Luftverschmutzung korreliert mit der Qualität unserer Reden und Texte, las ich kürzlich in einer Studie. Ein Luftverschmutzungswert über 15 Mikrogramm pro Kubikmeter verschlechtere unsere Schreibqualität erheblich. Ich wohne derzeit in Berlin. Würde ich also auf die Verbesserung der Luftqualität warten, um bessere Texte schreiben zu können, wäre ich wohl verloren. Zum Schreiben aufs Land fahren ist auch keine Option. Gefragt sind daher Stellschrauben, an denen gedreht werden kann. In Wissenschaftssprache ausgedrückt: Es geht um beinflussbare Variablen.1

 

Über die Bringschuld des Wissensproduzenten

Wissenschaftliche Texte glänzen nicht selten durch eine hochtrabende Art — zeilenlange Schachtelsätze, Jargon, technisches Vokabular und Substantive soweit das Auge reicht (siehe dazu auch den SSW Blogpost von Christian Kipp). Dies ist der vorherrschende Duktus in der wissenschaftlichen Fachsprache, besonders in der deutschsprachigen. Das Problem: Dieser Duktus steht im Widerspruch mit einem der Leitziele des Wissenssystems, welches da lautet, Erkenntnisse einer möglichst breiten Leserschaft zugänglich zu machen.

Dazu hilft es, sich zu vergegenwärtigen, dass Wissenstexte im Kern ein Kommunikationsmedium darstellen. Nach innen werden Forschungsbefunde geteilt. Nach außen dienen Texte als Kommunikationsvehikel vis-à-vis Gesellschaft und Politik. Im Idealfall nutzen Verwaltung und Politik diese Befunde als Entscheidungsgrundlage. Wissenstexte erfüllen daher eine wichtige Schnittstellenfunktion zu anderen Systemen (Politik, Wirtschaft etc.). Die Herausforderung liegt darin, Inhalte so zu kommunizieren, dass auch Nicht-Akademiker etwas damit anfangen können.

Das Wirkungspotential des Wissenschaftssystems steht und fällt daher mit der Qualität seiner Texte. Dies stellt besondere Anforderungen an Schreibstil und Präsentation. Klarheit, so schrieb Jules Renard einmal, ist die Höflichkeit eines jeden Autors. Wystan Hugh Auden hätte wohlmöglich hinzugefügt: „your easy reading is my hard writing“. Wissensproduzenten stehen damit gleich in einer doppelten Bringschuld: Einerseits wird von ihnen erwartet, dass sie klar schreiben, und anderseits, dass sie komplexe Inhalte verständlich kommunizieren. Unterm strich gilt: Je zugänglicher Wissenstexte verfasst sind, desto höher ist ihr Wirkungspotential.

 

Ansprechende wissenschaftliche Texte sind bildlich und klar geschrieben

Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse am Ende „Politik machen“ — also tatsächlich Wirkung erzielen — ist schwierig vorherzusagen. Dieses Potenzial hängt von exogenen Variablen ab, deren Diskussion nicht Teil dieses Artikels ist.

Damit sich das Wirkungspotenzial von Texten überhaupt erst entfalten kann, gilt es auf Textebene die richtigen Weichen zu stellen. Ganz wichtig: Der Sprachstil darf nicht hochtrabend wirken. Das klappt zumeist dann, wenn der Autor bildlich und klar kommuniziert. Wirkungsvolle Texte sind daher so geschrieben, dass man sich in sie „hineinfühlen“ kann, bei der Lektüre die eigene Vorstellungskraft aktiviert wird und, allem voran, keine Fragezeichen auf der Verständnisebene zurückbleiben.

Der kritische Leser mag an dieser Stelle einwenden, dass wissenschaftliche Texte zielgruppenorientiert geschrieben werden müssen. Das ist ohnehin gängige Praxis: Die meisten wissenschaftlichen Artikel sind hochgradig technisch. Meine Empfehlungen würdigen den Aspekt der Zielgruppenorientierung und ergänzen diese. Wer ansprechende Texte schreiben möchte und damit Menschen in- und außerhalb des Wissenssystems erreichen will, schreibt

  • konzeptionell klar, methodisch korrekt und empirisch differenziert, sodass der Beitrag auf Grundlage vorherrschender wissenschaftlicher Standards bewertet werden kann; und
  • sorgt auf sprachlicher Ebene dafür, dass komplexe Inhalte so verständlich wie möglich erklärt, mit greifbaren Beispielen unterfüttert und damit auch für Laien zugänglich sind.

Zugegebenermaßen ist dies keine einfache Aufgabe — phasenweise eine Gradwanderung. Viel hängt davon ab, um was für eine Art von Text es sich handelt, ob er etwa methodisch-kompliziert oder theoretisch-abstrakt angelegt ist. Über die Feststellung hinaus, dass der Schreibstil im Einzelfall abgewogen werden muss, möchte ich folgende Faustregel zum Besten geben: Je mehr Elemente der bildlichen Sprache in einem Wissenstext eingebaut sind, desto weniger hochtrabend wirkt er.

Wer die Wirkungspotenziale seiner Texte heben möchte, kann dies auf der sprachlichen Ebene durch verschiedene Techniken bewerkstelligen. Nachfolgend stelle ich Handwerkstipps für Wissensproduzenten vor, insgesamt sieben an der Zahl, welche auf zwei Textebenen verortet werden können: Struktur und Sprache. Die Möglichkeiten sind mit diesen sieben Tipps nicht ausgeschöpft. Weil ich aber denke, dass sie zu den wichtigeren Stellschrauben gehören, beschränke ich mich in diesem Artikel auf ebenjene Auswahl.

 

Sieben Handwerkstipps für das Schreiben von wissenschaftlichen Texten

 

Titel machen Appetit

Mit einem Titel ist es wie mit einem Amuse-Bouche: Er soll Appetit machen. In der Natur des Menschen liegt es, dass er mit bildlichen Ausdrücken mehr anfangen kann als mit abstrakter und technischer Sprache. Entsprechend gilt, je trockener der Titel, desto weniger Interesse wird beim Leser geweckt. Mit einem „catchy title“ erreicht man mitunter auch Leute aus fachfremden Bereichen.

 

Überschriften bieten Orientierung

Überschriften sind wie Wegweiser: Sie bieten Orientierung. Dies gilt für die gesamte Gliederung, von Kapitelüberschriften über Abschnitte hin zu Zwischenüberschriften. Die einzelnen Textbausteine sollten in einem sinnvollen Zusammenhang stehen, d. h. nachvollziehbar (logisch/chronologisch) aufgebaut sein. Besonders ansprechend wirken „sprechende“, dynamische und bildliche Überschriften (wie z. B.  „Wörter auf Diät“; „the many faces of states“).

 

Absätze formen Sinneinheiten

Absätze fungieren als Sinneinheiten: Jeder Absatz hat ein Thema. Der erste — allerspätestens zweite — Satz enthält die Kernbotschaft (topic sentence). Alle übrigen Sätze detaillieren, begründen, relativieren. Bei längeren und komplizierteren Absätzen empfiehlt sich ein Schlusssatz. Dieser kann etwa ein Resümee ziehen, Implikationen oder Konsequenzen aufzeigen. Wer Absätze nach diesem Schema aufbaut, erreicht auch flüchtigere Leser („Insel-Leser“).

 

Sätze sind Informationscontainer

Sätze transportieren Informationen: Ideen, Thesen, Fakten, Bewertungen. Das Wichtigste steht vorne im Hauptsatz. Verschachtelte Sätze sollten nach Möglichkeit vermieden werden. Für den Leser sind solche Konstruktionen mühsam, denn sie verzögern das Verb unnötig — eine Besonderheit des Deutschen. Angenehm wirken Satzreihen, wenn sich lange und kurze Sätze abwechseln.

 

Verben trumpfen Substantive

Auf Substantive sollte verzichten werden, wo ein Verb den selben Dienst erfüllt: „Wir verzeichnen eine Zunahme der Bevölkerung“ liest sich leicht gestelzt; dahingegen klingt „die Bevölkerung nimmt zu“ ungleich kraftvoller. Vorsicht auch mit Synonymen! Insbesondere wenn es um Fach- und Schlüsselbegriffe geht, sollten diese einheitlich genutzt werden. Abwechslung kann auf anderen Ebenen erreicht werden, etwa durch Variation in der Syntax, bei Verben oder Adjektiven.

 

Adjektive und Abverbien sind das Salz in der Suppe

Adjektive und Adverbien wirken bei richtiger Dosierung wie Wunder — bei Überdosierung hingegen versalzen sie das Süppchen. Daher stehen sie ganz oben auf der Liste überflüssiger Wörter. Als Faustregel gilt: Wo das Adjektiv/Adverb für das Verständnis nicht zwingend ist, ist es falsch. Gut beraten ist, wer aussagekräftige Substantive und Verben nutzt, die keiner weiteren Präzisierung oder Verstärkung bedürfen: „Das Wachstum ist eingebrochen“ statt „es gab einen deutlichen Rückgang des Wachstums“.

 

Aktiv schlägt den Passiv

Wer ist eigentlich der Täter? Der Passiv ist im Deutschen zwar weit verbreitet — im Englischen ist das z. B. anders — birgt allerdings Fallstricke. Erstens geht in der passiven Variante verloren, wer der Handelnde ist; zweitens hat der Passiv weniger Schwung; und drittens ist er anstrengend, weil das Gehirn mehr Zeit braucht, um Inhalte zu verarbeiten: „Die Daten werden einer Überprüfung unterzogen“ spielt in einer ganz anderen Liga als „Wir prüfen die Daten“.

Zur Veranschaulichung einiger wichtiger Handwerksgriffe, die ich oben diskutiert habe, hier ein überarbeiteter Textausschnitt aus einem politikwissenschaftlichen Essay — links findet sich das Original, rechts die überarbeitete Fassung und daneben eine Kurzbeschreibung der Anpassungen.

Fazit

Der modus operandi des Wissenschaftssystems lässt uns im Glauben zurück, der heilige Gral der Textproduktion läge darin, ein möglichst überproportionales Verhältnis zwischen Substantiven und Verben — zugunsten ersterer Kategorie — herzustellen, den sinnlich-bildlichen Weltbezug im Nebel konzeptioneller Begriffsschwaden verdunsten zu lassen und aktive Handlungsbeschreibungen durch die Nutzung des Passivs zu umgehen — na, war das ein anstrengender Absatz?

Im Ergebnis schreiben und produzieren wir reihenweise Texte. Warum nicht gleich so, dass sich der Leser dabei wohlfühlt? Damit bewirken wir soeben zwei wichtige Dinge: Erstens erhöhen wir das Wirkungspotential unserer Texte und zweitens machen wir sie auch für Laien zugänglich.

Wie mit vielen anderen Dingen im Leben — vom Auto fahren bis zum Zelte aufschlagen — braucht auch das Texten Erfahrung. In der Zwischenzeit haben wir aber die Möglichkeit an unserer Technik zu arbeiten. Übung macht den Meister. Bis dahin verbleibe ich mit einem, wie ich finde, sehr treffenden Zitat:

„In any discipline, writing creative non-fiction at a research level is hard, skilled work“ (Patrick Dunleavy)

 

[1] Aus Einfachheitsgründen wurde in diesem Artikel nur die männliche Form gewählt.  Selbstverständlich gelten die obenstehenden Inhalte für alle Geschlechter.

 


Über mich

Die obigen Tipps sind das Ergebnis und die Synthese meiner Erfahrungen als freiberuflicher Lektor und Übersetzer (www.baysan.eu.) seit 2011, eigener Schreiberfahrungen als Angestellter in der Politikberatung, in NGOs, Think Tanks sowie der Lektüre verschiedenster Schreibratgeber. Dieser Artikel steht unter dem Motto: Vom Wissensproduzenten für Wissensproduzenten.