickeln, respektvoll auszudrücken und zu diskutieren. Wir versuchen, Reibungen aufzulösen und verständlich zu machen, bevor sie zu unbeherrschbaren Kämpfen werden.

Wir können nicht sicher sein, dass alle Teilnehmenden alles verstanden haben, was während unserer Deliberation thematisiert wurde. Aber auch wenn nicht alles vollständig verstanden wurde, ist die Erfahrung essenziell, dass es möglich ist über solche Themen zu sprechen. Dafür sind die Diskussionen über Homosexualität ein extremes Beispiel: In vielen Kulturen spricht niemand über das Thema, welches ein Tabu darstellt.[viii] Einige Teilnehmer*Innen haben vielleicht zum ersten Mal öffentlich darüber gesprochen. Zwar haben wir ihre Meinung vielleicht nicht ganz verändert, doch haben wir bewiesen, dass man eine konsistente und kohärente Diskussion darüber führen kann. Der Rest folgt hoffentlich später.

Vielleicht entgegen der eigenen Intuition, haben wir festgestellt, dass die Teilnehmenden ohne Migrationshintergrund im Gegensatz zu ihren Kollegen mit Migrationshintergrund in unseren Workshops nicht immer ausgefeiltere und durchdachtere Antworten auf viele unserer Fragen hatten. Oft waren sie auch selbst davon erstaunt. Eine wichtige Motivation unserer Freiwilligen ohne Migrationshintergrund zur Teilnahme an den Workshops war gerade, dass sie regelmäßig in ihren Begegnungen mit Geflüchteten erfahren haben, dass ihnen Antworten und Argumente fehlten, wenn Geflüchtete sie nach Demokratie, Freiheit, Toleranz, (Geschlechter-) Gleichheit, und Homosexualität fragten. Dies ist für viele andere Bürger*Innen nicht anders.

Was wir letztendlich erreichen und anstreben können ist, einige Zweifel zu säen, einige Risse zu schaffen und Fenster zum Nachdenken zu öffnen. Indem wir auf Demokratie, ethischen und politischen Pluralismus, Freiheit, Toleranz oder Identität eingehen zeigen wir, dass es nicht viel gibt, worüber wir wirklich sicher und daher dogmatisch sein können. Werte kollidieren und müssen verhandelt werden. Werte haben unter verschiedenen Umständen unterschiedliche Gewichtung und Präsenz. Folglich ist das Abwägen und Verhandeln von Werten ein kontinuierliches Bestreben. Wir wollen und brauchen Freiheit, weil es keine ewigen, universellen Wahrheiten darüber gibt, wie wir unser Leben leben sollen. Grundsätzlich wollen und brauchen wir Demokratie aus dem gleichen Grund: Wir brauchen ein Verfahren Kompromisse und Vereinbarungen zu erreichen, weil Menschen unterschiedliche und regelmäßig widersprüchliche Ideen, Interessen und Werte haben und weil es keine alleswissenden Philosophenkönige oder sonstige Diktatoren gibt. Identitäten sind zu einem wesentlichen Teil Produkt zufälliger Zeiten und Orte: Sie sind flexibel und verändern sich stets. Autonomie bedeutet, dass man versteht, welche Faktoren die eigene Identität geformt haben.

Folglich ist vieles dynamisch, instabil und im Prozess der Veränderung. Das jedoch bedeutet nicht, dass alles erlaubt ist. Im Gegenteil! Es besteht die ständige Notwendigkeit, immer und immer wieder darüber zu reden und zu argumentieren, und das können wir auf konstruktive, ergiebige Weise tun.

Diese Bereitschaft zu reflektieren, zu überdenken und zu deliberieren, fanden wir unter den meisten der Teilnehmer*Innen unserer Workshops, egal welchen Hintergrund sie hatten. Sicherlich suchen insbesondere junge Menschen immer nach Antworten; haben Menschen die vor Kriegen und Extremismus geflohen sind viel zu überdenken, und suchen Menschen, die sich in neue und andere Kulturen einfügen, nach etwas, an dem sie festhalten können. Als Gesellschaft müssen wir in diese Menschen investieren und sie fördern, genauso wie wir unsere einheimischen Bürger unterstützen müssen, die vergessen haben, sich dieselben Fragen zu stellen, die wir den Geflüchteten stellen.

* Meinen herzlichen Dank an Sarah Coughlan, Nils Wadt, Jesse Kalata, Johannes Kuhnert, Paul Boersting und Florentin Münstermann für ihre Kommentare zu früheren Versionen dieses Artikels. Paul danke ich für die Übersetzung. Vielen Dank auch an die vielen Teilnehmenden unserer Workshops, die ihre Gedanken mit uns geteilt haben. Selbstverständlich ist nur der Autor für den Inhalt dieses Artikels verantwortlich.

 

Fußnoten

[i] Eine Beschreibung des Projektes finden Sie hier: http://socialscienceworks.org/de/kurzfassung-maennlichen-fluechtlingen-die-ankunft-in-deutschland-erleichtern/

[ii] Über die, oft anspruchsvollen, Rekrutierung der Teilnehmer werden wir einen separaten Artikel veröffentlichen.

[iii] Eine Beschreibung des Projektes finden Sie hier: http://socialscienceworks.org/de/kurzfassung-multiplikatorenschulungen-fuer-die-deliberative-wertevermittlung/

[iv] Übersichten finden Sie hier: Blokland, Hans. 2017. Deliberation against Populism: Reconnecting Radicalizing citizens in Germany and Elsewhere. http://bit.ly/2E330IQ; Blokland, Hans und Florentin Münstermann. 2018. Deliberation gegen Populismus: Ein Modellprojekt.

[v] Vgl. Blokland, Hans. 2016. How to debate values in a diverse Europe. http://bit.ly/2E5r21F.

[vi] Als Beispiel finden können Sie sich ein Video der britischen Zeitung “The Guardian” über ein Integrationsprojekt in Norwegen ansehen. Jede oder Jeder Migrant*In muss an Kursen zu Frauenrechten und Respekt gegenüber Frauen teilnehmen. Die Kurse wurden nach einer Reihe an sexuellen Übergriffen in Stavanger verpflichtend gemacht. Jenny Kleeman trifft die Student*Innen und fragt, ob „westliche Werte“ im Klassenzimmer unterrichtet werden können: http://ow.ly/iuLF306AlYP

[vii] Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie hier: Blokland, Hans. 2017. “Taking people seriously: a new approach for countering populism and furthering integration.” http://bit.ly/2nDJKHN

[viii] In der Umfrage, die wir Teilnehmende am Anfang des Workshops bitten auszufüllen, erfragen wir die Reaktion zur folgenden These: “Homosexualität ist eine Krankheit und kann behandelt werden“. Auf einer Skala von eins (Ich stimme überhaupt nicht zu) bis fünf (Ich stimme vollkommen zu) erzielten geflüchtete Teilnehmende einen Durchschnitt von drei und Deutsche von eins. Auf die offene Frage in der Umfrage, ob es irgendwelche Themen gegeben hätte, über welche die Teilnehmenden sich nicht wohl gefühlt haben zu reden, nannten 20% der Teilnehmenden das Thema „Homosexualität“. Wir werden in einem seperaten Beitrag darüber näher berichten.

 

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