Könnte Radikalisierung verhindert oder umgekehrt werden, indem diejenigen, die scheinbar diesen Weg eingeschlagen haben, mit anderen (noch) nicht radikalisierten Bürgern zusammengebracht werden, um grundlegende Themen wie Demokratie, Pluralismus, Freiheit, Autonomie, Respekt und Gleichberechtigung zu diskutieren? Die Forschung zu Deliberation und Radikalisierung lässt vermuten, dass dies tatsächlich das vielversprechendste verfügbare Instrument ist.

 

Deliberation

Deliberation kann als Entscheidungsprozess, als Instrument der politischen Bildung, oder beides verstanden werden (Dahl 1950, 1970, 1989; Fishkin 1995, 2009; Lindblom 1990, Elster 1998; Bohman und Rehg 1997; Gutmann und Thomson 2004; Dryzek 2005; Kahane & Weinstock, 2010; Nabatchi & Gastil 2012; Steiner 2012, Blokland 2011, 2016, 2018; Blokland & Münstermann 2018). Bei diesem Projekt geht es um die zweite Form der Deliberation, die darauf abzielt, staatsbürgerliche oder politische Kompetenzen zu stärken. Wir betrachten Deliberation als eine Kommunikation, in der durch einen offenen und respektvollen Austausch von Ideen und Ansichten, Werte und Präferenzen entdeckt, verstanden, kontextualisiert und entwickelt werden. Bei Deliberation geht es um die gegenseitige Reflexion und Entwicklung von “Willensanstrengungen” in der öffentlichen Sache. Gleichzeitig stärkt Deliberation die Vorstellungen und Emotionen der politischen Gemeinschaft, des Anstands und der Bürgerschaft, die Demokratien brauchen, um zu gedeihen.

In den letzten Jahren hat Social Science Works eine Vielzahl von Workshops mit deutschen Bürgern und Flüchtlingen veranstaltet. In diesen Workshops diskutieren wir grundlegende Prinzipien wie: ethischen und politischen Pluralismus; Demokratie; Bürgergesellschaft; Freiheit (der Meinungsäußerung, der Vereinigung und der Religion); persönliche Autonomie; Toleranz; Menschenrechte; Identität; Diskriminierung und Rassismus; Geschlechtergleichheit; Homosexualität; und andere (eine Übersicht dieser Projekte finden Sie hier: http://socialscienceworks.org/ourprojects/). Wir versuchen gemeinsam mit den Teilnehmern die zentralen Werte einer offenen, demokratischen Gesellschaft zu verstehen: Was sind diese Werte? Wie können sie verteidigt werden? Wie hängen sie zusammen? Wie können sie als Kommentar zum (sozialen) Leben verstanden und begründet werden? (zu unserem deliberativen Ansatz siehe, unter anderem, Blokland 2018a und 2018b).

Die Idee der Deliberation geht auf die Griechen zurück und wurde regelmäßig auf die Tagesordnung der Politikwissenschaftler gesetzt. Zusammen mit Themen wie Bürgerschaft, sozialem Zusammenhalt und Sozialkapital ist es in den letzten zwei Jahrzehnten wieder in den Vordergrund gerückt (vgl. Blokland 2011). War die Diskussion über Deliberation und politische Partizipation in der Vergangenheit überwiegend theoretisch, so wird jetzt, trotz großer methodischer Herausforderungen, mehr und mehr empirische Forschung betrieben. Forschung kann auf die optimalen institutionellen, kulturellen und persönlichen Bedingungen für die Deliberation, über den Deliberationsprozess selbst und über die Endergebnisse abgezielt sein (Bächtiger und Wyss 2013). Diese Ergebnisse könnten vielfältig sein: Die Präferenzen können sich ändern, vorzugsweise in Richtung des Gemeinwohls; die Präferenzen können besser informiert und kohärenter werden; Menschen können die Positionen der anderen besser verstehen und mehr Bereitschaft zeigen, zu einer Arbeitsvereinbarung oder einem Kompromiss zu kommen; und als Nebenwirkungen können Menschen mehr Vertrauen in ihre eigenen politischen Fähigkeiten, in die Mitmenschen und in die Demokratie bekommen.

Wir konzentrieren uns auf die dritte Frage, die Effekte oder Ergebnisse von Deliberation.  In Bezug auf diese Frage basiert die meiste Forschung auf deliberativen Umfragen, die von James Fishkin (1995, 2009) in den neunziger Jahren initiiert wurden. Deliberative Umfragen haben ein vergleichbares Format wie die deliberativen Workshops, die Social Science Works seit 2016 organisiert: Bürger treffen sich mehrere Tage, um ein bestimmtes Thema eingehend zu diskutieren. Sie bekommen Informationen, können mit Experten sprechen und diskutieren das Thema untereinander. Zu Beginn und am Ende werden sie nach ihren Vorlieben und Ideen befragt.

Seit den neunziger Jahren organisierte Fishkin mehr als 70 Projekte in 24 Ländern, darunter Japan, China, die Mongolei, Argentinien, Polen, Großbritannien, Ungarn, Bulgarien, die Vereinigten Staaten, Korea, Ghana und die Europäische Union. Die Themen reichten von: Gesundheitsfürsorge; Urban Governance; Energie- und Umweltpolitik; Arbeitslosigkeit und Schaffung von Arbeitsplätzen; Wahlrecht für Einwanderer; Politik gegenüber den Roma; Rechte und Pflichten der Bürger, oder der Zukunft der Europäischen Union (siehe: http://cdd.stanford.edu/). Die deliberative Methode kann auch in anderen Zusammenhängen angewendet werden: zum Beispiel, Ackerman und Fishkin (2004) schlugen vor, “Deliberationdays” zu organisieren, bei denen die Wähler vor der Abstimmung zunächst die wichtigsten Themen mit Experten, politischen Vertretern und untereinander debattieren. Social Science Works beabsichtigt, diese Art von „Bürger Dialoge“ vor den Wahlen im September 2019 in Brandenburg durchzuführen.

Die Ergebnisse der Deliberations Umfragen sind überwiegend positiv. “Jedes Mal gab es messbare, statistisch signifikante Veränderungen der Ansichten”, beobachtet Fishkin (http://cdd.stanford.edu/what-is-deliberative-polling/; vgl. Grönlund et al. 2010; Ackermann und Fishkin 2015; Fishkin, Luskin, O’Flynn und Russell. 2012; Schaal 2009). Die Teilnehmenden der verschiedenen von uns durchgeführten Workshops signalisieren ähnliche Ergebnisse. Sie fühlen sich vor allem besser informiert und verstanden, und meinen ein besseres Verständnis über die Meinungen der anderen Teilnehmer zu haben.

Bruce Ackermann und Fishkin schreiben im Jahr 2015: „In mehr als zwei Drittel der Fälle finden wir statistisch signifikante Änderungen in den endgültigen Urteilen. Es gibt auch große Gewinne in Erkenntnis und gegenseitigem Verständnis. In jedem Projekt können wir zeigen, dass sich die Teilnehmer auf Substanz konzentrieren und nicht auf Sloganeering.“ Ein Projekt in Nordirland, in dem Protestanten und Katholiken über lokale Schulen deliberierten, zeigte zum Beispiel, dass „selbst in tief gespaltenen Gesellschaften … Massengespräche … hilfreich sein können” (Fishkin, Luskin, O’Flynn und Russell. 2012: 133). Es stellte sich heraus, dass normale Bürger “möglicherweise weniger hartnäckig entgegengesetzte Ansichten haben, als die Eliten, die für sie sprechen. Die Erfahrung, sich mit politischen Fragen auseinanderzusetzen, kann ihnen helfen, dies zu erkennen und ihre Ansichten noch näher zu bringen. Vielleicht ist es noch wichtiger, dass die Menschen gegenseitige Feindseligkeit und Misstrauen reduzieren. Eine Veranstaltung, die all dies demonstriert, kann wiederum einen Kompromiss auf Elite-Niveau fördern – ermutigt Moderate und macht es Hardlinern schwerer, die ‚ethnische Karte zu spielen‘“ (2012: 117).

Bächtiger und Wyss (2013: 178) fassen die Literatur zusammen: Deliberative Umfragen “induzieren in der Regel deutliche Meinungsänderungen, oft in Richtung progressiver und liberaler Positionen …  Der Anteil derjenigen, die ihre Meinung ändern, liegt vielfach über 50 Prozent und radikale Meinungsänderungen können bis zu 20 Prozent betragen. Zudem steigt das Wissensniveau der Teilnehmenden an (gemessen als korrekte Antworten zu Wissensfragen). Daneben finden sich auch eine Reihe von wünschbaren Nebeneffekten: Bürgerdeliberation erhöht das politische Interesse, das politische Vertrauen, sowie die kollektive Handlungsbereitschaft. Schließlich finden sich kaum unerwünschte Gruppendynamiken, wie Konformitätseffekte oder Meinungspolarisierung.“ Die Veränderungen in den Präferenzen und im Wissen sind auch in unterschiedlichen Kulturen vergleichbar. Bächtiger und Wyss schlussfolgern: „Deliberation scheint somit in der Tat eine universelle Dimension, sowie kulturelle Übertragbarkeit zu besitzen“ (2013: 179). Dies alles entspricht den Erfahrungen, die wir (SSW) in den letzten drei Jahren mit deliberativen Workshops für Menschen mit unterschiedlichsten kulturellen und sozialen Hintergründen gemacht haben (Blokland 2018a).

Die Teilnehmer deliberativer Umfragen sind per definitionem eine Stichprobe der Bevölkerung: man möchte wissen, wie die Bürger abgestimmt hätten, wenn sie zuvor eine informative Deliberation hatten. Da nicht jeder Zeit hat, zwei oder drei Tage über Kriminalität oder ein anderes Thema zu deliberieren, spricht die Stichprobe für die gesamte Polis. Abgesehen von professionellen Politikern (die sich im Vergleich zu normalen Bürgern als eher miserable Deliberatoren erwiesen haben), wurden Deliberationen von Untergruppen der Bevölkerung nur selten erforscht.

Social Science Works ist besonders an Deliberation mit jungen Männern und Frauen interessiert, die zu monistischen oder extremistischen Weltanschauungen neigen. Inwieweit eröffnet eine umfassende Auseinandersetzung mit im Kern umstrittenen Konzepten wie Demokratie, Freiheit, Identität, Toleranz und Gleichheit geschlossene, monistische Weltanschauungen, in denen alle Fragen nur eine richtige Antwort haben und alle richtigen Antworten in einem harmonischen, konsistenten System organisiert werden können (vgl. Blokland 2018b)? Diese Frage wurde bisher kaum wissenschaftlich behandelt. Wir halten dies aber für besonders wichtig, da die Literatur zur Radikalisierung und Deradikalisierung zeigt, dass frühe Interventionen durch Deliberation mit gemischten Gruppen junger Menschen eines der vielversprechendsten politischen Instrumente auf diesem Gebiet sein könnten.

 

Radikalisierung und Deradikalisierung

Der jüngste Versuch, das gesamte vorhandene Wissen und Know-how in diesen Bereichen zusammenzubringen, war das Projekt Gesellschaft Extrem: Radikalisierung und Deradikalisierung in Deutschland. Das Projekt wurde durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt und koordiniert durch die Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung (PRIF/HSFK).

Die Empfehlungen der verschiedenen Arbeitsgruppen stimmen weitgehend mit dem von uns vertretenen Ansatz überein:

  • “Prävention sollte breit und universell ansetzen“ (Srowig et al 2018: 27).
  • „Radikale Kritik ernst nehmen… Substanzielle partizipative Angebote stellen das Bild vom unveränderbaren Status Quo in Frage und ermöglichen Selbstwirksamkeitserfahrungen. Repressionsansätze führen dahingegen zu Eskalationsspiralen und Ko-Radikalisierungen.“ (Meiering et al 2018: 26)
  • “Radikalisierungsverläufe sind stets abhängig von individuellen Biographien. Eine Stärkung persönlicher Resilienz durch die Förderung von Ambiguitätstoleranz und breit angelegte Präventionsmaßnahmen sind das vielversprechendste Mittel in der Deradikalisierungsarbeit“ (Baaken et al 2018: 23).

 

Srowig, Roth, Pisoiu, Seewald and Zick (2018) zeigen in ihrem Endbericht, Radikalisierung von Individuen: ein Überblick über mögliche Erklärungsansätze, dass die meiste Forschungen auf dem Gebiet der (De)Radikalisierung erkunden welche Art von Personen unter welche Umständen radikalisieren. Die Anzahl der Variablen, die die Radikalisierung erklären könnten, ist sehr groß, und verschiedene Forscher messen diesen Variablen unterschiedliche Gewichte zu. Daher kommen sie oft zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen.

Die Forschung zeigt jedoch, dass radikalisierende Menschen nicht, um es forsch zu sagen, psychisch krank sind. Es ist offensichtlich tröstlich für Gesellschaften, Extremisten als “verrückt” zu definieren, Srowig et al weisen jedoch auf die “beschränkte Aussagekraft psychischer Erkrankungen als Ursachen für Radikalisierungsprozesse und Gewalttaten” (2018: 2) hin. In Bezug auf Borum (2014) und Koomen & Van der Plicht (2015) stellen sie fest, dass „die Psychologie weder durch theoretische Annahmen noch durch empirische Befunde eine radikalisierte oder terroristische Persönlichkeit definieren kann“ (2018: 3). Daher ist es möglich, mit diesen Menschen rational zu deliberieren. Trotz allem sind sie reflektierende Akteure. Die Menschen in dieser Gruppe haben eine bestimmte “Denkweise”, die sie zu radikalen Positionen führt, aber es ist immer noch möglich, mit diesen Menschen vernünftig zu reden.

Besonders Jugendliche zwischen 15 und 35 Jahren sind offen für radikale politische Ideologien. Srowig und andere bemerken, dass es eine größere Chance gibt, dass sich Menschen radikalisieren, wenn sie sich von anderen Individuen, Gruppen oder ganzen Gesellschaften und Kulturen respektlos, ausgeschlossen oder verraten fühlen oder wenn sie z.B. von persönlichen Rückschlägen wie gescheiterten Beziehungen, Arbeitslosigkeit, gebrochenen Bildungs- oder Berufskarrieren betroffen sind. Dazu können Faktoren kommen, dass sie auch wegen ihres jungen Alters, ein Interpretationsmodell, ein Paradigma, eine Ideologie oder eine Erzählung verfehlen, die ihnen eine Identität bietet, die ihrem Leben Sinn und Richtung gibt und es ihnen ermöglicht, die Situation zu verstehen, in der sie sich befinden. Außerdem können bereits vorhandene Faktoren eine Rolle spielen, dass sie z.B. bereits für radikale Gedanken anfällig sind, weil ihre Persönlichkeit sie anfälliger für das Denken in Schwarz / Weiß-Schemata macht, oder sie Zeichen von narzisstischer Selbstabsorption, Autoritarismus und von “Sensation Seeking Behavior“ vorzeigen.

Radikale Gruppen und Ideologien bieten den betroffenen Menschen die notwendige Gemeinschaft, Respekt, soziale Identität, Richtung und Perspektive auf die Realität. Radikale Milieus und Gruppen stehen in Konkurrenz zu „diversen bürgerlichen und staatlichen Sozialisationsangeboten. Sie bieten nicht nur alternative Deutungsmuster, sondern verbreiten ein stark vereinfachtes Weltbild von Gut und Böse.“ (Srowig, 2018). Deshalb, wenn wir Radikalisierung Vorbeugen, oder den Prozess umkehren wollen, müssen wir bessere Ideen und Erzählungen oder Narrative anbieten als die, die radikale Gruppen und Ideologien anbieten. Und da die Wege zur Radikalisierung extrem vielfältig sind,[i] ist die Anzahl der Variablen im Spiel zu groß, und folglich, da es unmöglich ist, eine Politik zu entwickeln, die sich an Individuen richtet “(sollte) Prävention breit und universell ansetzen” (Srowig et al 2018: 27).

Meiering, Dziri und Foroutan beobachten in ihrem Bericht, Brücken-Narrative – Verbindende Elemente für die Radikalisierung von Gruppen, dass die Radikalisierung von Individuen, insbesondere in Gruppen stattfindet. Gruppen bieten Identität, Gemeinschaft, Narrative, die den Menschen Halt geben. Alle Gruppen haben Erzählungen, die andere ausschließen und andere Gruppen in verschiedenen Graden als Herausforderer, Rivalen oder sogar Feinde definieren. Wenn Gruppen unter Druck gesetzt werden, durch Prozesse der Stigmatisierung bis zur Verdrängung, werden sie geschlossener, unzugänglicher und radikaler. Diese Dynamik kann in allen Gruppen wahrgenommen werden, unabhängig von ihrer Narrative oder Ideologie.

Ideologien und Erzählungen verschiedener radikaler Gruppen haben oft viel gemeinsam. “Brücken” schaffen unerwartete Verbündete. Anti-Imperialismus, Anti-Modernismus, Anti-Universalismus und Antisemitismus werden daher von “Neue(n) Rechte(n), Islamisten und antiimperialistische(n) Linke(n)” geteilt. Antifeminismus wird getragen durch „völkischen Nationalisten, christlichen und islamischen Fundamentalisten und islamistischen Dschihadisten“. Die Idee des „Widerstands“ wird durch alle radikalen Gruppen gestützt: Man glaubt, dass sie sich in einem Widerstandkampf befinden, der den Einsatz von Gewalt legitimiert.

Alle Narrativen, „sind zwar in den jeweiligen Bereichen unterschiedlich zugeschnitten, gehören aber zu den gleichen narrativen Bündeln und erfüllen ähnliche Funktionen. Sie strukturieren Wahrnehmungsmuster, Zugehörigkeitsattributionen und Handlungsoptionen und wirken dadurch als Transmissionsriemen für Radikalisierungsprozesse“ (Meiering, 2018: 10). Folglich kann Gruppendynamik allgemein beobachtet werden, aber es erklärt nicht, was die Menschen zusammengebracht hat, wie sie sich selbst sehen und was sie gemeinsam tun werden. Dazu brauchen sie eine Erzählung, sie brauchen Ideen. Diese Erzählungen sollten wir ansprechen. Und wir sollten uns nicht auf jede Narrative und Gruppe individuell konzentrieren – Radikalisierung durch Stigmatisierung muss verhindert werden, aber am besten gezielt auf “gruppenübergreifenden Brückennarrativen”.

Dies alles passt gut zur Analyse der Deradikalisierungs-Arbeitsgruppe. Baaken et al. Beobachten, dass radikalisierte Menschen sich mehr und mehr auf der Grundlage nur einer Identität definieren und aufhören, ein komplexes, mehrschichtiges Selbstverständnis aufzubauen, dass in einer komplexen, modernen Gesellschaft benötigt wird. Deradikalisierung sollte nicht bedeuten, dass Menschen in eine mittlere Position in der Gesellschaft geführt werden. Radikale Positionen sind weder für Einzelne noch für Gesellschaften an sich ungesund. Das Ziel der Deradikalisierung sollte sein “dem Individuum Fähigkeiten zur Ambiguitätstoleranz zu vermitteln“ (2018: 11).

Nach Baaken et al spielt die wissenschaftliche Literatur kaum eine Rolle in der praktischen Arbeit der Menschen, die aktiv an der Deradikalisierung beteiligt sind.[ii] Da die Prozesse der individuellen Radikalisierung sehr unterschiedlich sind, ist es unmöglich, universelle Generalisationen oder Theorien zu formulieren, die bei der Beobachtung, Beschreibung, Erklärung und Vorhersage von Radikalisierung helfen könnten. Daher besteht die vielversprechendste Politik darin, Menschen und insbesondere Jugendliche im Allgemeinen widerstandsfähig gegen Unsicherheit und Ambiguität, sowie und offen für Vielfalt zu machen. Zu intervenieren, wenn Menschen radikalisiert wurden, ist zu spät. Man sollte verhindern, dass Menschen jemals in diese Phase kommen: “Die erfolgreichste Deradikalisierung ist jene, die nicht stattfinden muss“ (2018: 24).

 

Fazit

Die Forschung zu Deliberation und (De)Radikalisierung wirft einige wichtige Fragen auf: Erzeugt eine Deliberation einer gemischten Gruppe von Jugendlichen, einschließlich einiger Menschen die einen Radikalisierungspfad eingeschlagen haben, über verwante Themen wie Demokratie, Pluralismus, Freiheit, Autonomie, Identität, Diskriminierung, Rassismus, Respekt, Gleichheit, Gleichberechtigung, Männlichkeit, Homosexualität und Menschenrechte, die Wirkungen die die oben zitierten Akademiker und Praktiker sich erhoffen und fordern?

Ermutigt Deliberation Menschen gemeinsam Werte zu durchdenken, die binden,  Sinn und Richtung geben? Entwickeln wir die notwendige alternative Narrative, indem wir all diese Themen als ein verflochtenes Muster von Ideen diskutieren, wobei jeder Teil andere Teile unterstützt und stärkt? Obwohl diese Narrative offen und pluralistisch ist, macht sie Jugendliche dennoch widerstandsfähig für Vielfalt und Ambiguität?

Wenn wir deliberieren, wie Werte kollidieren, wie Werte unter verschiedenen Umständen unterschiedlich gewichtet sind und wie das Abwägen von Werten eine nie endende Herausforderung darstellt, wenn wir gleichzeitig zeigen, dass wir dies auf rationale, vernünftige Weise tun können und dass es immer ein Minimum an geteiltem Intuitionen in Bezug auf Werte gibt auf die wir zurückgreifen können, fördern wir dann die Resilienz für Vielfalt und Ambiguität, die in einer modernen pluralistischen Gesellschaft benötigt werden?

Anders formuliert: Wenn Menschen ein besseres Verständnis von den Rechtfertigungen und Fundamenten von wesentlich umstrittener Begriffe wie „Demokratie“, „Freiheit“ und „Toleranz“ entwickeln, sowie ein Verständnis der Zusammenhänge dieser Werte erarbeiten; wenn Menschen ein Verständnis von der Komplexität ethischer, politischer, gesellschaftlicher und letztendlich erkenntnistheoretische Fragestellungen entwickeln, untergräbt dann dieses Verständnis den sturen Glauben an die finalen Antworten die monistische Weltanschauungen anbieten?

Weitere Forschung ist erwünscht, aber wir sind sehr geneigt, diese Fragen affirmativ zu beantworten. Dies wollen wir auf der Grundlage der vorhandenen Deliberationsforschung und unserer eigenen Erfahrungen bei deliberativen Workshops mit Teilnehmern mit vielen unterschiedlichen sozialen, kulturellen und religiösen Hintergründen erforschen. Wir sehen auch keine Alternative. Es ist nicht möglich, eine allgemeine Theorie zu formulieren, auf der konkrete Maßnahmen, die ausschließlich auf gefährdete Personen abzielen, durchgeführt werden können. Die Anzahl der Variablen und ihre Wechselwirkungen, die Radikalisierung erklären, ist zu groß. Das Beste, was wir tun können, ist die Widerstandsfähigkeit (insbesondere junger Menschen) für extremistische, monistische Gedanken und Gruppen zu stärken.

Deliberation kann hier eine Entscheidende Rolle spielen.

 

Vielen Dank an Jess Haigh und Florentin Münstermann für die Aufbereitung dieses Artikels.

 

Literatur

Ackerman, Bruce and James S. Fishkin. Deliberation Day. Yale University Press, New Haven & London. 2004.

Ackerman, Bruce and James Fishkin. 2015. Britain should deliberate before it votes on Europe. Huffington Post, 17.07.2015 http://www.huffingtonpost.co.uk/bruce-ackerman/britain-should-deliberate_b_7607312.html?1434576787

Baaken, Till, Reiner Becker, Tore Bjǿrgo, Michael Kiefer, Judy Korn, Thomas Mücke, Maximalian Ruf and Dennis Walkenhorst. 2018. Herausforderung Deradikalisierung: Einsichten aus Wissenschaft und Praxis. Peace Research Institute Frankfurt/Leibniz-Institute Hessische Stiftung Friendens- und Konfliktforschung: PRIF Report 2018/9.

Blokland, Hans T. 2011. Pluralism, Democracy and Political Knowledge: Robert A. Dahl and his Critics on Modern Political Science and Politics, Burlington (VT) and Farnham: Ashgate

Blokland, Hans T. 2018a. How to deliberate fundamental values? Notes from Brandenburg on our approach.  http://bit.ly/2BLsNmm

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Bohman, James and William Rehg (eds). 1997. Deliberative Democracy: Essays on Reason and Politics. Cambridge (mass.) and London: the MIT Press.

Borum, Randy 2014: Psychological Vulnerabilities and Propensities for Involvement in Violent Extremism, Behavioral Sciences & the Law 32: 3, 286–305.

Dryzek, John S. 2005. Deliberative Democracy in Divided Societies: Alternatives to Agonism and Analgesia, Political Theory, 33 (2), 218–42.

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Kärgel, Jana (ed.) “Sie haben keinen Plan B”:  Radikalisierung, Ausreise, Rückkehr – Zwischen Prävention und Intervention. Bundeszentrale für politische Bildung.

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Srowig, Fabian, Viktoria Roth, Daniela Pisoiu, Katharina Seewald and Andreas Zick. 2018. Radikalisierung von Individuen: ein Überblick über mögliche Erklärungsansätze. Peace Research Institute Frankfurt/Leibniz-Institute Hessische Stiftung Friendens- und Konfliktforschung: PRIF Report 2018/6.

 

Anmerkungen

[i] Typisch ist diese Empfehlung: “Aufgrund der lokalen und regionalen spezifischen Merkmale von individuellen radikalisierungsprozessen kann nicht davon ausgegangen werden, dass sich die im europäischen Ausland entwickelten Methoden und Methodologien eins zu eins in Deutschland adaptieren lassen. Lokale Gegebenheiten, regionale extremistische Milieus, Akteure und Konfliktdiskurse müssen bei der Konzeption von Maßnahmen und Forschungsanträgen berücksichtigt werden.“ (2018: 27)

[ii] „Die Literatur zum Themenfeld Deradikalisierungs (-praxis) .. bleibt insgesamt unzureichend und fragmentarisch. Dem Thema Radikalisierung wird nach wie vor viel Platz in der akademischen Debatte eingeräumt, obwohl die theoretische Aufarbeitung dieses Komplexes bisher nur wenige praxisrelevante Ansatzpunkte für die Deradikalisierung zutage gefördert hat“ (2018: 24). „Universitätsbasierte Forschungseinrichtungen priorisieren oftmals die Ursachenforschung und sind von den Herausforderungen, mit denen sich Fachkräfte im berufsbedingten Umgang mit radikalisierten Menschen konfrontiert sehen, weitgehend entkoppelt“ (2018: 25-6).